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«Quereinsteiger haben in der IT-Branche
kaum noch Chancen auf einen guten Job»

16. Mrz 2005 08:12
Thomas Schildhauer
Deutschland liegt beim E-Government EU-weit im «guten Mittelfeld», wie Experte Thomas Schildhauer der Netzeitung sagte. Bei Mittelstands-Software sieht er einen Vorteil von kleineren Anbietern gegenüber SAP und Microsoft.

Deutschland hat in den vergangenen Jahren bei der Umsetzung von Behördenvorgängen in E-Government aufgeholt. Jetzt steht die bessere Verzahnung auf kommunaler Ebene an, wie Experte Thomas Schildhauer im Interview mit der Netzeitung sagte. Zudem müssten weitere Dienstleistungen, etwa im Finanz- und Steuerwesen, elektronifiziert werden. Die Wirtschaft profitiere von E-Government durch kürzere Bearbeitungs- und Liegezeiten, hob der leitende Direktor des Berliner Institute of Electronic Business (IEB) hervor.

Dass Bürger, die ihre Steuererklärung auf elektronischem Wege abgeben, zusäzlich auch noch die Formulare auf Papier einreichen müssen, hält Schildhauer für ein Problem der «Übergangsphase». Die Netzeitung mit Schildhauer sprach mit Schildhauer auch über die steigende Nachfrage nach IT-Fachkräften, dem möglichen Problem ausbleibender Informatik-Studenten und dem Markt für Mittelstands-Software.

Netzeitung: Die Bundesregierung hat im Jahr 2000 die Initiative «Bund Online» gestartet. In wie weit sind die Ziele, die man sich damals gesetzt hatte, erreicht?

Thomas Schildhauer: Ein Großteil der damals priorisierten Vorhaben sind inzwischen umgesetzt. Mehrere hundert Verwaltungsvorgänge sind elektronifiziert. Knapp 70 Prozent der relevanten Dienstleistungen bei Behörden sind in E-Government umgesetzt worden – das ist ein ganz guter Wert. Neueste EU-Ländervergleichsstudien zeigen auch, dass Deutschland sich im internationalen E-Government-Ranking um mehrere Plätze nach oben geschoben hat. Wir liegen nun im guten Mittelfeld. Kürzlich ist zudem beschlossen worden, dass die «Bund Online»-Initiative auch auf die kommunale Ebene überführt und dort fortgesetzt wird.

Netzeitung: Das heißt, bei den Gemeinden besteht noch Nachholbedarf?

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Schildhauer: Gerade in der E-Government-Anfangsphase gab es häufig den Fall, dass in den Kommunen noch einmal etwas parallel entwickelt wurde, was auch schon auf Bundesebene oder in anderen Kommunen angedacht war. Jetzt läuft hier eine bessere Verzahnung – viele von den Leitanwendungen, die man auf Bundesebene umgesetzt hat, werden jetzt auch auf der kommunalen Ebene publik gemacht, und man überlegt sich, was man durchreichen kann.

Netzeitung: Das war ja ein Punkt, den Kritiker häufig moniert haben: die Fragmentierung bei E-Government – also dass viele Ämter ähnliche, aber inkompatible Lösungen erarbeitet haben.

Schildhauer: Da gibt es eine Reihe von Initiativen, insbesondere derzeit die «Media@Komm-Transferinitiative» der Bundesregierung. Gerade sie soll dazu dienen, dass vieles von dem, was im «Media@Komm»-Forschungsumfeld entwickelt wurde, auch in andere Bundesländer und Kommunen transferiert wird.

E-Government für Bürger gleich weit

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Netzeitung: Man hat den Eindruck, dass vor allem der Bereich «E-Government to Business» ausgebaut wurde und wird – also behördliche Internet-Dienste für Unternehmen, während bei E-Government für den Bürger noch einiges zu tun ist. Stimmt dieser Eindruck?

Schildhauer: Das kann ich nicht nachvollziehen. Ich denke, dass der Eindruck dadurch entstanden ist, dass in den letzten ein bis eineinhalb Jahren sehr viel über das Thema E-Government to Business gesprochen wurde, nachdem in einer ganzen Reihe von Studien – auch an unserem Institut – herauskam, dass hier noch einiges getan werden muss. Aber der Anteil umgesetzter Verwaltungs-Dienstleistungen für den Bürger liegt etwa auf gleichem Niveau wie die für die Betriebe.

