Biologische Diversität:
UN-Gipfel kämpft gegen globales Artensterben
16. Mai 2008 11:50
 |  Auch die Artenvielfalt im Regenwald schrumpft | Foto: dpa |
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Vom Erhalt der biologischen Vielfalt hängt das künftige Leben auf der Erde entscheidend ab: Die Artenvielfalt birgt auch eine «medizinische Schatzkiste« – eine Mission der UN-Konferenz in Bonn.
Neben dem Klimawandel gilt das Artensterben als zweite große globale Umweltherausforderung unserer Zeit. Zu der weltweit größten und bedeutendsten Naturschutzkonferenz des Jahres vom 19. bis 30. Mai wollen rund 5000 Teilnehmer nach Bonn kommen. Die UN-Konferenz mit Regierungsvertretern aus 190 Ländern soll ein Zeichen setzen im Kampf gegen die dramatisch fortschreitende Vernichtung der Natur. Dazu zählt vor allem die ungebremste Zerstörung der Urwälder mit hoher Artenvielfalt.
Auf der Bonner Konferenz wird beraten, wie die weitere Zerstörung von Wäldern und Meeren durch Schutzgebiete und andere Maßnahmen aufgehalten werden kann und wie das finanziert werden soll. Außerdem sollen Regelungen für den Zugang und die gerechte Verteilung des Nutzens aus der genetischen Vielfalt von Pflanzen gefunden werden. All dies ist umstritten, nicht zuletzt auch aus wirtschaftlichen Interessen.
Zum Stoppen ist es schon zu spät
Die Zeit drängt: Die Vorgaben einer vorangegangen UN- Naturschutzkonferenz und des Weltgipfels von Johannesburg (2002) lauten, die Verlustrate an biologischer Vielfalt bis zum Jahr 2010 «signifikant zu reduzieren». Der Verlust soll im Tempo also wenigstens abgebremst werden – ihn zu stoppen, das geht schon nicht mehr.Auch der Biosprit, der Treibstoff vom Acker, dürfte nicht nur wegen der ökologischen Folgen des immer mehr ausgeweiteten Anbaus sondern auch aus aktuellem Anlass wegen der Explosion der Nahrungsmittelpreise und bedrohter Lebensmittelproduktion ein Thema werden. Erstmals sollen auch Ergebnisse einer internationalen Studie über die weltwirtschaftlichen Kosten der Naturzerstörung vorgestellt werden, die von der Bundesregierung in Auftrag gegeben wurde.
Nur bescheidene Fortschritte
Der offizielle Name der Konferenz lautet: 9. Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt. Das Übereinkommen (Convention on Biological Diversity/CBD) wurde von der Staatengemeinschaft auf dem Erdgipfel von Rio de Janeiro 1992 beschlossen. Zusammen mit der Klimarahmenkonvention und der Wüstenkonvention gehört die CBD zu den drei Abkommen von Rio, mit denen sich die Staaten zu einem globalen Umwelt- und Naturschutz verpflichteten.
 |  Quelle für Biosprit: Rapsfeld | Foto: dpa |
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Die UN-Naturschutzkonferenz – so der offizielle Titel der Bundesregierung – soll die Weichen stellen für ein völkerrechtlich bindendes Vertragswerk, das dann in zwei Jahren in Japan beschlossen werden könnte. Da Beschlüsse bei völlig unterschiedlichen nationalen Interessen einstimmig getroffen werden müssen, ist mit zähen Verhandlungen zu rechnen. Bisher blieb es meist bei hehren Erklärungen, und auf acht Konferenzen gab es nur bescheidene Fortschritte.
Schlüssel für lebenswichitge Medikamente
Umwelt- und Entwicklungsorganisation fordern dringlich zum Handeln auf. Die reicheren Länder müssten endlich ihre finanziellen Verpflichtungen für die bereits beschlossenen Maßnahmen erfüllen, sonst würden ärmere Länder auch weiterhin Fortschritte blockieren. Vom Erhalt der biologischen Vielfalt (Biodiversität) und ihrer nachhaltigen Nutzung hängt das künftige Leben auf der Erde unmittelbar und entscheidend ab. Die Biodiversität - dazu zählt auch die Agrarvielfalt - umfasst alle Arten von Lebewesen, auch ihre Gene. Sie liefern Rohstoffe, Nahrung, Arzneimittel und sorgen für funktionierende Ökosysteme.
Der alarmierende Artenschwund raube der Menschheit auch die Schlüssel zur Entwicklung lebensrettender Medikamente, warnte das UN- Umweltprogramm (UNEP) kürzlich in einer Studie. In der Artenvielfalt sei auch eine «medizinische Schatzkiste» für mögliche neue Antibiotika, Schmerzmittel oder Krebsmedikamente verborgen.
Gabriel «substanzielle Fortschritte» an
Neben dem direkten Schutz der Vielfalt sind auch die Art der Nutzung sowie der Zugang zu genetischen Informationen und ein «gerechter Ausgleich» für Vorteile oder Profite aus diesem Zugang in der Diskussion. Nach den CBD-Regelungen sollen Entwicklungsländer davon profitieren, wenn etwa aus Regenwald-Pflanzen neue Arzneimittel gewonnen werden. Ärmere Länder sind auf den Erhalt der Tier- und Pflanzenvielfalt als Existenzgrundlage angewiesen. Das gilt in besonderem Maße für sogenannte indigene Völker, die bei der CBD ausdrücklich ein Mitspracherecht haben.
Konvention zur Bio-DiversitätDie Konvention über die biologische Vielfalt wurde 1992 auf dem Erdgipfel von Rio de Janeiro vereinbart. Sie hat drei Hauptziele: Die Erhaltung der Artenvielfalt, die nachhaltige Nutzung der Arten und die gerechte Aufteilung der Gewinne aus der Verwertung der Natur. Dem völkerrechtlichen Vertrag sind inzwischen rund 190 Länder beigetreten, nicht jedoch die USA. Alle zwei Jahre treffen sich Vertreter der Vertragsstaaten, um die Konvention in konkretere Ziele zu fassen, demnächst vom 19. bis 30. Mai in Bonn. |
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Bonn wird die letzte große CBD-Konferenz vor dem Erreichen des 2010-Ziels sein und hat daher eine besonders Bedeutung. Anders als beim Klimaschutz mit dem Kyotoprotokoll ist bei der Biodiversität noch kein verbindliches Regelwerk greifbar. Deshalb mahnt auch Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) dringlich «substanzielle Fortschritte» an. «Die Konvention steht am Scheideweg. Wir müssen in Bonn zeigen, dass es Bewegung und nicht nur Stillstand gibt. In Bonn wird sich entscheiden, ob die Konvention deutlich wirksamer werden kann, als dies im Moment der Fall ist.» (Edgar Bauer, dpa)