18.05.2004
Herausgeber: netzeitung.de
Bulldozer der israelischen Armee brechen durch die Tür eines Hauses im Flüchtlingslager Rafah
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Bei Raketenangriffen auf das palästinensische Flüchtlingslager Rafah sind 19 Menschen getötet worden. Israelische Soldaten trennten ein Viertel durch einen Graben vom Rest der Stadt ab.
In einer groß angelegten Militäraktion haben israelische Soldaten das Flüchtlingslager Rafah mit Raketen und Maschinengewehren angegriffen. Es waren die schwersten Kämpfe seit mehreren Jahren im Gaza-Streifen. Insgesamt wurden 19 Palästinenser getötet und 42 teilweise schwer verletzt.
Israelische Kampfhubschrauber griffen bereits in der Nacht mehrere Ziele in dem Flüchtlingslager an, das unmittelbar an der Grenze zu Ägypten liegt. Gleichzeitig rückten ungefähr 70 gepanzerte Fahrzeuge vor. Auf der Suche nach Untergrundkämpfern gingen Soldaten von Haus zu Haus. Bulldozer rissen nach Angaben von Augenzeugen eine Straße auf, um ein Viertel vom übrigen Flüchtlingslager zu trennen, in dem etwa 90.000 Menschen leben. Eine Moschee in Tel Sultan geriet in Brand, drei Wohnhäuser wurden zerstört.
Zwei Kinder getötetWährend die israelische Armee erklärte, bei allen Toten handle es sich um militante Kämpfer, teilten palästinensische Ärzte mit, es seien auch sechs Zivilisten getötet worden. Darunter sei auch ein Geschwisterpaar von 13 und 16 Jahren, das Wäsche auf dem Dach des Hauses abgehängt habe und dabei erschossen worden sei. Bei einem weiteren Todesopfer handle es sich um einen Mann, der beim Umgang mit Sprengstoff ums Leben kam.
Offensive zeitlich unbegrenztAm Rande des Lagers in der Nähe der ägyptischen Grenze begannen die Soldaten Gelände einzuebnen. Die Israelis wollen die Sicherheitszone um das Lager vergrößern, weil aus diesem heraus immer wieder israelische Soldaten angegriffen wurden. Zum Bau der Sicherheitszone müssen zahlreiche palästinensische Häuser abgerissen werden.
Der israelische Verteidigungsminister Schaul Mofas sagte dem israelischen Rundfunk, die Offensive sei zeitlich unbegrenzt. Ziel des Einsatzes sei es, unterirdische Anlagen für den Waffenschmuggel zu zerstören.
Palästinenser sprechen von KriegsverbrechenDie palästinensische Autonomiebehörde warf Israel Kriegsverbrechen vor. «Wir verurteilen die Kriegsverbrechen, die in Rafah andauern, und fordern die US-Regierung und das (Nahost-)Quartett auf, Israel zu einem Ende zu bewegen», sagte der palästinensische Minister und Chefunterhändler Sajeb Erakat am Dienstag in Ramallah. Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International bezeichnete die Zerstörung von Häusern als Kriegsverbrechen.
Verstoß gegen das VölkerrechtMehrere arabische Staaten beantragten eine Dringlichkeitssitzung des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen. UN-Generalsekretär Kofi Annan verurteilte das Vorgehen der israelischen Armee und forderte die israelische Regierung auf, die Zerstörungen zu stoppen, die gegen das Völkerrecht verstießen.
Der britische Außenminister Jack Straw sagte, die Zerstörung von Häusern sei inakzeptabel. Die britische Regierung lehne diese Politik ab.
In Rafah wohnen 90.000 Menschen. Tausende haben die Stadt aus Angst vor weiteren Angriffen bereits verlassen. (nz)