netzeitung.de«Ich dachte zuerst, das sei ein Scherz»

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Grünen-Chefin Roth (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Grünen-Chefin Roth
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

In das Büro von Grünen-Chefin Claudia Roth stürzte Partei-Schatzmeister Strehl und schrie, etwas Fürchterliches sei passiert.

«Am 11. September 2001 war schlechtes Wetter. Es regnete in Strömen. Für den Abend hatten wir zu unserem großen grünen Sommerfest eingeladen und fragten uns in der Parteizentrale, was wir mit den vielen Menschen anstellen sollten, wenn es auch am Abend so bliebe und das Fest nicht im Freien stattfinden kann.

Zum Mittagessen traf ich Jürgen Trittin und Fritz Kuhn, zog mich aber bald zurück, um meine Begrüßungsrede für das Sommerfest zu schreiben. Plötzlich stürmte Dietmar Strehl, unser Schatzmeister, ins Büro schrie, wir sollten sofort den Fernseher anschalten, es sei etwas Fürchterliches passiert. Wir liefen zum nächsten Fernsehgerät und ich sah ein Flugzeug in die Zwillingstürme in New York rasen und fasste überhaupt nicht, dass dies tatsächlich gerade geschah. Ich dachte wirklich zuerst, dies sei ein Scherz von Dietmar und wir würden einen schlechten D-Movie sehen.

Es dauerte, bis ich begriff, dass dies die New Yorker Wirklichkeit war, unsere Wirklichkeit, ein gezielter Angriff auf das World Trade Center. Keiner sprach. Und auch am Schweigen erkannte man, wie wirklich es war, wie unfassbar real die Szenen waren, an diesem Ort in New York, an dem ich gewesen war, den ich sehr gut kenne - mit der kleinen Kirche neben den Twin Towers, dem Geschäft des Hemdenmachers um die Ecke bei der Börse und dem nahen Fischmarkt, einem der beeindruckendsten auf der ganzen Welt. New York ist multikulturell, eine Stadt, die eine ganze Welt in sich trägt, die paradigmatische Stadt der Moderne. Hier ging es nicht einfach um einen Konflikt A gegen B. Es ging um einen Anschlag auf eine Lebensform - auch auf meine Idee von Leben.

Warten auf Reaktion der USA
Wir versammelten uns bei Fritz Kuhn im Büro, entsetzt und fassungslos. Die furchtbaren Bilder von fallenden Menschen werde ich nie vergessen. Wir sagten das Sommerfest ab und der engste Kreis der Parteiführung traf sich im Auswärtigen Amt bei Joschka Fischer. Joschka war sehr ruhig und konzentriert. Er analysierte die Ereignisse sehr scharf mit Blick in die Zukunft: „Die Welt ist nicht mehr so wie sie war.“ Er ging fest davon aus, dass Bush eine weit reichende Antwort geben würde und war sich der Gefahr eines neuen Krieges sehr bewusst.

Der Herbst 2001 war im Rückblick dann eine einzige Zeit des Wartens auf die Reaktion der Amerikaner, bis klar war, dass es zu einem Einsatz gegen Al Qaeda und das Taliban-Regime in Afghanistan kommen würde. Nicht nur in der grünen Partei entbrannte eine Debatte, ob und unter welchen Bedingungen die Bundesrepublik sich beteiligen sollte. Kanzler Schröder war für eine solche Beteiligung – und verband damit sogar die Vertrauensfrage im Parlament.

Keine bedingungslose Solidarität
Auch Joschka Fischer war dafür, sofern es ein UN-Mandat geben würde. Ich vertrat den Standpunkt, dass Deutschland sich nicht einfach aus der Verantwortung ziehen durfte - zumal ich Leiterin einer der ganz wenigen westlichen Delegationen gewesen war, die das Land in der Taliban-Zeit besucht hatten und die erschreckende politische und menschenrechtliche Lage unter dieser Regierung aus eigener Anschauung kannte.

In einer langen und sehr ernsten Debatte fanden wir Grüne zu einer gemeinsamen Position und machten uns für kritische und nicht bedingungslose Solidarität stark. Welche praktische Relevanz die strikten Bedingungen für den Bundeswehreinsatz, auf denen wir immer bestanden haben, dann tatsächlich hatten, zeigte sich nicht zuletzt bei den Kriegsvorbereitungen der Administration von George W. Bush gegen den Irak.

Die Bundesrepublik gehörte nicht zur „Koalition der Willigen“ – im Unterschied zu den Regierungen von Aznar, Berlusconi, Blair und anderen. Saddam Hussein war ein schlimmer Diktator und ohne jeden Zweifel ein grausamer Menschenrechtsverletzer, doch der Krieg gegen den Irak war nicht gerechtfertigt – schon gar nicht aufgrund der Ereignisse des 11. September. Die klare Haltung der der rot-grünen Regierung, die von Merkel und Westerwelle dafür aus der Opposition heraus bekämpft wurde, hat die Bundesrepublik vor dem größten Debakel ihrer Nachkriegsgeschichte bewahrt.»

Die Netzeitung sprach mit Claudia Roth, die 2001/2002 Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen war. Dieses Amt hat sie auch seit 2004 wieder inne