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Presseschau: Verbitterung unter den Lebenden
11. Sep 2006 12:52

Feuerwehrleute am 11. September 2001
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Foto: dpa
Von einem «bitteren Beigeschmack» des US-Kampfes gegen Terror schreiben die Kommentatoren der internationalen Presse am Jahrestag des 11. September und sehen «mehr Verlierer als Sieger». Vieles sei «stümperhaft» gelaufen.

«Der Standard»: Veränderung auch ohne 9/11

«Tatsächlich hat sich die Welt seither in vieler Hinsicht verändert: Der Ölpreis ist auf das Doppelte gestiegen; die USA sind in einem hoffnungslosen Krieg verstrickt und werden in aller Welt angefeindet; die Europäer sehen hilflos zu, wie junge Muslime aus ihren Städten sich in Terroristen verwandeln; die nuklearen Ambitionen des Iran lassen westliche Diplomaten und Strategen verzweifeln, und der Kampf gegen den Terror ist zum beherrschenden Thema unserer Zeit geworden. (...)

Die großen Veränderungen, die wir heute spüren, haben mit dem 11. September nur indirekt zu tun. Den Ölpreis treibt vor allem der Energiehunger Chinas und Indiens in die Höhe, und der Iran hatte sein geheimes Atomprogramm schon vor dem 11. September betrieben. Der viel beschworene 'Kampf der Kulturen' zwischen Islam und dem Westen findet - wenn überhaupt - in Europa statt (...).

Der US-geführte 'Krieg gegen den Terror' hat diesen sozial-kulturellen Sprengstoff weiter verschärft, doch auch ohne 9/11 würde Europa heute vor ähnlichen Problemen stehen.»

«El País»: Bush machte die Welt gefährlicher

«Das brutale Attentat hatte Präsident Bush und seine Regierung überrascht. Sie nutzten die Gelegenheit aber umgehend, um ihre neokonservative Agenda durchzusetzen. Diese kennzeichnet sich durch einseitige Aktionen, die Aufgabe der Diplomatie zu Gunsten des militärischen Drucks, die Einschränkung bürgerlicher Freiheiten und die Ausweitung der Machtbefugnisse des Präsidenten. Das Resultat, fünf Jahre später, ist eine noch gefährlichere Welt. Es hat eine verständliche, aber stümperhafte Invasion in Afghanistan gegeben und einen ungerechten und ungerechtfertigten Krieg im Irak, wo die USA nun weder ein noch aus wissen.»

«Independent»: 11. September gehört zu anderer Ära

«Die Bilder sind erst fünf Jahre alt, aber sie gehören schon zu einer anderen Ära: Blumen vor den US-Botschaften rund um die Welt, muslimische Frauen in Jordanien, die sich ins Kondolenzbuch eintragen, Kerzen und Plakate des Mitgefühls in Bangladesch, und Kinder, die vor der Weltbank zu einer Schweigeminute zusammenstehen.

Die Bilder einer Welt, die für kurze Zeit im Mitgefühl für die Amerikanern geeint war. Bewegend sind diese Bilder immer noch - aber wie veraltet. Die internationale muslimische Meinung (das gibt es heute) sowie die USA und ihre Verbündeten scheinen sich an einem Abgrund des Verständnislosigkeit und der Feindseligkeit gegenüber zu stehen.»

«Times»: Wahrnehmung hat sich geändert

«Die Perspektive bezüglich des 11. September hat sich zweifellos verändert. Unmittelbar nach der Tat wurde Amerika einmütig als Opfer betrachtet. Der erste Jahrestag war dementsprechend ein Anlass zur Einheit. Das ist heute nicht mehr der Fall. In Amerika und besonders anderswo wird den Toten Respekt gezollt, und es herrscht gleichzeitig Verbitterung unter den Lebenden. Neben Verschwörungstheorien wird unakkurat behauptet, dass die Toten des 11. September auf zynische Weise ausgebeutet wurden von einer Regierung, die Saddam Hussein im Irak loswerden wollte und auf einmal den erwünschten Vorwand hierfür bekam.

All dies darf keine Entschuldigung für die Fehler der vergangenen fünf Jahre sein. Amerikas Ziele und Ideale waren ehrenhaft, aber sie waren oft schlecht artikuliert, und die Irak-Politik war teilweise peinlich unangemessen, was dem Ruf Amerikas, Ziele in der globalen Arena umsetzen zu können, sehr geschadet hat.»

