17.10.2001
Herausgeber: netzeitung.de
Spekulationen um Mini-Atombomben und Uranmunition
Die US-Militärs informieren die Öffentlichkeit nur zögerlich über die Art von Waffen, die sie in Afghanistan einsetzen. Es gilt als sicher, dass Uranmunition dazugehört. Über Mini-Atombomben wird spekuliert.
Anfang dieses Jahres, als die deutsche und die Weltöffentlichkeit noch Zeit hatte, sich um vergangene Kriege und Krisen Gedanken zu machen, beherrschte das Thema Uranmunition die Titelseiten. Im Golfkrieg und auch bei den Schlägen gegen die serbische Armee im Kosovo bedienten sich die US-Armee und ihre Verbündeten dieser Geschosse.
UranmunitionExperten gehen davon aus, dass die extrem durchschlagskräftige Munition jetzt auch in Afghanistan eingesetzt wird. Die Bombardierung von unterirdischen Anlagen ließ in den vergangenen Tagen auch Vermutungen aufkommen, dass die US-Streitkräfte sogenannte «Mini-Nukes», kleine Atombomben, abgeworfen haben oder noch abwerfen könnten.
Die Art der Angriffe, die teilweise der Strategie im Irak und in Serbien ähnelt, deutet darauf hin, dass auch in Afghanistan Urangeschosse zum Einsatz kommen. Vor allem für unterirdische Ziele, speziell Bunker, könnten sie sich in Afghanistan eignen, da sie eine hohe Durchschlagskraft besitzen und erst im Innern explodieren. Jens-Peter Steffen von «Ärzte gegen den Atomkrieg» (IPPNW) sagte der Netzeitung: «Man kann davon ausgehen, dass diese Waffen dort selbstverständlich wieder angewandt werden. Sie sind 'state-of-the-art' und für die Zwecke der Angriffe am besten geeignnet». Seine Organisation setzt sich seit längeren für ein Verbot von Uranmunition ein.
Rumsfeld: «Das volle Spektrum der Waffen»Dafür, dass diese Art von Geschossen bereits hundertfach in Afghanistan detoniert ist, spricht auch eine Aussage von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bei einer Pressekonferenz am 11. Oktober. Dort sagte er, die US-Bomber und Kampfjets hätten «das volle Spektrum der Waffen» abgeworfen.
Über die langfristigen Gesundheitsfolgen des giftigen, schwach strahlenden Materials in den Uran-Geschossen gibt es keine verlässlichen Daten. Melinda Henry von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf sagte der Netzeitung, es seien «weitere Studien nötig, um einen möglichen Zusammenhang zwischen DU-(Depleted Uranium)-Munition und Erkrankungen wie dem sogenannten Golfkriegssyndrom oder Leukämie aufzuklären». Die WHO hatte nach ihrer kurzen DU-Mission im Kosovo um weitere Geldmittel für die Fortsetzung der Untersuchungen gebeten. Praktisch ohne Erfolg. Das Projekt sei, so Henry «weiterhin unterfinanziert.»
«Mini Nukes» als «Bunker Busters»?Zum laut Rumsfeld «vollen Spektrum der Waffen» könnten auch die «Mini-Nukes» gehören, die nach US-Presseinformationen seit 1997 ausgeliefert worden sind. Diese Bomben des Typs
B61-11 sind nach Informationen des «Bulletin of the Atomic Scientists» eine kleinere Variante der älteren thermonuklearen Bombe
B61. Während letztere nur von B52-Bombern abgeworfen werden können, eignet sich die B61-11 auch für kleinere Flugzeuge.
Die B61-11-Bombe gehört neben anderen, nicht thermonuklearen, Geschossen zu den sogenannten «Bunker-Busters», Granaten, die tief in die Erde eindringen und so unterirdische Anlagen des Gegners zerstören sollen. Experten gehen davon aus, dass dem US-Militär diese Mini-Nukes zur Verfügung stehen. Mehr weiß offenbar niemand außerhalb des Pentagon.
Nach Rumsfelds Angaben werden «Bunker Busters» in Afghanistan eingesetzt. Und General Henry Osman war auf derselben Pressekonferenz noch deutlicher geworden: «Wir verwenden das gesamte Spektrum an Waffen, das für diese Ziele zur Verfügung steht. Natürlich sind bei verschiedenartigen Zielen auch verschiedenartige Waffensysteme notwendig», so Osman.
Zweifel an «sauberen» AtomwaffenVon ihren Entwicklern bei den Sandia National Laboratories werden die Mini-Nukes als «saubere Atomwaffen» bezeichnet, da sie angeblich - bevor sie explodieren - so tief in die Erde eindringen, dass keine Radioaktivität in die Atmosphäre freigesetzt wird. Wissenschaftler wie etwa der Physiker Robert Nelson von der Princeton University allerdings bezweifeln das: «Kein in die Erde eindringender Flugkörper erreicht vor der Explosion eine Tiefe, die ausreichen würde, um auch nur die Sprengkraft von einem Prozent der Hiroshima-Bombe zurückhalten zu können» schrieb Nelson Anfang im April in einem Bericht der «Federation of American Scientists» (FAS). 150 Meter tief müsste eine solche Bombe eindringen, um wirklich keine Radioaktivität freizusetzen. Alles andere würde zu massivem radioaktivem «Fallout» in der Umgebung führen. Bei einem der wenigen publik gewordenen Versuche schaffte es der Sprengkopf gerade drei Meter unter die Oberfläche.
Diese Szenarien sprechen allerdings auch dafür, dass die Bomben bisher noch nicht eingesetzt wurden.
Langfristige Gefahren für die Bevölkerung in Afghanistan könnten nach den Bombardements also sowohl von Uran als auch von durch Mini-Atombomben freigesetzter Strahlung ausgehen, wenn diese wirklich eingesetzt würden. Dazu kommt noch, dass Hauptziele der Angriffe auch mögliche unterirdische Lager von Chemie- und Biowaffen und radioaktivem Material sind. Nach jüngsten Berichten wird davon ausgegangen, dass dem Hauptverdächtigen der Anschläge des 11. September, Osama bin Laden, und seinem Al Qaeda-Netzwerk solche Materialien zur Verfügung stehen. Durch die Angriffe könnten diese potenziell tödlichen Stoffe mit nicht absehbaren Folgen freigesetzt werden.