Presseschau: «Kana ist ein Schlüsselereignis»:
«Es gibt keinen Krieg mehr gegen Terrorismus»
31. Jul 2006 10:30
 |  Israelische Soldaten an der Grenze zum Libanon | Foto: AP |
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Der israelische Angriff auf libanesische Zivilisten in dem Dorf Kana hat nach Ansicht der internationalen Presse die radikale Hisbollah gestärkt. Israel müsse dringend seine Militärstrategie ändern.
«Corriere della Sera»: Hisbollah ist gestärkt
«Jetzt wird man versuchen, Jerusalem davon zu überzeugen, die Waffenruhe länger als zwei Tage einzuhalten und so die Gespräche mit der Regierung von Fuad Siniora wieder aufzunehmen - die von den Blutbädern der Hisbollah völlig zerdrückt wird, während Syrien schon bereit ist, die Waffenarsenale mit neuen Raketen aufzufüllen. (...) Aber ob der Waffenstillstand nun zwei Tage oder länger dauert, auf jeden Fall muss man jetzt zu Verhandlungen zurückkehren - wobei die Hisbollah durch die Gewaltwelle, die sie willentlich ausgelöst hat, in eine stärkere Position gekommen ist. Die grausame Wahrheit des Krieges im Juli 2006 heißt Tod für die libanesischen Kinder, Schrecken in den Städten Israels und das Ende jedes noch so kleinen Gleichgewichts im Nahen Osten.»
«The Times»: Israel braucht neue Militärstrategie
«Israel hat nun angekündigt, dass es die Luftangriffe für 48 Stunden aussetzen wird. Aber es muss seine gesamte Militärstrategie überarbeiten. Die simple Wahrheit ist, dass sein geheimdienstliches Wissen nicht die Qualität hat, um hochgefährliche Bombenangriffe dieser Art auszuführen. Dabei muss man darauf vertrauen können, dass sich der Schaden unter der Zivilbevölkerung in Grenzen hält. Israel muss viel vorsichtiger und viel besser darüber informiert sein, was es tun will. Wer der Hisbollah-Miliz einen solchen publizistischen Triumph verschafft, muss sich über die Konsequenzen eines solch tragischen Irrtums im Klaren sein.»
«Kommersant»: Es gibt keinen Anti-Terror-Krieg
«Die Ereignisse im Libanon zeigen nicht nur, dass es in der heutigen Welt keine reale Anti-Terror-Koalition mehr gibt. So paradox es auch klingen mag, es gibt auch keinen Krieg gegen den Terrorismus. Denn wenn bei einem Krieg wie im Libanon, der mit den modernsten und zielsichersten Waffen geführt wird, zehn Mal mehr Kinder als bewaffnete Männer getötet werden, kann man das wohl nicht mehr einen Krieg gegen den Terrorismus nennen.»
«La Repubblica»: Unzähmbare Guerilla im Libanon
«Das Blut von Kana ist allen ins Gesicht gespritzt. Es ist das Blut Unschuldiger (...) und es wird nicht leicht sein, es abzuwischen. Sonntagmorgen ist es von den Fernsehbildschirmen gelaufen, die seit 19 Tagen Bilder von Europäern im Urlaub und vom Libanon unter Bombenangriffen und von Israelis in den Schutzräumen Galiläas zeigten. Die Bilder waren schon zur Routine geworden. Das Blutbad an Unschuldigen hat uns jetzt das rohe Grauen des Konfliktes offenbart, der über ein gerade erst wieder aufgebautes und jetzt schon wieder halb zerstörtes Land hereingebrochen ist. Ein Land, das eine unzähmbare Guerilla in sich beherbergt, aber auch (fast) die einzige demokratische Gesellschaft der arabischen Welt. Das Blut ist auf eine ganze Reihe von Verantwortlichen niedergeregnet: Die direkten und indirekten Protagonisten, aber auch die mächtigen und machtlosen Zuschauer.»
«Libération»: Israelis mit Hauptkriegsziel gescheitert
«Die Grenze zwischen einem Kollateralschaden und einem Kriegsverbrechen steht nicht von vornherein fest. Es ist wahr, dass die israelischen Militärs Zivilisten nicht im Visier haben, wie es die Artilleristen der Hisbollah tun, aber es ist genauso wahr, dass sie unendlich mehr töten. Nach dem Angriff auf den UN-Posten musste Bush Rice zu Verhandlungen zurückzuschicken. Zum Zeitpunkt ihrer Rückkehr haben sich jedoch mit den Toten in Kana unverzichtbare Gesprächspartner wie der libanesische Ministerpräsident von ihr abgewandt. Mit einem Mal hat sich der Zynismus ausgezahlt und die Israelis sind mit ihrem Hauptkriegsziel gescheitert. Dieses war es, die Hisbollah vor jeder diplomatischen Lösung wenn nicht vollständig zu vernichten, so doch zumindest schwer zu schwächen.»
