«Die Leute haben mich fassungslos angeschaut»
Wir waren vielleicht fünf oder sechs Leute in dem Waggon. Ich habe das gleich weitererzählt, aber dazugesagt, dass ich noch nicht weiß, worum es sich handelt und habe meine Frau gebeten, mich auf dem Laufenden zu halten. Während der Fahrt hat sie mich dann wieder angerufen und gesagt, der zweite Tower sei von einem Flugzeug getroffen und eingestürzt.
Ich verbreitete das im Zug weiter. Die Leute haben mich fassungslos angeschaut. Wir hatten das dumpfe Gefühl, an etwas Unvorhersehbaren und Unvorstellbaren, wenn auch abgemildert und gedämpft, teilzunehmen.
Ich bin dann in Quedlinburg angekommen, wo ich in der Kirche eine Lesung hatte. Ich hatte in den Nachrichten inzwischen gehört, was man bis dahin wusste. Ich hab dann mit der Buchhandlung gesprochen und gefragt, ob man angesichts dieser Ereignisse eine Lesung veranstalten könnte. Die Buchhandlung sagte, sie sei ausverkauft, und das könne man sehr wohl.
Es waren etwa 300 Leute da. Ich habe die Lesung dann umfunktioniert, sozusagen am Anfang ganz kurz und intensiv über die Ereignisse gesprochen, dann hatte ich meine Lesung und danach haben wir uns noch über die Ereignisse unterhalten. Aber die Nachrichten waren noch nicht so durchgesickert, so dass die Leute dann relativ schnell zur Normalität zurückgefunden haben.
So etwas Einschneidendes wie das Ereignis in New York habe ich etwa zwei- bis dreimal in meinem Leben erlebt. Einmal waren da die Raketentransporte Russlands nach Kuba 1962, das Attentat auf John F. Kennedy in Dallas und dann die Ereignisse um die Wiedervereinigung mit den Geschehnissen an der Prager Botschaft und dem Fall der Mauer, den ich mitten in einer Fernsehdiskussion erlebt habe.»
Die Netzeitung sprach mit Hellmuth Karasek, Journalist, Buchautor, Literaturkritiker und Professor für Theaterwissenschaft

