31.07.2006
Herausgeber: netzeitung.de
«Sie sollen eine Atombombe rüberschicken»
Die Hisbollah-Angriffe haben die Einwohner im Norden Israels traumatisiert. Verletzte, die wochenlang von Albträumen gequält werden, drängen die Regierung zum härteren Durchgreifen.
Von Sara LemelWie ein Schutz suchendes Kind liegt Nika Simchowitsch zusammengekauert in seinem Krankenhausbett. Der 30-Jährige hat vor zwei Wochen einen Hisbollah-Raketenangriff auf eine Eisenbahnwerkstatt in der israelischen Hafenstadt Haifa schwer verletzt überlebt.
Am ganzen Körper hat er Brandverletzungen, in seinem Kopf steckt noch eine der kleinen Metallkugeln, mit denen der Sprengkopf der Rakete gefüllt war. Doch seine vielleicht schwersten Verletzungen sind unsichtbar.
«Ich kann die Bilder einfach nicht vergessen», erzählt der Fahrzeugingenieur, der vor 16 Jahren aus Russland eingewandert ist, mit tonloser Stimme. «Acht meiner befreundeten Mitarbeiter sind direkt neben mir getötet worden.» Von den Momenten der Explosion erinnert er nur noch «blauen Rauch».
Sein ganzer Körper habe sich nach «Feuer und Blut» angefühlt, sagte er. Im Krankenwagen verlor er das Bewusstsein und wachte erst vier Tage später im Rambam-Krankenhaus auf. Dort wird er wegen seiner schweren Brandverletzungen in der Abteilung für Plastische Chirurgie behandelt.
Warum gab es keine Warnsirene?Als besonders schlimm empfindet er die psychologischen Auswirkungen des Raketenangriffs. «Ich träume immer wieder von der Explosion. Sie haben mir einen Psychiater geschickt und geben mir Beruhigungstabletten, aber bisher hilft es kaum.» Er ist voller Zorn auf die israelische Regierung. «Warum gab es keine Warnsirene vor dem Angriff?», fragt er immer wieder.
Aber sein besonderer Hass gilt der libanesischen Hisbollah-Miliz, die mehr als tausend Raketen auf den Norden Israels abgefeuert hat. «Sie sollten eine Atombombe dort rüberschicken», meint er mit zusammengebissenen Zähnen. «Dann wäre Ruhe.»
Im Rambam-Krankenhaus, in das seit Beginn des Kriegs vor bald drei Wochen über 400 Verletzte eingeliefert wurden, fühlt sich Simchowitz nicht sicher. «Jeden Tag heulen die Sirenen, das macht mich ganz verrückt.» Auch die Ärzte in der größten Klinik Nordisraels fühlen sich von den Raketenangriffen stark in ihrer Arbeit beeinträchtigt.
Hinterland erstmals zur Front gewordenDer Notfallmediziner Eran Tal-Or sagt, es sei das erste Mal, dass das Hinterland zur Front wurde. «Wir arbeiten hier unter Feuer», erklärt der beleibte 50-Jährige mit dem schwarzgrauen Vollbart. Einige der Hisbollah-Raketen seien in unmittelbarer Nähe des Krankenhauses eingeschlagen. «Das ganze Gebäude hat gewackelt.»
Der Arzt sehnt sich nach einem schnellen Ende des Konflikts. «Sie sollen uns einfach nur in Ruhe arbeiten lassen», sagt er mit einem Stoßseufzer. Etwa die Hälfte der Patienten seien Menschen, die nach Raketenangriffen in nächster Nähe unter akutem psychischem Stress litten, sagt Krankenhaussprecher David Ratner. Für sie ist der Eßsaal in ein Auffangzentrum umfunktioniert.
Der normale Betrieb in dem Krankenhaus mit mehr als 1000 Betten geht unterdessen auch unter Raketenbeschuss weiter. Viele arabische und jüdische Ärzte arbeiten dort harmonisch zusammen. Daran hat auch der Krieg mit der radikal- islamischen Hisbollah-Miliz nichts geändert. Allein 115 Babys erblickten in der Klinik seit Beginn des Krieges das Licht der Welt. Der erste Schrei ihres Lebens wurde jedoch mitunter von durchdringendem Sirenengeheul untermalt. (dpa)