 «Die Rache der Sith»: Der Körper des Vaters
18. Mai 2005 07:51
 |  Anakin/Darth | | Foto: PR |
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Die Star-Wars-Saga ist vollendet. «Episode III» ist eine therapeutische Reise in die Vergangenheit: für die Charaktere, das Kino und die Fans. Betrachtung eines Betroffenen.
Der galaktische Krieg zwischen der Republik und den Separatisten erfasst in «Episode III – Die Rache der Sith» unter anderem auch den Wookie-Planeten Kashyyyk. Die Kämpfe in der tropischen Heimat von Chewbacca, dem zotteligen späteren Kopiloten von Han Solo, erinnern an Filme über den Vietnamkrieg - vor allem an «Apocalypse Now». Schwere, hubschrauberähnliche Flugvehikel rattern über einen Uferstreifen vor einem Urwald, und man erwartet förmlich, den Satz «Ich liebe den Geruch von Napalm am Morgen» aus Francis Ford Coppolas «Apocalypse Now» zu hören.
«Star Wars»-Erfinder George Lucas war ursprünglich als Regisseur für die Adaption von Joseph Conrads «Herz der Finsternis» vorgesehen. Und schenkt man den Berichten über die von ihm geplante Umsetzung Glauben, so wäre seine Vision des Vietnamkriegs wesentlich heftiger ausgefallen als die bereits für ihre Intensität legendäre Verfilmung seines Kollegen und Freundes Coppola. Angeblich wollte Lucas den Film in Südvietnam drehen und zwar noch während des Krieges.Das Ende der Auseinandersetzungen im Jahr 1975 und die umfangreiche Arbeit am ersten Teil der «Star Wars»-Saga verhinderten diese Realisierung jedoch. Anstatt mit einer Handkamera über ein echtes Schlachtfeld zu laufen, verschwand George Lucas im Sog des Erfolgs seiner Schöpfung «Star Wars» aus der Sphäre der irdischen Filmemacher und überließ es vorwiegend Tricktechnikern, seine Visionen von Krieg und Gewalt umzusetzen.
Der Kreis schließt sich
So berührt Lucas in «Episode III» seine eigene Vergangenheit als Regisseur. Auch kommt die Saga selbst ihrem eigenen Ursprung im Jahr 1977 in langsam eingeführten Bildäquivalenzen, Anspielungen und auf der Handlungsebene so nahe, dass das ganze Ausmaß der Geschichte auf ergreifende Art und Weise deutlich wird. 28 Jahre hat es gedauert, sie zu Ende zu erzählen. Ein in diesem Umfang sicher einmaliges Gesamtkunstwerk, zu dem neben 13 Stunden Film auch Hunderte von Büchern und Milliarden von Action-Figürchen gehören. Im Verlauf von «Episode III» tauchen ständig neue Variationen der eingesetzten Raumschiffe auf, die sich immer mehr den aus «Episode IV – Eine neue Hoffnung» bekannten Tie- und X-Wing-Fightern sowie den imperialen Sternenzerstörern annähern. Der gesamte Film entwickelt sich dadurch zu einem auf das Jahr 1977 führenden Sog. Die letzten Einstellungen sind fast deckungsgleich mit wichtigen Szenen aus den Episoden vier bis sechs.
 |  Hayden Christensen als Anakin | | Foto: Promo |
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Einem einigermaßen informierten «Star Wars»-Publikum war seit Jahren klar, wie dieser Film enden wird. Eine in dieser Form sicher unvergleichliche Herausforderung für Lucas. Ebenso wie die Erwartung der Fans, den Zauber des ursprünglichen Erlebnisses der «Star Wars»-Filme noch einmal herzustellen, die - allein aufgrund der Tatsache, dass es Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre kaum Videorekorder und vor allem noch nicht die Allgegenwart von digitaler Bildbearbeitung oder hochauflösende, vor Effekten triefende Videospiele gab - nicht eingelöst werden konnte.Und doch ist die Erinnerung an diesen Zauber da, der auch die neuen «Star Wars»-Filme «Episode I» bis «Episode III» zu mehr als Megablockbustern macht, obwohl sie doch insgesamt nur ein schwacher Ersatz für die Originale sind.
Fragen über Fragen Natürlich gibt es im Vorfeld von «Episode III» viele offene Fragen. Warum weiß C-3PO in «Episode IV » von 1977 nicht, dass er schon lange in die Geschichte um die Skywalkers verwickelt ist, ja sogar von Anakin gebaut wurde? Und warum ist sein Roboterfreund R2-D2 im Gegensatz zu ihm viel aktiver, geradezu wagemutig und bringt Luke überhaupt erst in die intergalaktische Handlung ein? Warum lebt Obi-Wan als Eremit ganz in der Nähe der Farm, auf der Luke aufwächst? Warum haust Yoda auf einem schleimigen Sumpfplaneten?Und warum schließlich erscheinen sowohl Ben als auch Yoda und sogar Anakin auch nach ihrem Tod als geistgleiche leuchtende Wesen? Auf all diese Fragen liefert «Episode III» die Antworten und auch das größte Geheimnis wird gelüftet: Wie wurde aus dem begabten jungen Jedi Anakin Skywalker der grausame, röchelnde Bösewicht Darth Vader, der sich hinter einer schwarzen Maske verbirgt? Erst am Ende wird deutlich, wie sehr die gesamte «Star Wars»-Saga die Geschichte von Anakin/Darth ist, wobei wie in jeder Psychoanalyse das, was zuerst passiert ist, erst im Nachhinein erklärt wird.