Netzeitung: Der Bürger muss aber, wenn er etwa die Möglichkeit zur elektronischen Steuererklärung «Elster» nutzt, trotzdem noch die Formulare ausfüllen und parallel zu «Elster» die Steuererklärung auf Papier einreichen. Gefährdet dieser Zwang zur Dualität den weiteren Ausbau von E-Government?

Schildhauer: Ich glaube, dass diese Dualität eine Übergangsphase ist. Die Verwaltungsseite will in all diesen Vorgängen noch eine gewisse Sicherheit behalten. Aber in dem Moment, in dem die digitale Signatur wirklich flächendeckend zur Verfügung steht und von den Bürgern benutzt werden kann, werden wir auch keine physischen Ausdrucke mehr benötigen. Das Gesetz dazu ist ja schon vor einiger Zeit verabschiedet worden und wurde jetzt noch einmal novelliert, um das Verfahren zu vereinfachen.

Netzeitung: Lässt sich der Nutzen von E-Government, speziell bei der Wirtschaft, quantifizieren?

Schildhauer: Das ist ein wichtiger Punkt. Ich habe gerade eine Promotion in der Abschlussbetreuung, die erstmals eine Wirtschaftlichkeitsberechnung über eine neu aufgebaute Methode ermöglicht. Wir haben das Verfahren anhand mehrerer Dienstleistungen des Bundes geprüft und sehr positive Effekte feststellen können. Insbesondere Bearbeitungs- und Liegezeiten wurden verkürzt, und Kommunikationskosten wurden deutlich reduziert.

Netzeitung: Welche Dienstleistungen müssten noch stärker bei E-Government umgesetzt werden?

Schildhauer: Es gibt noch ein paar Standard-Dinge, zum Beispiel das An- und Abmelden von Personal. Auch beim Thema Finanz- und Steuerwesen können noch weitere Dienstleistungen elektronifiziert werden. Aber generell wurden schon die richtigen Schwerpunkte gewählt. Insbesondere die erwähnten Messverfahren zur Wirtschaftlichkeit helfen dabei, hier und da noch zu optimieren.

Nachausbildungszeit möglichst kurz halten

Netzeitung: Der Arbeitsmarkt für Computer-Fachleute zieht wieder an. Im vergangenen Jahr gab es im Schnitt 4000 offene Stellen für IT-Experten – denen standen aber 21.000 arbeitslos gemeldete Computer-Fachleute gegenüber. Sind die an den Unis und Fachhochschulen falsch ausgebildet worden?

Schildhauer: Sagen wir mal so: Das Curriculum eines Studienganges zu verändern, dauert zumeist eine ganze Weile. Das heißt, auf Veränderungen am Arbeitsmarkt kann man immer nur mit einer entsprechenden Nachlaufzeit reagieren. Der Studiengang «Electronic Business», für den ich stehe, ist so aufgesetzt worden, dass er projektorientiert und mit einer sehr engen und starken Integration in die Praxis aufgebaut ist, so dass unsere Absolventen momentan eine Vermittlungsquote von über 80 Prozent aufweisen. Das zeigt: Es geht schon.

Netzeitung: Aber das sind dann eben Leute, die diesen Praxisbezug haben...

Schildhauer: Das ist heute ganz wesentlich. Unternehmen wollen die Nachausbildungsphase möglichst vermeiden. Bei einem an sich guten Uni-Absolventen, der aber nicht genügend Praxiserfahrung mitbringt, muss man noch einmal mit drei bis sechs Monaten Nachausbildungszeit rechnen, bevor er allein verantwortlich auf Projekte gesetzt werden kann. In unserem Studiengang bringen wir die Nachausbildungszeit runter auf drei bis vier Wochen.

Netzeitung: Haben mit dem wachsenden Bedarf an Fachkräften auch Quereinsteiger und Studienabbrecher, die Erfahrung in Unternehmen gesammelt haben, wieder eine Chance auf einen guten Job wie zu der Boomphase vor fünf Jahren?

Schildhauer: Das glaube ich, ehrlich gesagt, nicht. Inzwischen gibt es sehr viele Studiengänge, die eine interdisziplinäre Lehre anbieten – und das heißt nicht nur, dass die Dozenten aus unterschiedlichen Disziplinen kommen, sondern auch, dass hier eine stark integrierte Lehre angeboten wird, zum Beispiel mit Projektarbeit, die von Unternehmen mitbetreut wird. Damit werden Absolventen hervorgebracht, die es auch beim Praxisbezug mit Quereinsteigern aufnehmen können, darüber hinaus aber über eine solidere Grundausbildung verfügen.

