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Brasilianischer Regenwald dem Tode nah

25. Jan 2008 14:46
Brandrodung im brasilianischen Regenwald
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Die «Chronik eines angekündigten Todes» nennen Umweltaktivisten die Zerstörung des Regenwalds in Amazonien im nördlichen Südamerika. Nun ist die Regierung zum Handeln gezwungen.

Brasiliens Umweltministerin Marina Silva trat die Flucht nach vorne an. Sie räumte öffentlich ein, was seit Monaten ein offenes Geheimnis ist: Die Zerstörung der Natur im Amazonasgebiet schreitet wieder schneller voran. Aufgrund von Satellitenaufnahmen schätzt die Ministerin, dass allein von August bis Dezember 2007 rund 7.000 Quadratkilometer Regenwald vernichtet wurden - eine Fläche, die fast drei Mal so groß wie das Saarland ist.

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Die Regierung war zum Handeln gezwungen. Am Donnerstag ließ der sozialistische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva eine konzertierte Aktion zugunsten Amazoniens verkünden. «Wir werden die Mafiabanden bekämpfen, die die Natur zerstören, unsere Souveränität bedrohen und unsere Reichtümer rauben», kündigte Justizminister Tarso Genro an. Dafür werden 1.100 Bundespolizisten in die Region entsandt und elf neue Stützpunkte errichtet.

Verstärkung aus der Hauptstadt ist dringend notwendig. Denn in Brasiliens «Wildem Westen» machen die Lokalpolitiker vor Ort allzuoft gemeinsame Sache mit Holzfällern, Viehzüchtern oder Sojabauern. Mato Grosso ist der Bundesstaat, der die Statistik der Zerstörung regelmäßig anführt. Gouverneur Blairo Maggi ist ein Verbündeter des Präsidenten und Brasiliens größter Sojaproduzent. Greenpeace verlieh ihm 2005 die «goldene Kettensäge». Maggi führt den Drei-Millionen-Staat wie seinen eigenen Konzern.

«Null-Entwaldungs-Strategie»

Bei der Weltklimakonferenz im Dezember auf der indonesischen Insel Bali gab sich Maggi als geläuterter Anhänger einer «Null-Entwaldungs-Strategie». Er appellierte an die Mitverantwortung der Industrieländer für das Amazonasbecken. Jetzt wiegelt er ab: «Die Sojabauern und Viehzüchter sind unschuldig.» Sie hätten weder das Geld noch den Willen, die Zerstörung voranzutreiben.

Darüber kann Mauro Armelin von der Umweltstiftung WWF nur lachen. «Durch die Ausweisung neuer Anbauflächen für Soja oder Zuckerrohr in anderen Landesteilen wird die Viehwirtschaft immer stärker nach Amazonien gedrängt», sagt er. Und schließlich habe der Präsident den Bundesstaaten mehr Zuständigkeiten beim Umweltschutz übertragen - trotz der starken Widerstände vor Ort. 2007 war das Jahr, in dem erstmals kein einziges neues Naturschutzgebiet ausgewiesen wurde.

In den vergangenen fünf Jahren wurde zudem die Viehzucht in Amazonien mit günstigen Krediten von umgerechnet 750 Millionen US-Dollar gefördert, schätzt das Forschungsinstitut Imazon. Ein Aktionsplan von 2004 wurde nur zu 40 Prozent umgesetzt, kritisiert Greenpeace-Aktivist Paulo Adário: «Die Regierung hat eine Riesenchance vergeben, in Zeiten der Rohstoff-Flaute die Strukturmaßnahmen ihres eigenen Plans umzusetzen. Es ist die Chronik eines angekündigten Todes.»

Wachsende Nachfrage forciert negativen Folgen

Die Erfolgsgeschichte, mit der Marina Silva noch auf Bali geworben hat, ist damit entzaubert. Dank der Regierungsmaßnahmen sei die Zerstörung in drei Jahren um 60 Prozent zurückgegangen, hatten Brasiliens Klimadiplomaten dort immer wieder betont. Jetzt räumte die Ministerin erstmals öffentlich ein, dass die wachsende Nachfrage nach landwirtschaftlichen Exportgütern wie Soja gravierende Folgen hat. Hinzu kommt die Trockenheit infolge des Klimawandels, die Waldbrände und Brandrodungen begünstigt.

Nun will die Zentralregierung in den 36 am meisten betroffenen Gemeinden Amazoniens durchgreifen. Wer Wald zerstört, soll keine staatlichen Kredite mehr bekommen, sein Land soll konfisziert werden. Sämtliche Grundstücke müssen neu registriert werden. Bei der letzten Revision (1999-2002) wurde in Brasilien eine Fläche von 930.000 Quadratkilometern umgewidmet - fast ein Viertel davon steht mittlerweile unter Naturschutz.

Dass Lula internationalen Druck fürchtet, machte er am Mittwoch deutlich, als er die Entwaldung als «Verbrechen gegen die Wirtschaft» bezeichnete: «Sobald die Welt merkt, dass Amazonien zerstört wird, um Soja, Zuckerrohr oder Rindfleisch herzustellen, werden wir weniger wettbewerbsfähig», warnte der Präsident. (Von Gerhard Dilger, epd)

 
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