06. Nov 2006 07:11
Mojib Latif erforscht im Kieler Netzwerk «Ozean der Zukunft» Auswirkungen des Klimawandels auf die Ozeane. Mit der Netzeitung sprach er über den Meeresspiegelanstieg und stürmische Zeiten.
Netzeitung: Der Anstieg des Meeresspiegels ist eine der meist befürchteten Auswirkungen der globalen Erwärmung. Was hat man an Nord- und Ostseeküste zu erwarten?Latif: Der Meeresspiegelanstieg hat zwei Komponenten. Das eine ist die thermische Expansion, die Wärmeausdehnung des Wassers. Aufgrund der globalen Erwärmung dehnt sich das Wasser aus. Das könnten bis zum Jahr 2100 bis zu fünfzig Zentimeter sein.
Das andere ist die Eisschmelze. Man weiß aber nicht genau, wie schnell zum Beispiel der grönländische Eispanzer abschmelzen kann. Durch Grönland könnten aber bis 2100 durchaus noch fünfzig Zentimeter hinzukommen. Für den Fall, dass man so weiter macht wie bisher, muss man also mit einem Meter rechnen.Netzeitung: Gibt es in Deutschland Regionen, die noch in diesem Jahrhundert unbewohnbar werden könnten?
Latif: Unbewohnbar glaube ich nicht. Man muss die Deiche erhöhen, das passiert ja auch. Das Problem werden Extreme sein. Wenn eine Sturmflut kommt, läuft das Wasser noch einen Meter höher auf.
Netzeitung: Forscher vertreten die These, dass starke Hurrikans durch die Erwärmung des Meerwassers häufiger werden. Zeichnet sich ab, dass ein ähnlicher Zusammenhang auch für Sturmtiefs in Nord- und Ostsee gilt?Latif: Wir gehen davon aus, dass die Sturmaktivität im Winter zunehmen wird, dass wir häufiger Stürme bekommen und auch heftigere Stürme. Aber so was wie Hurrikans kriegen wir natürlich nicht, da unsere Wassertemperaturen zu kalt sind.
Netzeitung: Klimamodelle zeigen eine stärkere zu erwartende Erwärmung an Land als in den Weltmeeren. Wie ist das zu erklären?Latif: Im Meer können sich größere Schichten vermischen. Das ist an Land nicht möglich und deswegen steigt erwärmt sich das Land stärker als die Meeresoberfläche.
Netzeitung: Durch die Erwärmung könnten Böden mehr Treibhausgas freisetzen. Gibt es ähnliche Rückkopplungsmechanismen auch im Meer?
Latif: Das eine ist, dass die Löslichkeit von Kohlendioxid mit der Temperatur abnimmt. Das Meerwasser nimmt weniger Kohlendioxid auf, wenn es sich erwärmt. Der zweite Punkt sind die Organismen im Meer. Falls sie geschädigt werden, ist auch die biologische Aufnahme von Kohlendioxid schwächer. Heute nimmt der Ozean zwischen dreißig und vierzig Prozent des Kohlendioxids auf, das wir weltweit entlassen. Insgesamt muss man damit rechnen, dass diese Ozeansenke für Kohlendioxid abnehmen wird.
Netzeitung: Erklärtes Ziel der Europäischen Union ist es, unter einer mittleren Erwärmung der Atmosphäre von zwei Grad Celsius zu bleiben. Welche Auswirkungen auf das Meer könnten so abgefangen werden?Latif: Man könnte damit vermutlich verhindern, dass Grönland komplett abschmilzt. Wir gehen davon aus, dass das bei einer Temperaturerhöhung von drei Grad im globalen Mittel passiert. Dann hätten wir weltweit einen Meeresspiegelanstieg von sieben Metern. Bei zwei Grad wären wir davor wahrscheinlich einigermaßen sicher.
Wir könnten auch eine extreme Versauerung der Weltmeere verhindern. Wenn wir weniger Kohlendioxid in die Atmosphäre entlassen, nimmt der Ozean weniger auf. Kohlendioxid und Wasser ergeben ja Kohlensäure. Diesen Prozess kann man schon messen. Der pH-Wert ist schon um 0,1 gesunken, das heißt, das Meerwasser ist saurer geworden. Es wäre verhängnisvoll für das Leben im Meer, wenn die Versauerung anhalten würde.
Netzeitung: Was erwarten Sie von der Klimakonferenz, was erhoffen Sie sich?
Latif: Erhoffen würde ich mir, dass sich sowohl die USA als auch China eindeutig zum Klimaschutz bekennen. Und dass man eine Strategie für die Zeit nach Kyoto, nach 2012 entwickelt. Wenn man die Erwärmung unter zwei Grad Celsius halten will, muss man den Ausstoß von Kohlendioxid bis 2050 um fünfzig Prozent reduzieren, bis 2100 um etwa neunzig Prozent.
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