08. Dez 2005 09:17
E-Business-Professor Schildhauer ruft Unternehmer dazu auf, junge Existenzgründer mehr zu fördern. Die Politik müsse Unis erlauben, Studenten mit «ausgezeichneten» Ideen während der Existenzgründung zu fördern.
Hochschulen sollte nach Ansicht von Thomas Schildhauer, dem Direktor des Institute of Electronic Business (IEB) in Berlin, die Möglichkeit eingeräumt werden, mit Finanzmitteln gezielt «Studenten mit ausgezeichneten, vielleicht patentrechtlich schon verdächtigen Ideen» in der Existenzgründungsphase zu fördern. Die Hochschulen müssten Mittel aus ihren Haushalten bereitstellen, «damit Hochschulen überhaupt Unternehmensgründungen mit anschieben dürfen», fordert Schildhauer im Interview mit der Netzeitung.«Es gibt genügend Existenzgründer-Lehrstühle – das heißt, die Kompetenzen, Gründungen zu begleiten, sind in vielen Hochschulen durchaus vorhanden», sagt Schildhauer. «Aber das Thema ist noch nicht Gegenstand der Haushalte.» Um Geld müsse es aber nicht immer gehen, betont der E-Business-Professor, «sondern zum Beispiel darum, Räume und Infrastruktur bereitzustellen».
zurückgeht. Berlinpolis sieht sich selbst als «Think Tank (...) zur Förderung einer progressiven Politik für die Wissensgesellschaft und die Anliegen der nächsten Generation». Im Gründerrat sind Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Hochschule vertreten. Neben Schildhauer sind unter anderem die Bundestagsabgeordneten Katherina Reiche (CDU), Daniel Bahr (FDP), Gesine Lötzsch (Linkspartei) und Anna Lührmann (Grüne) Mitglied. Der Rat will Unternehmergeist und Innovationskraft in Deutschland steigern. Unter anderem agiert der Gründerrat als Gutachter bei der Vergabe des Zukunftspreises, den SAP vergibt.
Netzeitung: Herr Professor Schildhauer, Sie sind Mitglied des Gründerrats, der eine Gründer- und Unternehmenskultur in Deutschland etablieren will. Woran liegt es denn, dass es hier zu Lande an einer solchen Gründerkultur mangelt?
Thomas Schildhauer: Wir Deutschen sind nicht so risikobereit wie manche andere Länder. Hier herrscht ein Sicherheitsdenken vor, das aufzubrechen sich die Initiative «Deutschland – ein Land mit Gründergeist» und der Gründerrat vorgenommen haben. Zum Beispiel wird in den USA auch gesellschaftlich das Risikobewusstsein anders bewertet. Man darf durchaus etwas ausprobieren und mit einer Unternehmensgründung auch mal scheitern. In manchen Ländern wird es als Qualitätskriterium angesehen, wie viele gescheiterte Firmen bei jemandem schon auf der Liste stehen, wenn er dann eine zum Erfolg bringt. In Deutschland wird so etwas eher verschwiegen. Hier sagen Initiative und Gründerrat: Unternehmertum und Existenzgründung haben mit Wagnis, mit Risiko zu tun. Es geht aber auch darum, dieses Wagnis vernünftig zu begleiten.
Netzeitung: Was kann der Gründerrat konkret tun, um Gründungen zu fördern?
Schildhauer: Das geschieht derzeit vor allem durch den Zukunftspreis, den SAP auslobt und bei dem der Gründerrat als Gutachter agiert. In diesem Jahr werden die innovativsten Zukunftskonzepte für Technologie- und Gründerzentren prämiert, die oft an der Schnittstelle zwischen Universität oder Hochschule und den Unternehmern stehen. Die Hauptaufgabe des Rats sehe ich insbesondere darin, solche Konzepte zu begutachten.
Netzeitung: Der Gründerrat will aber auch politische Handlungsempfehlungen aussprechen und Forderungen an die Politik stellen. Welche Forderungen haben Sie denn?
Schildhauer: Ich kann hier nicht für den gesamten Gründerrat sprechen. Für mich geht es insbesondere um zwei Punkte. Der eine ist: Wir müssen mehr bei den so genannten Alumni tun. Hier liegt ein gewaltiges Potenzial von erfolgreichen Existenzgründern, die aus bestimmten Universitäten herausgekommen sind. Leider gibt es in den deutschen Hochschulen keine Tradition, mit diesen Personen Kontakt zu halten und sich deren Kenntnisse und Erfahrungen zunutze zu machen. Das ist in anderen Ländern wie den USA, England und Australien üblich und wird gepflegt. Da weiß jeder, welcher erfolgreiche Unternehmer an welcher Hochschule studiert hat. Dieser Punkt muss politisch wesentlich stärker forciert werden. Das zweite ist: Den Hochschulen muss die Möglichkeit gegeben werden, Mittel ganz gezielt einzusetzen, um Studenten mit ausgezeichneten, vielleicht patentrechtlich schon verdächtigen Ideen in der Existenzgründungsphase zu unterstützen.
