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Lupe Ultrarechte in Israel gewinnen an Rückhalt

Nach dem Libanon-Krieg wächst in Israel die Unzufriedenheit mit der Regierung. Der rechtsnationale Likud und die Rechtsradikalen erfahren Zuspruch. Premier Olmert muss nun dringend neue politische Ziele formulieren.

Von Igal Avidan

Knapp sechs Monate seit den letzten Parlamentswahlen sind viele Israelis unzufrieden mit ihrer Regierung. Die erst vor zehn Monaten gegründete neue größte Zentrumspartei Kadima (auf Hebräisch «Vorwärts») hat laut jüngsten Umfragen erheblich an Rückhalt verloren. Wenn jetzt Wahlen stattfänden, würde sie nur noch 17 von bisher 29 Sitzen in der Knesset erlangen.

Die Arbeitspartei, die zweitgrößte politische Kraft in der großen Koalition, rutscht demnach von 19 auf elf Mandate ab. Stärkste Fraktion wird der oppositionelle rechtsnationale Likud mit 20 Sitzen - doppelt so viele wie bisher.

Ebenso viele neue Stimmen entfallen laut der Umfrage auf die rechtsradikale Partei Israel Beitenu. Über die Gründe für dieses beispiellose politische Erdbeben diskutierten Teilnehmer der Tagung «Israel 2006», die von Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin veranstaltet wurde.

«Aus dem Libanonkrieg habe ich die Lehre gezogen, dass einseitige israelische Rückzuge ohne ein Abkommen keine Sicherheit gewährleisten, sondern mit Gewalt beantwortet werden», sagte Galia Golan, Professorin für Politikwissenschaften in Jerusalem und Vorstandsmitglied der linken Meretz-Partei.

Die meisten Israelis hielten jeden israelischen Rückzug für gefährlich, kritisierte Golan. «Dies führt dazu, dass das Programm der Olmert-Regierung einer einseitigen Räumung der meisten jüdischen Siedlungen im Westjordanland auf Eis gelegt wird.» Sollte Olmert die Ermittlungen gegen ihn wegen des Verdachts der Korruption politisch überleben, müsse er rasch eine neue Agenda finden.

«Kadima wird nicht verfallen»
Natan Sznaider, Soziologie-Professor an der Universität von Tel Aviv, rechnet aber nicht mit einem Zerfall von Kadima, obwohl die Partei weder über Stammwähler noch über Parteizentralen verfügt. Kadima sei ein Zeichen der Normalisierung in der israelischen Gesellschaft, weil sie nicht von Generälen geführt wird.

«Der Drang nach Normalität ist stärker als der Wille, die Regierung für den Libanonkrieg zu bestrafen», ist sich Sznaider sicher. Er erwartet, dass sich die Umfragewerte für die Partei bessern. «Kadima wird weiterhin regieren, weil es keine Alternative gibt.» Sznaider räumte jedoch ein, dass die Regierungspartei auf der Suche nach einer neuen Agenda sei.

Kadima sei eigentlich keine Partei, sondern eine virtuelle politische Kraft, gab die Buchautorin Avirama Golan zu bedenken. Israelis suchten in der Politik einen Erlöser, «einen starken Mann, der alle Probleme lösen kann», sagte die Publizistin, die für die linksliberale Zeitung «Haaretz» schreibt.

Nach Einschätzung von Avirama Golan schwindet das Vertrauen der israelischen Wähler in die Parteien, die sich immer weniger voneinander unterscheiden. «Junge, säkulare und gebildete Israelis gehen daher nicht mehr zur Wahl oder wählen aus Protest die Rentnerpartei», sagte sie.

Grund sei, dass die Politik keine Lösungen für die dringenden Probleme der Bevölkerung zu bieten habe, sagte die Autorin. Erst der Libanonkrieg habe wieder gezeigt, wie sehr der israelische Wohlfahrtsstaat bereits zerfallen sei.
Notleidende Israelis seien Opfer von Raketenangriffen geworden, nur Wohlhabende hätten es sich leisten können, im Zentrum und im Süden des Landes vor den Angriffen Schutz zu suchen, kritisierte Golan. Im Norden fehlten sowohl Luftschutzkeller als auch Sirenen.

«Schas-Partei füllte Vakuum»
Enttäuscht ist Avirama Golan inzwischen auch von dem Chef der Arbeitspartei, Amir Perez, der eine Friedenspolitik mit einer sozialen Agenda verbunden hatte. Anstatt weiter auf diese Ziele hinzuarbeiten, sei er lieber Verteidigungsminister geworden.

«Das Vakuum, das der Staat hinterließ, wurde durch die jüdisch-fundamentalistische Schas-Partei gefüllt, die die Methoden der Islamisten praktiziert», meinte Golan. Falls die schiitische Hisbollah nicht entwaffnet werden könne, sollte Israel vielleicht eine Schas-Miliz aufbauen und an der libanesischen Grenze stationieren.

Israel nicht Teil des Nahen Ostens
Wenig Sympathien für die israelischen Regierungskritiker empfindet dagegen Jafar Farah. Der Direktor des Interessenverbandes der israelischen Araber, Mosawa, ist nicht der Ansicht, dass die israelische Armee aus militärisch-technischen Gründen im Libanon scheiterte. Er glaubt vielmehr, dass Israel sich nicht als Teil des Nahen Ostens betrachtet.

Viele Israelis wünschten sich daher, dass die arabische Minderheit, die 20 Prozent der Gesamtbevölkerung von sieben Millionen ausmacht, durch Grenzkorrekturen ausgebürgert werde, sagte Farah. Damit solle eine stabile jüdische Mehrheit im Land gewährleistet werden.

Die meisten arabischen Israelis haben laut Farah keinen Zugang zu Luftschutzbunkern. Auch bei der Auszahlung der Nothilfe für das durch Hisbollah-Angriffe stark geschädigte Nord-Israel seien sie entschieden zu kurz gekommen. Zudem seien diese Menschen durch die Sorge um ihre palästinensischen Verwandten in libanesischen Flüchtlingslagern belastet worden.

«Iran kann Existenz Israels nicht bedrohen»
Auf Fragen nach der Gefährlichkeit des Iran für Israel sagte Farah, die Existenz des Staates werde durch die Atompläne nicht bedroht. «Israel ist in der Lage ist, im Fall der Fälle den Nahen Osten in Schutt und Asche zu legen», sagte er unter Anspielung auf die israelischen Kernwaffen. «Wäre der iranische Präsident klug, würde er aufhören, Israel ein Existenzrecht abzusprechen (...). Die einzigen in der Region, die kein Existenzrecht haben, sind die palästinensischen Flüchtlinge».

Der arabische Israeli Farah wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass selbst die arabischen Staaten bisher kaum etwas für die Palästinenser getan hätten. Er forderte die Bundesregierung auf, Druck auszuüben, um alle Konfliktparteien in der Region zu Friedensverhandlungen zu bewegen.

«Wir müssen Vertrauen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen und zu den eigenen Politikern schaffen», betonte Farah. «Wir brauchen keine erneute Illusion eines Friedens zwischen korrupten Politiker in Fünf-Stern-Hotels wie 1993», als die Osloer Friedensabkommen unterzeichnet wurden.

Dem Wunsch des Publikums nach einer optimistischen Botschaft zum Schluss widersetzte sich Natan Sznaider. «Stellen Sie sich vor, dass manche Konflikte unlösbar sind, nicht einmal auf einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung.»