 Internet macht TV zum Nebenmedium
19. Aug 2005 10:49
 |  Internet überholt Fernsehen | | Foto: dpa |
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Schon heute ist das Internet für die Meinungsbildung von Jüngeren weitaus wichtiger als das Fernsehen. Wer Zugang zum Netz hat, nutzt die Glotze weniger als Gleichaltrige.
Das Internet hat sich inzwischen als Unterhaltungs- und Informationsmedium bei jüngeren deutschen Medienkonsumenten «voll etabliert». Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage von IBM Business Consulting und der Universität Bonn unter 14- bis 39-Jährigen, über die das Wirtschaftsmagazin «Capital» in seiner jüngsten Ausgabe berichtet. Als «Medium zur Meinungsbildung» habe das Internet den Fernseher unter den Befragten «bereits überholt», heißt es in der Studie, die der Netzeitung vorliegt.Zudem stellen die Autoren «nun klare Substitutionseffekte zwischen Internetnutzung und TV-Konsum fest». Das bedeutet: Wer im Netz unterwegs ist, sieht weniger fern als seine Altersgenossen. Bisherige wissenschaftliche Untersuchungen hatten stets ergeben, dass sich durch neue Angebote die Zeit, die Nutzer für Medien aufwenden, ausweitet, so dass ein etabliertes Medium nicht unbedingt unter neuen technischen Entwicklungen leiden musste.
Eine halbe Stunde weniger Fernsehen
Das ist laut Studie zumindest bei 20 Prozent der Befragten nicht mehr der Fall. Sie gaben an, «dass sich ihr Fernsehkonsum durch das Internet verringert hat». Diese so genannte Substitution ist um so stärker, je jünger der Nutzer ist: Bei den 14- bis 19-Jährigen wird sie von fast jedem dritten Befragten angegeben, bei den 30- bis 39-Jährigen ist es nur jeder sechste.«Der tägliche Fernsehkonsum ist bei den befragten Medienkonsumenten mit Internetzugang fast eine halbe Stunde pro Tag geringer als bei denjenigen, die zuhause keinen Internetzugang haben», heißt es in der Studie. Das entspricht einer Differenz von 20 Prozent. Außerdem lassen sich Männer stärker auf das Netz ein als Frauen: Während für 50 Prozent der männlichen Mediennutzer «das Internet voll oder zumindest teilweise die Funktion des Fernsehens übernommen hat», sei das nur bei einem Zehntel der weiblichen Befragten der Fall.
TV droht das Radio-Schicksal
Auch wenn Internet und TV parallel genutzt werden können, wie es inzwischen bei 45 Prozent der Befragten der Fall ist, leidet offenbar das Fernsehen und wird zusehends zum so genannten Nebenmedium, wie aus der Studie hervorgeht – «ähnlich wie das bisher beim Radio der Fall war». Das gilt zumindest für 37 Prozent der Befragten, für die der Fernseher nur noch nebenher läuft.Allerdings geben 33 Prozent an, beiden Medien die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken, wenn sie parallel laufen. Für 30 Prozent ergänzen sich Internet und TV im Sinne crossmedialer Nutzung. Sie suchen also nach Zusatzinformationen zu TV-Sendungen oder weiterführenden Links zu dort behandelten Themen.
Trend geht zum TV auf PC Dass der «Effekt der rückläufigen TV-Nutzung zu Gunsten des Internets» von den Sendern «als wenig kritisch dargestellt» werde sich als «Trugschluss» erweisen, urteilen die Autoren der Studie. «Denn das passive Nutzungsparadigma des traditionellen Fernsehens eignet sich eben auch zur gleichzeitigen (inter-)aktiven Nutzung des Internets.» Einerseits komme dem Fernsehen in seiner zunehmenden Rolle als Nebenmedium nur geringere Aufmerksamkeit zu. Andererseits werde sich der Substitutionseffekt «ungleich stärker zeigen, wenn sich das Wachstum des TV-Konsums verlangsamen sollte».Dieser durch die Studie festgestellte «tief greifende Wandel in der Mediennutzung» sei «ein insgesamt irreversibler Prozess», urteilen die Autoren. Denn die eingeübte Mediennutzung präge «das weitere Verhalten in der Zukunft», stellen sie fest. Daher ist die Frage des Verhältnisses der beiden elektronischen Medien vor allem unter den Jüngeren von Bedeutung. Bereits heute sprechen sich laut Umfrage 59 Prozent der 14- bis 19-Jährigen eher für ein «Internet mit der Möglichkeit fernzusehen» aus als für ein «Fernsehen mit den Möglichkeiten des Internets», heißt es weiter. Bei den 30- bis 39-Jährigen sind sie mit 35 Prozent dagegen noch deutlich in der Minderheit.
Meinungsbildung im Internet Insgesamt müsse künftig jeder Verbreitungskanal «seine spezifischen Stärken betonen», empfehlen die Autoren der Studie. Das Fernsehen werde dabei «die Chancen emotionalen und Event-bezogener Ansprache besser erfüllen», während das Internet «Wissens- und funktionale Bedürfnisse besser ansprechen» wird, urteilen sie. «Der Zwang, Kanäle und Inhalte stets profitabel betreiben zu müssen, wird das Inhalteportfolio spürbar verschieben.»In welche Richtung der Trend geht, zeigt sich bereits an der Beurteilung der beiden Medien für die Meinungsbildung der jüngeren Konsumenten. «Als Medium für die Meinungsbildung hat das Internet bei den 14- bis 39-Jährigen das Fernsehen bereits überholt», heißt es weiter. Denn für 55 Prozent der Befragten sei «das Internet eine wertvolle Hilfe für die individuelle Meinungsbildung, doch nur 39 Prozent billigen dieses Funktion dem Fernsehen zu». Insgesamt wurden mehr als 500 repräsentativ ausgewählte Menschen in Deutschland zwischen dem Winter 2004 und dem Frühling dieses Jahres für die Studie befragt. (nz)
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