netzeitung.de«Warum zeigt niemand eine Currywurst?»

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Dönerherstellung bei Yeni Kapadokya (Foto: nz<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Dönerherstellung bei Yeni Kapadokya
Foto: nz
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Nach den Funden von vergammeltem Fleisch sind Verbraucher verunsichert - an Dönerbuden ist der Absatz spürbar zurückgegangen. Die Spieße-Hersteller fühlen sich zu Unrecht am Pranger. Eine Reportage.

Von Matthias Breitinger

Ufuk Seren verweist auf Prämierungsurkunden der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft – «Goldener Preis 2005 für Hähnchen Döner» und für «Hackfleischzubereitung am Spieß» –, zeigt offen Dokumente der staatlichen Kontrolleure für das verwendete Fleisch und lässt Reporter gern in das Wareneingangsbuch schauen, das den Weg der Ware dokumentiert. «Unser Fleisch ist von bester Qualität und wird stets streng kontrolliert», betont der für das Qualitätsmanagement zuständige Mitarbeiter der Firma Yeni Kapadokya, die mit 55 Mitarbeitern unter der Marke «Berlin Döner» Rohspieße in ganz Westeuropa vertreibt.

Der Skandal um Gammelfleisch hat auch der Döner-Branche schwer zugesetzt – zu Unrecht, findet Seren. «Da wurden in Bayern völlig überlagertes Spanferkel und vergammeltes Wildfleisch gefunden. Aber in den Medien werden die ganze Zeit Dönerspieße gezeigt», erregt sich der in Berlin aufgewachsene Türke. «Warum nicht auch mal eine Currywurst oder Salami?! So wird dem Verbraucher suggeriert, dass das ein Dönerskandal wäre. Es ist ein Fleischskandal, und es sind Gott sei dank Einzelfälle. Was haben wir damit zu tun, dass jemand sein Fleisch in einer Kühlhalle vergammeln lässt?»

Umsatz um gut ein Zehntel gesunken
Die Berichterstattung habe auch seinem Unternehmen geschadet, der Umsatz ging um zehn bis 15 Prozent zurück, klagt Seren. Abnehmer – also Döner-Imbissbuden – fragten verunsichert nach der Qualität der gelieferten Ware. Doch die sei bestens, versichert Seren: «Was glauben Sie, was passieren würde, wenn ein Fleischbetrieb uns mal schlechtes Fleisch lieferte? Das macht er einmal, dann ist er uns als Abnehmer los.»

Der Qualitätsmanager lässt einen Blick in den Kühlraum werfen – aber nur nach Desinfektion der Hände und nachdem Kopfhaube und Schuhüberzug übergestülpt sind. Im Kühlraum hängen frische Kalbshälften, jede mit einem Zettel mit dem Datum der Schlachtung versehen. «Wir bekommen jeden Tag frische Ware, hauptsächlich aus den Benelux-Ländern», erläutert Seren. Das Fleisch werde bei der Ankunft genau geprüft.

Viel Handarbeit
Das Unternehmen führt detailliert Buch: Name der Spedition, Kennzeichen des Liefer-Lkw, die Temperatur des gut gekühlt angelieferten Fleisches, die EG-Nummer des Schlachtbetriebs – «zu jedem Zeitpunkt, bei jedem Produktionsschritt können Sie nachvollziehen, von wo die Ware stammt», betont Seren. Täglich erscheint der Veterinär zur Untersuchung - auch an diesem Tag habe es nichts zu beanstanden gegeben.

Im hell gefliesten Raum nebenan schneidet eine Hand voll Männer in weißer Kleidung, Handschuhen und Kopfhauben das Fleisch in dünne Lappen, in einem anderen Raum wird Fleisch maschinell zu Hack verarbeitet und gewürzt. Anschließend formt eine Maschine daraus Fladen, die dann von Hand abwechselnd mit den Fleischlappen auf die Spieße gesteckt und zu Kegeln geformt werden. Danach umwickelt ein Arbeiter die großen Fleischballen mit Plastikfolie und schiebt sie, an einem Wagen hängend, zum Schockfrosten in einen weiteren Tiefkühlraum.
Döner für 99 Cent
Schon in Kürze landen die gefrorenen Spieße beim Transport – versehen mit dem Haltbarkeitsdatum: ein halbes Jahr nach dem vermerkten Herstellungszeitpunkt. In einem weiteren Raum der Fabrik werden marinierte Hähnchenlappen zu Dönerspießen verarbeitet. Rund 60 Euro ohne Mehrwertsteuer koste ein 20-Kilo-Spieß, erklärt Seren. Fünf bis sechs Tonnen Döner stellt die Berliner Firma im Süden der Hauptstadt täglich her.

