Internationale Pressestimmen zur Wahl in NRW
23. Mai 2005 11:02, ergänzt 11:27 Die Wahlschlappe der SPD in Nordrhein-Westfalen und der Vorschlag zu vorgezogenen Bundestagswahlen im Herbst hat auch in der ausländischen Presse für Schlagzeilen gesorgt.
«Corriere della Sera» (Italien) «Das ist keine Niederlage, sondern ein Zusammenbruch. Das ist kein heftiger Ruck, sondern ein Erdbeben. Jede Maske, jedes Alibi ist gefallen. Auch die Grünen, die bisher irgendwie die Misserfolge der SPD gedeckt hatten, werden vom Düsseldorfer Tsunami mitgerissen.»
«La Repubblica» (Italien) «Ausgerechnet in seiner vielleicht letzten strategischen Entscheidung hat der deutsche Kanzler sich wie ein wahrer Staatsmann verhalten, ein Wesenszug, den er zuvor nicht immer gezeigt hatte.»
«Financial Times» (Großbritannien) «Schröder und seine Regierung haben die Hoffnung verloren, dass ihre unternehmerfreundliche Politik der vergangenen drei Jahre die deutsche Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs bringen kann. Jetzt muss die SPD in aller Eile eine Strategie für die Wahl in nur vier Monaten zusammenzimmern.»
«The Times» (Großbritannien) Die Stimmung in Deutschland hat sich definitiv gegen den Kanzler gewendet.» Schröder hätte kaum noch Chancen. Die Panikreaktion in Berlin werde Deutschland, die drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt, lähmen.
«The Daily Telegraph» (Großbritannien) «Der Verlust von NRW ist ein starker Hinweis darauf, dass Schröders Partei bei der nächsten Bundestagswahl abgewählt werden wird. Die CDU-Chefin Angela Merkel ist nun auf dem Weg ins Kanzleramt.»
«The Guardian» (Großbritannien) «Es wäre zu früh Schröder ganz abzuschreiben. Aber es sehe nach einer neuen Mitte-Rechts-Regierung aus, die erstmals von einer Bundeskanzlerin Angela Merkel geführt werden würde.»
«Dernières Nouvelles d'Alsace» (Frankreich) Gerhard Schröder bleibe nur die Flucht nach vorn. «Gleichzeitig setzt er die siegreiche CDU-Opposition unter Druck, die noch nicht auf einen großen Zweikampf vorbereitet ist. Es ist ein riskantes Spiel, doch dieser Paukenschlag zeugt auch von Format. Die Wähler schätzen Mut, auch Wagemut, eher als Drückebergerei.»
«de Volkskrant» (Niederlande) Die Regierung Schröder erwecke den Eindruck der Richtungslosigkeit. Ihre Ohnmacht im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, Schröders Paradepferd, sei vernichtend. «Ob eine CDU/FDP-Regierung mehr Tatkraft an den Tag legen wird, muss sich noch zeigen.»
«Neue Zürcher Zeitung» (Schweiz) «Für Schröder bedeutet die Wahlniederlage der SPD an Rhein und Ruhr einen vernichtenden Schlag.» Der Vorschlag, die Bundestagswahlen vorzuziehen, zeige das ganze Ausmaß des Desasters. Die Handlungsfähigkeit der deutschen Regierung sei auf ein erbärmliches Minimum reduziert worden.
»Tages-Anzeiger« (Schweiz) »Die Siegerin des gestrigen Tages heißt Angela Merkel.» Erst wenn Angela Merkel, die Bundestagswahl gewinnt, würde sich zeigen, ob die Union die besseren Rezepte für Deutschland hat.
«Berner Zeitung» (Schweiz) «Die klare Abwahl von Rot-Grün zeigt auch, was die Deutschen derzeit von ihrer Regierung halten - nämlich fast gar nichts. Mit dem Rücken an der Wand sucht der Kanzler daher den Entscheid: Trotzkopf Schröder hofft auf einen Trotz- und Verzweiflungseffekt, der die Wähler im Herbst wieder den Rot-Grünen in die Arme treibt.»
«Kurier» (Österreich) «Warum haben sich Kanzler Schröder und SPD-Chef Müntefering zu diesem nach nackter Panik aussehenden Schritt trotzdem entschlossen? Es ist wohl mehr als nur eiskaltes Machtkalkül, das in der Überrumpelung der Opposition noch die letzte Chance sucht. Es ist, wie der Wahlabend in Berlin durchscheinen lässt, wohl auch eine spontane, emotionale Reaktion der Führungsfiguren, vor allem von Franz Müntefering, die die eigene historische Rolle nun massiv in Frage gestellt sehen.«
«Jyllands-Posten» (Dänemark) «Der Machtwechsel in Deutschland erscheint jetzt nur noch als Frage der Zeit. Nach der katastrophalen Wahlniederlage im wichtigsten Bundesland Nordrhein-Westfalen kann Bundeskanzler Gerhard Schröder sich darauf einstellen, dass auf die Niederlage in Düsseldorf die in Berlin folgt. Der Countdown läuft. (...) Die Ohrfeige der Wähler fiel schallend aus.«
«Information» (Dänemark) «Gedemütigt, gefeuert, vor das Tor gejagt. Nach 39 Jahren an der Macht verloren die Sozialdemokraten jetzt die Macht im größten Bundesland Nordrhein-Westfalen. (...) Kaum waren die ersten Prognosen veröffentlicht, teilte SPD-Chef Franz Müntefering mit, dass die rotgrüne Regierung in Berlin vorzeitige Wahlen anstrebt. Der Schachzug kam so unerwartet, wie er logisch ist.«
«El País» (Spanien) «Bundeskanzler Gerhard Schröder befindet sich im Untergang. Das Wahlergebnis in Nordrhein-Westfalen war absehbar, aber deshalb nicht minder vernichtend. Angela Merkel befindet sich im Aufwind und kann neue Hoffnung schöpfen.» Alles deute auf ein Comeback der CDU hin, was für die Entwicklung Europas allerdings nicht gerade vielversprechend sein würde.
«Mlada fronta Dnes» (Tschechien) «In Deutschland hat ein politisches Erdbeben begonnen. Der Bundeskanzler, der nach mehreren Kabinettsumbildungen schlicht keine personellen Alternativen mehr hat, steht mit dem Rücken zur Wand. Retten soll ihn nun die Flucht in Neuwahlen.» (nz)
|