«Ich dachte zuerst, das sei ein Scherz»
Zum Mittagessen traf ich Jürgen Trittin und Fritz Kuhn, zog mich aber bald zurück, um meine Begrüßungsrede für das Sommerfest zu schreiben. Plötzlich stürmte Dietmar Strehl, unser Schatzmeister, ins Büro schrie, wir sollten sofort den Fernseher anschalten, es sei etwas Fürchterliches passiert. Wir liefen zum nächsten Fernsehgerät und ich sah ein Flugzeug in die Zwillingstürme in New York rasen und fasste überhaupt nicht, dass dies tatsächlich gerade geschah. Ich dachte wirklich zuerst, dies sei ein Scherz von Dietmar und wir würden einen schlechten D-Movie sehen.
Der Herbst 2001 war im Rückblick dann eine einzige Zeit des Wartens auf die Reaktion der Amerikaner, bis klar war, dass es zu einem Einsatz gegen Al Qaeda und das Taliban-Regime in Afghanistan kommen würde. Nicht nur in der grünen Partei entbrannte eine Debatte, ob und unter welchen Bedingungen die Bundesrepublik sich beteiligen sollte. Kanzler Schröder war für eine solche Beteiligung und verband damit sogar die Vertrauensfrage im Parlament.
In einer langen und sehr ernsten Debatte fanden wir Grüne zu einer gemeinsamen Position und machten uns für kritische und nicht bedingungslose Solidarität stark. Welche praktische Relevanz die strikten Bedingungen für den Bundeswehreinsatz, auf denen wir immer bestanden haben, dann tatsächlich hatten, zeigte sich nicht zuletzt bei den Kriegsvorbereitungen der Administration von George W. Bush gegen den Irak.
Die Bundesrepublik gehörte nicht zur Koalition der Willigen im Unterschied zu den Regierungen von Aznar, Berlusconi, Blair und anderen. Saddam Hussein war ein schlimmer Diktator und ohne jeden Zweifel ein grausamer Menschenrechtsverletzer, doch der Krieg gegen den Irak war nicht gerechtfertigt schon gar nicht aufgrund der Ereignisse des 11. September. Die klare Haltung der der rot-grünen Regierung, die von Merkel und Westerwelle dafür aus der Opposition heraus bekämpft wurde, hat die Bundesrepublik vor dem größten Debakel ihrer Nachkriegsgeschichte bewahrt.»
Die Netzeitung sprach mit Claudia Roth, die 2001/2002 Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen war. Dieses Amt hat sie auch seit 2004 wieder inne

