«Warum zeigt niemand eine Currywurst?»
21.09.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Ufuk Seren verweist auf Prämierungsurkunden der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft «Goldener Preis 2005 für Hähnchen Döner» und für «Hackfleischzubereitung am Spieß» , zeigt offen Dokumente der staatlichen Kontrolleure für das verwendete Fleisch und lässt Reporter gern in das Wareneingangsbuch schauen, das den Weg der Ware dokumentiert. «Unser Fleisch ist von bester Qualität und wird stets streng kontrolliert», betont der für das Qualitätsmanagement zuständige Mitarbeiter der Firma Yeni Kapadokya, die mit 55 Mitarbeitern unter der Marke «Berlin Döner» Rohspieße in ganz Westeuropa vertreibt.
Der Skandal um Gammelfleisch hat auch der Döner-Branche schwer zugesetzt zu Unrecht, findet Seren. «Da wurden in Bayern völlig überlagertes Spanferkel und vergammeltes Wildfleisch gefunden. Aber in den Medien werden die ganze Zeit Dönerspieße gezeigt», erregt sich der in Berlin aufgewachsene Türke. «Warum nicht auch mal eine Currywurst oder Salami?! So wird dem Verbraucher suggeriert, dass das ein Dönerskandal wäre. Es ist ein Fleischskandal, und es sind Gott sei dank Einzelfälle. Was haben wir damit zu tun, dass jemand sein Fleisch in einer Kühlhalle vergammeln lässt?»
Der Qualitätsmanager lässt einen Blick in den Kühlraum werfen aber nur nach Desinfektion der Hände und nachdem Kopfhaube und Schuhüberzug übergestülpt sind. Im Kühlraum hängen frische Kalbshälften, jede mit einem Zettel mit dem Datum der Schlachtung versehen. «Wir bekommen jeden Tag frische Ware, hauptsächlich aus den Benelux-Ländern», erläutert Seren. Das Fleisch werde bei der Ankunft genau geprüft.
Tiefgekühlt landet der Spieß beim Kunden. Was der dann mit der Ware macht darauf habe er keinen Einfluss, weist Seren jede Verantwortung von sich. Nachvollziehen kann er jedenfalls nicht, dass Döner-Buden etwa in Berlin die Portion teilweise für unter einem Euro verkaufen. «In weiten Teilen Westeuropas wird für die Portion vier Euro verlangt. Wer den Döner für 99 Cent hergibt, ist kein Kaufmann. So jemand hat keine Überlebenschance, solche Buden gehen schnell wieder pleite», glaubt Seren.
Allerdings spiegele sich in dem Niedrigpreis auch der «harte Preiskrieg» gerade in Berlin wider. Seren warnt aber vor Rückschlüssen auf den Hersteller und die Qualität des Spießes: «Meinetwegen kann der Imbissbetreiber seine Döner verschenken dann schreibt er halt Verlust.» Ein Spottpreis an der Theke bedeute nicht zwangsläufig, dass das Fleisch schlecht sein muss. «Ich verkaufe meine Ware zu einem bestimmten Preis. Was der Imbissbetreiber dann damit macht, ist seine Sache.»
Dennoch fordert Seren auch eine Verbesserung der Veterinär-Kontrollen. Er beklagt, dass gerade im ländlichen Raum sich Kontrolleure und Kontrollierte teils zu gut kennen. «Da müssen harte Konsequenzen gezogen werden und zwar nicht nur für Händler, die vergammeltes Fleisch lagern, sondern auch für die Verantwortlichen bei den zuständigen Ämtern, die hier offensichtlich beide Augen zugedrückt haben.» Seren spricht sich für höhere Geldstrafen aus «und die müssen dann auch verhängt werden. In besonders schlimmen Fällen muss man die Lizenz auf Lebenszeit entziehen: weg vom Gewerbe, Schluss, aus.»
Vor allem aber müsste es mehr Prüfer geben: «Wenn man die Ämter verkleinert und nicht genügend Mitarbeiter hat, kann man auch nicht zufrieden stellend kontrollieren. Die Kontrolleure können ja nicht an einem Arbeitstag die doppelte Arbeitsmenge leisten.» Von der Politik ist Seren maßlos enttäuscht: «Der Verbraucherminister sollte zurücktreten. Als wir die Vogelgrippe hatten, hat er noch große Töne gespuckt und bessere Kontrollen und mehr Sicherheit versprochen. Das war doch nur heiße Luft.»