Tiefgekühlt landet der Spieß beim Kunden. Was der dann mit der Ware macht – darauf habe er keinen Einfluss, weist Seren jede Verantwortung von sich. Nachvollziehen kann er jedenfalls nicht, dass Döner-Buden etwa in Berlin die Portion teilweise für unter einem Euro verkaufen. «In weiten Teilen Westeuropas wird für die Portion vier Euro verlangt. Wer den Döner für 99 Cent hergibt, ist kein Kaufmann. So jemand hat keine Überlebenschance, solche Buden gehen schnell wieder pleite», glaubt Seren.

Allerdings spiegele sich in dem Niedrigpreis auch der «harte Preiskrieg» gerade in Berlin wider. Seren warnt aber vor Rückschlüssen auf den Hersteller und die Qualität des Spießes: «Meinetwegen kann der Imbissbetreiber seine Döner verschenken – dann schreibt er halt Verlust.» Ein Spottpreis an der Theke bedeute nicht zwangsläufig, dass das Fleisch schlecht sein muss. «Ich verkaufe meine Ware zu einem bestimmten Preis. Was der Imbissbetreiber dann damit macht, ist seine Sache.»

«Weg vom Gewerbe, Schluss, aus»
Hier sieht Seren die Konsumenten am Zug: «Jeder Verbraucher ist mündig und sich selbst gegenüber verantwortlich dafür, was er zu sich nimmt.» Niemand werde gezwungen, bei einer schmutzig aussehenden Dönerbude zu essen. «Und niemand verbietet Ihnen, bei einem Imbiss nachzufragen, woher die Ware kommt. Wenn Sie zum Abendessen ausgehen, überlegen Sie doch auch, wohin Sie gehen wollen, wo Sie sich wohlfühlen.»

Dennoch fordert Seren auch eine Verbesserung der Veterinär-Kontrollen. Er beklagt, dass gerade im ländlichen Raum sich Kontrolleure und Kontrollierte teils zu gut kennen. «Da müssen harte Konsequenzen gezogen werden – und zwar nicht nur für Händler, die vergammeltes Fleisch lagern, sondern auch für die Verantwortlichen bei den zuständigen Ämtern, die hier offensichtlich beide Augen zugedrückt haben.» Seren spricht sich für höhere Geldstrafen aus – «und die müssen dann auch verhängt werden. In besonders schlimmen Fällen muss man die Lizenz auf Lebenszeit entziehen: weg vom Gewerbe, Schluss, aus.»

Mehr Kontrolleure nötig
Wären die bestehenden Gesetze sauber angewandt worden, stünde jetzt nicht die gesamte Döner-Branche am Pranger, meint Seren: «Wie kann es sein, dass jemand jahrelang altes Fleisch lagern kann und es niemals bei Prüfungen auffällt?» Aber auch wenn solche Fälle entdeckt würden, dürfe man nicht einfach alle Firmen über einen Kamm scheren – «auch die, die sauber und nach den Gesetzen arbeiten, stehen plötzlich im Rampenlicht und müssen sich verteidigen.»

Vor allem aber müsste es mehr Prüfer geben: «Wenn man die Ämter verkleinert und nicht genügend Mitarbeiter hat, kann man auch nicht zufrieden stellend kontrollieren. Die Kontrolleure können ja nicht an einem Arbeitstag die doppelte Arbeitsmenge leisten.» Von der Politik ist Seren maßlos enttäuscht: «Der Verbraucherminister sollte zurücktreten. Als wir die Vogelgrippe hatten, hat er noch große Töne gespuckt und bessere Kontrollen und mehr Sicherheit versprochen. Das war doch nur heiße Luft.»