«Libération»: Bitterer Nachgeschmack

«Der Bush-Regierung ist es gelungen, die einzigartige Solidarität und Anteilnahme nach dem 11. September fast zerstört zu haben. Denn wenn die Welt heute gefährlicher erscheint als gestern, dann nicht nur wegen Al Qaeda. Mit immer ideologischeren und zweifelhafteren Reden trägt der amerikanische Präsident dazu bei, den Planeten in ein riesiges Schlachtfeld zu verwandeln. Wir wissen seit kurzem, dass der Irak, der zu einem Nährboden für Radikale geworden ist, keine Verbindungen zu Al Qaeda unterhielt. Und wer kann noch daran zweifeln, dass die von Washington unterstützte Strategie Israels in Gaza und im Libanon Kamikaze heranzieht?

Niemand zweifelt an der terroristischen Bedrohung, der London, Madrid, Rabat und viele andere Hauptstädte in den vergangenen fünf Jahren ausgesetzt sind, doch der Krieg George Bushs gegen den Terrorismus erzeugt das Gegenteil dessen, was eigentlich gewünscht war. Die Gedenkfeiern, in deren Mittelpunkt ein Ereignis steht, das die Menschheit gegen die Barbarei hätte vereinen können, hinterlassen einen bitteren Nachgeschmack.»

«Tages-Anzeiger»: Neue Außenpolitik nötig

«Fünf Jahre nach den Anschlägen des 11. September drängt sich eine Bilanz auf: Wer gewinnt den 'Krieg gegen den Terror'? Die Antwort lautet: keiner. Das epochale Ringen hat bisher mehr Verlierer hervorgebracht als Sieger. (...)

Was kann der Westen tun, um von der Verlierer- auf die Siegerseite zu wechseln? Er muss alles bekämpfen, was den Jihadisten erlaubt, ihren innerislamischen Machtkampf als 'Krieg zwischen dem Islam und dem Westen' zu verkleiden. Und er muss versuchen, die Mitte der muslimischen Gesellschaften zurück zugewinnen. Dazu ist eine neue Außenpolitik nötig, die von Gerechtigkeit, Demokratie und Partnerschaftlichkeit geleitet ist anstatt von Öl- und anderen strategischen Interessen sowie der fixen Idee des'»Zusammenpralls der Kulturen'.«

«Standart» (Bulgarien): Gründe unbekannt

«Was genau geschah am 11. September? Es scheint so, als ob niemand eine völlig ausreichende Antwort gegeben hat. Wer erklärte unseren bisherigen blassen Vorstellungen den Krieg? Die Vogelscheuche Bin Laden? Er kann nicht mal für das Sujet einer Seifenoper gut sein. Der fundamentale religiöse Fanatismus? Aber Kamikaze ist nichts Neues. (...)

Welche reale Kraft, welche verborgenen Gründe stehen hinter dem modernen verhängnisvollen und allgegenwärtigen Terrorismus? Bis wir auf solche Fragen keine klare Antwort geben, werden wir mit Gespenstern kämpfen und erlauben, dass in unseren Koffern, Kleidertaschen, Briefen und Seelen herumgewühlt wird, sowie im Namen der Sicherheit auf Freiheiten verzichten.»

«Le Figaro»: Krieg gegen Terrorismus muss total sein

«Das 21. Jahrhundert begann mit den spektakulären Attentaten am 11. September 2001. In Europa, und seit kurzem in den USA, meinen viele, dass die Antwort auf den Terrorismus gefährlicher sei als der Terrorismus selbst. Doch jene, die den früheren Diktator von Bagdad dem derzeitigen Bewohner des Weißen Hauses bevorzugen würden, lassen an jene Geister erinnern, die sich einst weigerten, die Grausamkeiten des roten Totalitarismus anzuerkennen. Auch sie täuschen die öffentliche Meinung.

Die Attentate in Bali, Madrid, London und Casablanca hätten auch ohne die Fehler Bushs stattgefunden. Der Feind existiert. Der Fehler war es, ihm geholfen und ihn ermutigt zu haben, noch bevor der derzeitige amerikanische Präsident auf die Bühne trat. Die Lösung zur Verhinderung der Verbreitung des Fundamentalismus kann nicht global sein. Der Krieg gegen Terrorismus jedoch muss vorbehaltlos und total sein.»

«Lidove noviny» (Tschechien): Europa kämpft an einer anderen Front

«Eine Sache ist El Qaeda gelungen: die Welt nervös zu machen. Aber die Organisation hat nicht geschafft, auch nur eine Regierung in der arabischen oder muslimischen Welt zu stürzen, obwohl dies eines ihrer erklärten Ziele war. Die USA sind seit dem 11. September 2001 mit einem Schlag hellwach, während Europa erst langsam zu sich fand. Europa kämpft an einer anderen Front, an einem Entgegenkommen bezüglich der muslimischen Gemeinden. Es tut gut daran. Nur: Wer gewohnt ist, in Flughäfen potenziell gefährliche Gegenstände abzugeben, sollte auch andere Dinge lassen: zum Beispiel ein Schlagwort wie 'Islamfaschismus' oder das Karikieren von Propheten.» (nz)




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