Pornografische Details
 |  'Die Rache der Sith'-Plakat | | Foto: Promo |
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Um die große, letzte Frage zu beantworten, stellt Lucas in bisher in «Star Wars» nicht gekannter Weise den Körper in der Vordergrund. Das wird bereits daran deutlich, dass «Episode III» der grausamste seiner Filme ist. In keinem anderen werden so viele Arme, Beine und Köpfe abgeschlagen. Und wie zu erwarten stand, wird vor allem Anakins Körper aufs Schrecklichste zugerichtet. So übel, dass er nur mit einer Ganzkörperprothese überleben kann. Der schwarze Darth Vader. Auf geradezu pornografische Weise wird enthüllt, was hinter dem hermetischen schwarzen Panzer des Sith-Lord liegt.
Onkel Vaders tiefer Fall In den Filmen der ursprünglichen Trilogie gewährte Lucas dem Publikum zunächst im Jahr 1980 in «Episode V – Das Imperium schlägt zurück» lediglich einen kurzen Blick auf den Hinterkopf Vaders, der zwar sofort unter dem von einer Roboterkralle gesteuerten Helm verschwand, aber schlimmste Deformationen erahnen ließ. Umso größer war bei vielen Zuschauern die Enttäuschung, als - drei Jahre später in «Episode VI - Die Rückkehr der Jedi-Ritter» - Luke seinem Vater den Helm abnimmt, damit sich die beiden ein einziges Mal direkt in die Augen blicken können, bevor Darth stirbt.Damals war eine bleiche, leicht aufgequollene, mit ein paar harmlos wirkenden Narben versehene Saufnase unter dem grimmigen Visier aufgetaucht, der wie ein Kritiker einmal sagte, ein wenig an Onkel Fester von der «Addams Family» erinnerte. Die Entschädigung für diese Enttäuschung folgt nun 22 Jahre später, wenn die wahre Tragödie hinter dem Monster und seiner Verstümmelung enthüllt wird. Der körperlichen Entstellung geht wie in jedem Moralstück die seelische Verderbnis Anakins voraus, die sich nach seinem Übertritt zur dunklen Seite der Macht in einem unerhörten Akt der Grausamkeit manifestiert, nach dem es für ihn kein Zurück mehr geben kann. Auch der brillant entworfene und umgesetzte General Grievous, ein hustender und humpelnder Roboter mit menschlichem Herzen und Augen, reiht sich in die Motivik körperlicher Verletzlichkeit ein und nimmt - typisch für die symphonische Kompositionsstruktur von Lucas' Filmen - die Figur Darth Vader in abgemilderter Form vorweg.
Erotik und Sublimation
 |  Anakin | | Foto: dpa |
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Das Körpermotiv ist auch an anderen Stellen von «Episode III» präsent wie nie zuvor. Allein schon, dass mit Padmé erstmals eine erkennbar schwangere Frau auftritt, darf als revolutionär gelten. Mit dem dicken Bauch der Ex-Königin thematisiert Lucas erstmals die Formen einer Frau. Bei den Dreharbeiten zu «Episode IV» wurde Carrie Fisher noch mit Klebeband umwickelt, damit ihre Kurven nicht zu sehr zur Geltung kamen, und in der kinderfilmhaften «Episode I – Die dunkle Bedrohung» von 1999 war noch von Anakins unbefleckter Zeugung die Rede. Nun wird erstmals in einem bisher völlig enterotisierten Universum auf so etwas wie Sex verwiesen, wenn auch immer noch sehr diskret.Padmés gehauchtes «Nicht hier», als Anakin sie nach einem bestandenen Einsatz zu stürmisch bedrängt, darf als erotischer Höhepunkt der Saga gelten, dicht gefolgt von Anakins freiem männlichen Oberkörper, wenn er anschließend mit Padmé im Bett liegt. Allerdings stellt sich die Frage, was George Lucas eigentlich damit aussagen will, wenn die einzigen beiden Personen, die im Star-Wars-Universum unzweifelhaft jemals Sex hatten, postwendend aufs Bitterste bestraft werden. Die schmeichelhafteste Antwort wäre noch, dass Sexualität als ästhetisches Konzept in Lucas Bilderwelt, deren Erfolg ein Paradebeispiel für libidinöse Sublimation ist, einfach keinen Platz hat.
