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Klimaauswirkungen bei Wildtieren: 

Klima stört Gleichgewicht von Wölfen und Elchen

24. Apr 2008 12:37
Wölfe im Schnee des US-Nationalparks
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Ein weit verbreitetes Vorurteil über Wölfe lautet, dass sie wesentlich mehr Beutetiere reißen als nötig. Eine Studie zeigt nun das Gegenteil. Aber der Klimawandel gefährdet die Symbiose. Mit Video


Der Schnee ist blutgetränkt: Ein Rudel Wölfe macht sich über eine Elchkuh her. Sie haben sich ein schwaches Opfer ausgesucht. Einer biss das Tier in die Schnauze, zwei in die Seite und ein Wolf sprang es von hinten an. Nun haben die Wölfe wieder einige Tage genügend zu fressen. Die Symbiose der Raubtiere mit den Elchen im Nationalpark Isle Royale im US-Staat Michigan funktioniert seit Jahrzehnten, doch jetzt wird sie von den Auswirkungen des globalen Klimawandels bedroht.

John Vucetich von der Universität Michigan sieht den Wölfen aus dem Beobachtungsflugzeug zu. Wild reißen die Tiere an der Elchkuh, freuen sich nach mehreren Tagen wieder eine gute Beute gemacht zu haben. «Sie werden fett und glücklich sein», sagte Vucetich lachend. Den Höhepunkt des immer wieder kehrenden Dramas von Fressen und Gefressenwerden hat er bereits hunderte Male beobachtet.

Die Symbiose zwischen beiden Tierarten auf der rund 72 Kilometer langen Insel im Norden der USA wird von Forschern seit über 50 Jahren genau dokumentiert. «Es ist die bekannteste Wolfs-Studie der Welt», sagte Douglas Smith, ein früherer Mitarbeiter des Projekts, der inzwischen die Erforschung der Wölfe im Yellowstone-Nationalpark leitet.

Durchschnittstemperaturen in Rekordhöhe

Das Zusammenleben der Tierarten ist jedoch in Gefahr. In den vergangenen Jahren sind die Durchschnittstemperaturen auf Höchststände gestiegen und die Zahl der Elche und Wölfe ist gleichzeitig stark zurückgegangen. Die Forscher befürchten, dass die weltweite Klimaerwärmung ein seit hundert Jahren funktionierendes Gleichgewicht zerstören könnte.

Um das Jahr 1900 gelang es einigen Elchen erstmals von Ontario aus kommend, durch den Lake Superior auf die 24 Kilometer weit entfernte Insel zu schwimmen. Dort hatten die Tiere keine natürlichen Feinde und vermehrten sich rasant. Mitte des Jahrhunderts verendeten zahlreiche Tiere, da die Wälder überweidet waren. Doch in einem besonders strengen Winter kam «Abhilfe»: Ein Wolfspaar schaffte es, über den zugefrorenen See auf die Insel zu kommen.

Seither hat sich ein dynamisches Gleichgewicht eingestellt: Wenn es wenig Wölfe gab, waren die Elche so zahlreich, dass sie weniger zu fressen hatten und schwächer wurden. Damit wurden sie eine leichtere Beute der Wölfe, deren Zahl dann wieder stieg. Sobald die Elche weniger wurden, hatten die Wölfe weniger zu fressen und nahmen in ihrer Zahl wieder ab – ein Kreislauf.

Verhaltensänderungen festgestellt

Doch 2007 fiel die Zahl der Elche auf den niedrigsten Stand seit über 50 Jahren: Die Forscher konnten nur noch 385 Tiere zählen. Anstatt wie im Vorjahr 30 Wölfe fanden sie nur 21. Und die Tiere verhielten sich immer seltsamer. Die Elche müssen sich im Sommer normalerweise Vorräte für den Winter anfressen, doch stattdessen fanden die Forscher die Tiere beim Waten im Seewasser oder beim Ausruhen im Schatten. Die Wölfe haben sich indes immer wieder Zeltplätzen genähert, obwohl sie instinktiv Menschen meiden sollten.

Weniger Elche bedeuten bald auch weniger Wölfe und so weiter – ob es beide Arten auf der Insel noch in fünfzig Jahren geben wird, wagt kein Forscher zu wetten. Seit Jahresbeginn hat sich die Zahl der Elche wieder deutlich erhöht, aber es bleibt unklar, wie die Tiere die höheren Temperaturen vertragen. Der Biologe Rolf Peterson sammelt im Wald Skelettreste eines Elchs ein. Er will sie im Labor analysieren. Seit den 1970er Jahren beobachtet er das Gleichgewicht zwischen Räubern und Beutetieren schon. «Kürzlich hat man mich bei einem Gespräch vorgestellt und gesagt, 'der wird hier draußen sterben'», witzelte der emeritierte Professor der Universität Michigan.

Genügsam und wählerisch

Den Wissenschaftlern ist es zu verdanken, dass sich das Image der Wölfe vom bestialischen Raubtier gewandelt hat – in der Tat sind die Räuber eher genügsam und wählerisch. «Die Menschen hatten Unrecht, als sie die Wölfe zum Inbegriff des Bösen gemacht haben», sagt Vucetich. Man dürfe sie aber auch nicht zu braven Symbolen der unberührten Wildnis überhöhen, meint der Experte. «Es gibt so starke Meinungen zu Wölfen, aber das meiste basiert nicht auf Fakten sondern auf Angst, sagt Sharee Johnson, Direktorin des Internationalen Wolfzentrums in Ely im US-Staat Minnesota.

Eines der gängigsten Vorurteile sei, dass die Wölfe wesentlich mehr Beutetiere reißen als nötig oder nachhaltig vertretbar. «Die Studie auf der Isle Royale zeigt uns, das dies nicht der Fall ist. Es hält sich im Gleichgewicht», sagt Johnson. Doch die Auswirkungen des Klimawandels haben das Gleichgewicht durcheinandergebracht. Peterson und Vucetich hoffen, dass sich die Elche langfristig an höhere Temperaturen gewöhnen werden. (John Fles, AP)

Wölfe auf der Isle Royal

 
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