«Der Standard»: Kana ist ein Schlüsselereignis
«Israels Luftangriff auf die südlibanesische Ortschaft Kana ist wegen der Zahl der zivilen Opfer fatal. Obwohl: Hatte der viel publizierende US-Anwalt und ehemalige O.J. Simpson-Verteidiger Alan Dershowitz, auch er wohl ein Kriegsdenker, nicht dieser Tage in amerikanischen Medien erläutert, dass man angesichts des Libanonkonflikts über «abgestufte Formen» von Zivilisten nachdenken müsse? Zivilisten, die billigen, dass die Hisbollah Katjuscha-Raketen in ihren Häusern deponiert? Oder solche, die sich als menschliche Schutzschilde «freiwillig in den Weg stellen, um Terroristen vor dem Feuer des Feindes zu schützen»? Diese Art der Argumentation mag nach dem Bombardement vom Sonntag versagen. 'Kana' ist ein Schlüsselereignis in dem bald drei Wochen alten Konflikt, das den Druck auf Israel zur Einwilligung auf eine Waffenruhe erhöht und dabei doch die Hisbollah stärkt - etwas, das nie hätte geschehen dürfen.»
«de Volkskrant»: Kana sollte Wendepunkt sein
«Der Gebrauch von Gewalt verlangt von Demokratien sicherlich auch eine moralische Rechtfertigung. Anderenfalls kann die Gewalt auch auf den Anwender zurückschlagen, was nun auch zu geschehen scheint. Israel kann darauf reagieren, indem es eine Lagermentalität kultiviert und sich hinter seinem eigenen Recht verschanzt. Aber das wäre nicht vernünftig. Israel muss den Augenblick nutzen, um seine Handlungsweise selbstkritisch zu untersuchen, mit der Kernfrage, ob die Nachteile nicht allmählich größer sind als die Vorteile. Amerika muss darauf dringen. Kana sollte ein Wendepunkt sein nach drei Wochen Krieg, damit die Toten dort die letzten sind.»
«The Independent»: Kana Symbol für schlimmen Krieg
«Kana ist zu einer Stätte der Grausamkeit geworden. Was dort geschah, ist ein Symbol für all das, was an diesem von den USA und Großbritannien gedeckten Krieg besonders schlimm und verrückt ist. Der israelische Premierminister Ehud Olmert behauptet scheinheilig, dass die mehreren dutzend getöteten Zivilisten, die in dem Wohnhausblock in Kana gefangen waren, vor den israelischen Bombenangriffen Zeit zum Verlassen des Gebäudes gehabt hätten. Indem er sich einer Entschuldigung verweigert, zeigt er, wie unfruchtbar seine Politik ist. Hätte er das Format eines Staatsmanns, würde er registrieren, dass die Absicht, die Hisbollah zu brechen und die Ambitionen Irans und Syriens einzudämmen, auf ihn selbst zurückschlägt.
«Salzburger Nachrichten»: Israel zu Waffenruhe gezwungen
«Allerorts werden Poster und Hisbollah-Fahnen stapelweise verkauft. (Hassan) Nasrallah hat den machtvollen Israelis länger widerstanden als jede reguläre arabische Armee. Seit mehr als zwei Wochen beschießt er israelische Städte mehr als 100 Mal am Tag - und überlebt. Egal mit wem man in der arabischen Welt spricht: alle behaupten, er habe den Arabern ihre Ehre, Würde und Selbstvertrauen zurückgegeben. Nach dem fürchterlichen israelischen Fehlschlag in Kana und dem Tod von mehr als 60 libanesischen Zivilisten könnte es Nasrallah gelingen, seine Erfolge zu festigen. Das Blutbad wird Israel einen Waffenstillstand aufzwingen. Der israelischen Armee, die sich mehr schlecht denn recht geschlagen hat, bleibt keine Zeit, um der Hisbollah die erhoffte Schwächung zuzufügen. Niemand kann die Hisbollah noch entwaffnen, selbst wenn die Europäer dies wünschen.»
«La Libre Belgique»: Man hätte andere Wege erkunden können
«»Das Gefühl ist von den Plätzen der arabischen Hauptstädte bis in die Straßen von Brüssel spürbar: Israel lässt den Chef der pro- iranischen Schiitenbewegung, Scheich Hassan Nasrallah, eine unerhoffte Beliebtheit gewinnen. (...) Kurz, in diesem ohnehin schon komplizierten Orient haben es Israelis und Amerikaner wieder einmal geschafft, die Suche nach einer Friedenslösung mit Libanesen und Palästinensern noch heikler zu machen. Dabei hätte man andere Wege erkunden können.» (nz)