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Experte fürchtet falschen Anti-Terrorkampf
11. Sep 2006 14:45, ergänzt 15:10

Bewaffneter Polizist
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Foto: dpa
Der Berliner Kulturwissenschaftler Macho hat anlässlich des fünften Jahrestages der Anschläge in den USA die Methoden im Kampf gegen den Terrorismus kritisiert. Die Maßnahmen könnten «zum Terror der Regierenden selbst führen».

Der Wissenschaftler Thomas Macho hat vor falschen Konsequenzen aus den Terroranschlägen des 11. September 2001 gewarnt. «Es lässt sich auch historisch zeigen, dass die Paranoia vor dem Terror, da wo sie rechtliche Konsequenzen erzwingt, letztlich zum Terror der Regierenden selbst führt», sagte der Professor für Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin, der Netzeitung.

Mehr in der Netzeitung:
Macho erinnerte an die «Spirale der jakobinischen 'Grande Terreur'» 1793 in Frankreich. Damals sei eine ganze Reihe von zentralen Gesetzen außer Kraft gesetzt worden, «bevor die Guillotine in Dauerbetrieb genommen» wurde. «Da, wo sich paranoische Vermutungen direkt in Verfolgungsaktivitäten übersetzen, kann der befürchtete Terror in direkten Staatsterror übergehen», warnte Macho.

In den fünf Jahren seit den Anschlägen vom 11. September sind die Anti-Terror-Maßnahmen auch in Deutschland deutlich verschärft worden. Kurz nach den Attentaten wurden zwei Sicherheitspakete beschlossen. Nach den Anschlägen von Madrid, London und den fehlgeschlagenen Attentaten auf deutsche Regionalzüge wurden jeweils weitere Maßnahmen umgesetzt und Befugnisse vergrößert.

Thomas Macho
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Foto: Privat
Vor diesem Hintergrund trat der Kulturwissenschaftler Macho Einschätzungen entgegen, der 11. September 2001 sei ein «Tag, der nicht vergeht». Dies entspreche einer «Mythisierung» und habe als solche vor allem die Funktion die Anti-Terror-Maßnahmen zu rechtfertigen, «die nun unentwegt getroffen und mit dem 11. September begründet werden», sagte Macho. «Die permanente Bewachung und Bespitzelung der eigenen Bevölkerung, die Entkräftung von Bürgerrechten durch Notstandsverordnungen – das alles sehe ich mit allergrößter Beunruhigung.»

Interview:
Macho hält es überdies für möglich, dass die Furcht vor Terror eskalieren und in «eine Art Bürgerkriegsstimmung» umschlagen könnte. «Denn ebenso wie Paranoia ist auch Terrorismus eine ansteckende Krankheit», sagte der Kulturwissenschaftler. «Er befällt die Gemeinschaft wie ein Virus, bringt Nachahmungstäter, Bluffer und Trittbrettfahrer hervor.» Macho bezieht sich dabei auf den Philosophen Elias Canetti und dessen «Doppelmassen»-Begriff, möchte aber anstelle einer «antagonistischen», lieber von einer «mimetischen Doppelmasse» sprechen. «Täter und Opfer stehen sich nicht mehr einfach nur gegenüber, sie werden einander gleich», so Macho. «Der Feind ist plötzlich überall.»

Angela Merkel
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Foto: dpa
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) rief indessen zur internationalen Solidarität im Kampf gegen den Terrorismus auf. Dieser Bedrohung könne man nur gemeinsam begegnen, sagte die CDU-Vorsitzende zum fünften Jahrestag der Anschläge vom 11. September. Dabei dürfe aber nicht allein auf militärische Gewalt gesetzt werden. Die Staatengemeinschaft werde nur erfolgreich sein, wenn auch die demokratische und wirtschaftliche Entwicklung in den Krisenregionen gestärkt werde.

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble warnte davor, bei der Terror-Abwehr die Grundrechte außer Kraft zu setzen. Der CDU-Politiker sagte im Deutschlandradio Kultur mit Blick auf die Geheimgefängnisse der CIA, wer fundamentale Rechtsprinzipien außer Kraft setze, mache alles nur noch schlimmer. Auch der Europarat in Straßburg betonte, das amerikanische Vorgehen untergrabe die Werte einer freien und demokratischen Gesellschaft.

George W. Bush
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Foto: AP
In den USA gedenken die Menschen der Opfer der Anschläge vom 11. September 2001. Um acht Uhr 46 New Yorker Zeit sollten landesweit mit Schweigeminuten an die dreitausend Toten erinnert werden. Zu diesem Zeitpunkt raste das erste Flugzeug in das World Trade Center.

US-Präsident George W. Bush hatte bereits am Sonntag am Unglücksort in Manhattan Kränze niedergelegt. UN-Generalsekretär Kofi Annan sagte in einem Zeitungsinterview, die Bedrohung durch den Terror sei in den vergangenen fünf Jahren eher gestiegen. Der afghanische Präsident Hamid Karsai würdigte den Anti-Terror-Einsatz der USA in seinem Land und dankte für die Bemühungen beim Wiederaufbau. (nz)




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