Unis für Ausländer wieder attraktiver machen

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Netzeitung: Es ist ja auch seit einigen Jahren ein Trend zum «Bindestrich-Informatiker» festzustellen – also nicht mehr der klassische Informatiker, sondern etwa der Wirtschafts-Informatiker.

Schildhauer: Dieser Trend wird auch anhalten. In der Wirtschaft erwartet man heutzutage von jedem Absolventen, dass er mindestens ein weiteres Themengebiet, wenn nicht gar zwei, drauf hat.

Netzeitung: In den letzten Jahren ist die Zahl der Informatik-Absolventen deutlich gesunken. Jetzt stehen geburtenschwache Jahrgänge bevor. Ist das mittelfristig problematisch für die Zukunft der IT-Branche in Deutschland insgesamt?

Schildhauer: Meine persönliche Hoffnung ist, dass wir es schaffen, das ein wenig auszugleichen, indem wir wieder mehr Studenten aus dem Ausland gewinnen. Sehr positiv in dieser Richtung ist, was momentan an den Hochschulen geschieht: die Umstellung in Bachelor- und Master-Studiengänge, die es Studenten aus dem Ausland wesentlich leichter macht, in Deutschland anschlussfähig zu studieren.

Netzeitung: Aber Studien-Interessierte aus, sagen wir mal, Osteuropa oder Asien gehen doch für ein IT-Studium gleich in die USA und nicht an eine deutsche Uni...

Schildhauer: Das ist ja genau mein Punkt. Wir müssen diese Schlusslicht-Position, die wir bei ausländischen Studenten im internationalen Vergleich gerade in den Fächern, über die wir hier sprechen, leider haben, unbedingt verlassen. Und das geht nur, indem wir attraktivere Studiengänge anbieten und uns an das international übliche Credit-Point-System anschließen.

Netzeitung: Aber die Umstellung auf Bachelor- und Masterabschlüsse und die Einführung von Credit Points kann nur ein Aspekt unter mehreren sein.

Schildhauer: Es gibt natürlich weitere Punkte. Das hat mit der Reform des Hochschulwesens insgesamt zu tun – zum Beispiel damit, dass die Professoren leistungsorientierter beurteilt werden und dass man stärker die Lehre evaluiert.

Software für Mittelstand ist Nische

Netzeitung: Das Marktsegment Mittelstand bei Software für betriebliche Prozesssteuerung ist ein Thema auf der Cebit. Vor allem SAP und Microsoft stürzen sich darauf. Ist das eine Gefahr für die kleineren Anbieter?

Schildhauer: Gerade für bestimmte Branchen gibt es im Softwarebereich Nischen, die von mittelständischen Software-Anbietern bedient werden. Und mittelständische Unternehmen suchen häufig genau nach den Speziallösungen, die weniger von den Großen angeboten werden. Somit wird beides Bestand haben. Aber es gibt auch eine ganze Reihe von mittelständischen Unternehmen, die danach schielen, sich mit einem Standard-Softwarepaket – sprich einem SAP-System – einzudecken, weil damit eine Standardisierung von Prozessen einhergeht.

Netzeitung: Sie befürchten aber keine Konsolidierung bei den Softwareherstellern, speziell in diesem Bereich?

Schildhauer: Die spezialisierten Software-Unternehmen müssen sich natürlich noch stärker auf der Nutzenseite aufstellen. Aber hier haben mittelständische Software-Unternehmen einen Vorteil: Sie sind mit einem mittelständischen Anwendungsunternehmen auf gleicher Augenhöhe. Ihre Stärke liegt dann darin, die Software auf den speziellen Einzelfall zuzuschneiden – zu Kosten, die sich ein Mittelständler auch leisten kann. Das sind völlig andere Ansätze als bei SAP oder Microsoft.

Netzeitung: Wie groß ist der Software-Markt für den Mittelstand überhaupt? Bei kleinen und mittleren Unternehmen ist doch die schwierige Kapitalausstattung ein bekanntes Problem. Da dürften IT-Investitionen eher unterdurchschnittlich sein.

Schildhauer: Das ist, wenn man es generell sieht, sicher der Fall. Es gibt einige Branchen – etwa die Logistik –, die hier in die positive Richtung ausschlagen. Aber die Kapitalausstattung kann auch eine Chance sein: Nicht jedes mittelständische Unternehmen kann es sich leisten, eine individuelle Software oder eine eigens auf sich zugeschnittene Software zu kaufen. Das ist die Marktchance, die jetzt SAP und Microsoft sehen.

Mit Thomas Schildhauer sprach Matthias Breitinger.

 
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