Netzeitung: Das heißt, es geht Ihnen auch um Finanzmittel, die Bund und Länder bereit stellen müssten?
Schildhauer: Das müssen nicht immer zusätzliche Finanzmittel sein. Man muss zum Beispiel darüber nachdenken, Titel im Haushalt zu schaffen, damit Hochschulen überhaupt Unternehmensgründungen mit anschieben dürfen. Es gibt genügend Existenzgründer-Lehrstühle – das heißt, die Kompetenzen, Gründungen zu begleiten, sind in vielen Hochschulen durchaus vorhanden. Aber das Thema ist noch nicht Gegenstand der Haushalte. Um Geld muss es dabei nicht immer gehen, sondern zum Beispiel darum, Räume und Infrastruktur bereitzustellen, also einen Humusboden auszubreiten und zu pflegen, aus dem solche Gründungen leichter heraussprießen können.
Netzeitung: Appellieren Sie auch an die Wirtschaft, hier mehr zu leisten?
Schildhauer: Die Wirtschaft lässt sich ja herunterbrechen auf eine Vielzahl von Menschen, die früher selbst einmal an den Universitäten studiert haben. Diesen Leuten muss man zurufen: «Gebt doch etwas zurück!» Das muss nicht Geld sein, sondern Erfahrungen, Ratschläge, Praktikantenplätze. Nehmt die jungen Gründer an die Hand, bildet Förderkreise aus ehemaligen Absolventen. Hier sehe ich noch viel zu wenig.
Netzeitung: In welchen Bereichen finden vor allem Gründungen statt, und wo müsste noch mehr geschehen?
Schildhauer: Klassisch sind Gründungen in den marketingnahen Bereichen. Viele Absolventen gründen ihre eigene Agentur, ob das jetzt eine Designer-, eine Beratungs- oder eine Werbeagentur ist. Solche Firmen sind natürlich leichter zu gründen, denn dafür braucht man kein riesiges Budget. Im produktionstechnischen Bereich, wo Maschinen angeschafft werden müssen, ist das nicht so leicht möglich. Hier werden hohe Investitionsmittel gebraucht, und deshalb bedarf es Modelle, damit Hochschulen solche Gründungen mit tollen Ideen und einem sinnvollen Businessplan fördern und begleiten können.
Netzeitung: Gerade was die Förderung bei der Anschaffung von Maschinen betrifft, kommt dann also doch die Finanzfrage ins Spiel.
Schildhauer: Ja, sicher. Da sind wir dann bei meiner dritten These: Die Hochschulen brauchen ein professionelles Marketing. Die Unis müssen Drittmittel einwerben, und zwar nicht nur für die Lehre und Forschung, sondern auch für die weitere Förderung der Studierenden, über ihren Bachelor, Master oder ihr Diplom hinaus. Es müssen Gelder vorhanden sein, um sie noch ein, zwei Jahre, wenn sie ihre ersten unternehmerischen Schritte gehen, zu begleiten. Dafür braucht es professionelles Fundraising. Das muss Aufgabe der Politik und der Hochschulen werden.
Netzeitung: Haben Sie das Gefühl, mit diesen Forderungen bei der Politik und den Hochschulleitungen noch auf taube Ohren zu stoßen?
Schildhauer: Häufig ist es noch so, dass Hochschulen ihre Aufgabe als beendet ansehen, wenn die Studenten ihren Abschluss in der Tasche haben. Das sehe ich völlig anders. Allerdings stellt sich unser Bildungssystem derzeit um. In der Reform zu Bachelor und Master geht man implizit ja davon aus, dass einige Studierende wieder an die Unis zurückkommen. Die machen zunächst den Bachelor-Abschluss, sammeln dann einige Jahre Berufserfahrung und kehren danach an die Universitäten zurück. Ein Weg könnte sein, gezielt unternehmerisch tätige Menschen auch in der Zwischenphase weiter zu begleiten.
Netzeitung: Der IT-Branchenverband Bitkom hat am Dienstag vor einem Fachkräftemangel von 2008 an gewarnt, weil die Zahl der Studienanfänger im Fach Informatik «dramatisch» zurückgehe. Sehen Sie diese Gefahr auch – gerade im Hinblick auf die von der Initiative geforderten verstärkten Gründungsaktivitäten?
Schildhauer: Es ist jedenfalls kein gutes Signal. Allerdings gibt es auch Transfereffekte aus anderen Studiengängen. Es ist schon immer so gewesen, dass Mathematiker, Physiker oder Betriebswirte in informatiknahen Berufen tätig waren. Insofern müsste man näher betrachten, in welche Fächer Studienanfänger gehen, wenn sie weniger die Informatik nachfragen. Eine reine Betrachtung des Fachs Informatik greift zu kurz. Es könnte auch ein richtiges Signal sein, wenn an Stelle der reinen Informatik eher anwenderbezogene Studiengänge wie Wirtschaftsinformatik gefragt sind oder Studiengänge, wie z.B. E-Business, in denen auch ausreichend Informatikanteile enthalten sind.
Mit Thomas Schildhauer sprach Matthias Breitinger.