Von Fan zu Fan Doch nicht nur die traumatische Vergangenheit Darth Vaders und des Regisseurs werden mit «Episode III» präsent. Auch für viele, die der Geschichte aus einer weit entfernten Galaxis seit Jahrzehnten verfallen sind, endet hier eine Reise. Unschwer lassen sich zahlreiche Szenarien entwerfen, wie «Star Wars» sich einmal in der Psyche der Fans festgesetzt hat und sie somit dem Rattenfänger Lucas erlegen sind - für immer.Etwa der elfjährige Junge aus einer geschiedenen Ehe, der 1981 zusammen mit dem fremd gebliebenen Stiefvater «Das Imperium schlägt zurück» im Kino sieht und seinen Augen nicht traut, was ihm hier an Effekten und fremden Welten entgegengeschleudert wird. Angelockt von nur Sekundenbruchteile währenden Sequenzen in TV-Spots, die ihn zum tagelangen Betteln veranlassten, versinkt er nun im Provinzlichtspielhaus in diesem Bildersturm. Bis am Ende ein ungeheuerlicher Satz direkt ins Unbewusste des Knaben greift und dort für immer eine Spur hinterlässt: «Ich bin dein Vater», sagt die so kalt designte Fratze des finsteren Darth Vader zum Jungspund Luke Skywalker, was diesen blank entsetzt, so dass er sich in einen tiefen Schacht fallen lässt und nur haarscharf von seinen Freunden gerettet werden kann. «Wer ist mein Vater? Er?», so fragt und rumort es in Luke und den neu rekrutierten «Star Wars»-Fans. Mindestens bis zum drei Jahre später gezeigten Finale «Die Rückkehr der Jediritter» und auch darüber hinaus. Wie in einer Psychoanalyse wird in den neuen «Star Wars»-Folgen enthüllt, was hinter diesem berühmten Trauma des abwesenden Vaters steht.
Effekt ohne Freundschaft Kaum nötig zu erwähnen, dass die Scharen an Filmeffekt-Hexenmeistern, die für Lucas arbeiten auch in «Episode III» nur das Feinste und Opulenteste zu bieten haben, was Hollywoods Design und Technik im Moment hergeben.
 | C-3PO | | Foto: Promo |
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Anders als in «Episode I» und «II» spielt in Teil drei Teamwork oder Freundschaft allerdings fast keine Rolle mehr. Stattdessen wird Anakins Ehrgeiz und Wahn gespeist von seiner krankhaften Sorge um seine geliebte Padmé und seiner Sucht nach Macht. Kein Vergleich zu den drei frühen Filmen, die man echte «Buddy-Movies», Kumpelfilme, nennen konnte, und in denen es meist darum ging, wie sich die Freunde Luke, Leia und Han ständig gegenseitig aus der Bredouille helfen. In «Episode III» steht dagegen jede Figur für sich selbst, handelt für sich selbst. Dem entspricht auch, dass sich am Ende alle verbleibenden Charaktere durch die gesamte Galaxis verstreuen und Darth Vader zu einem in Sternenzerstörern durch die Galaxis nomadisierenden Handlanger des Imperators wird, der - wie in «Episode IV» deutlich wurde - auch innerhalb des von ihm geführten galaktischen Imperiums isoliert ist. Die nach seinem Sohn in «Episode V» ausgestreckte Hand, die diesen auffordert, gemeinsam das Universum zu beherrschen, ist ein Versuch diese Isolation zu durchbrechen.
Und jetzt? Bleibt wie nach jeder beendeten Therapie die Frage nach der Zukunft. Wird George Lucas wirklich kleine, unkommerzielle Filme drehen, wie er es angekündigt hat? Kann er ruhig. Aber zuvor wäre es angebracht, die «Star Wars»-Folgen IV bis VI noch einmal neu zu verfilmen. Mit zeitgemäßen Effekten und nur einem Todesstern, der ganz am Ende von den Rebellen zerstört wird. Dies war nämlich Lucas' ursprünglicher Plan, als er das Drehbuch entwarf. Eingeschränkt durch Budget und Zeit musste er dieses Konzept in den siebziger Jahren eindampfen, um einen einzigen Film daraus zu machen, der irgendwo in der Mitte der Story angesiedelt ist. Und weil er auf den tollen Kracher am Schluss nicht verzichten wollte, packte er den Todestern, die ultimative Vernichtungsmaschine, noch mit hinein. Als er dann so großen Erfolg hatte, dass er die Fortsetzungen drehen konnte, musste der künstliche Planet wie ursprünglich geplant, in Episode VI noch einmal auftauchen. Dieser doppelte Todesstern macht dessen Einmaligkeit zunichte und mindert seine Bedrohlichkeit. Das sollte korrigiert werden. Ebenso bitte nach wie vor keine knuddeligen Ewoks mehr. Wie wär's, George?
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