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|  9/11-Anschläge «eine gelungene Provokation»
11. Sep 2006 07:11
 |  Terrorangriff vom 11. September 2001 in New York | | Foto: dpa |
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Kommentatoren werteten den 11. September 2001 als Beginn einer Ära. Die Netzeitung sprach mit Manfred Berg, Professor an der Uni Heidelberg, über Charakteristika dieser Epoche und die Regierungszeit von Präsident Bush.
Netzeitung: Bereits kurz nach den Anschlägen sprachen Kommentatoren unisono von einer Zeitenwende, dem Beginn einer neuen Ära oder dem Beginn des 21. Jahrhunderts. Mit dem Abstand von fünf Jahren betrachtet: War der 11. September tatsächlich ein historischer Wendepunkt? Berg: Ja. Zum einen wegen der damals deutlich gewordenen Bedrohungsqualität durch einen neuen Terrorismus. Es gab nach dem 11. September eine Vielzahl weiterer Terroranschläge, wenn auch nicht in derselben Dimension. Die Gefahr, dass sich etwas in der Qualität des 11. September wiederholen könnte, ist aber durchaus realistisch und hängt davon ab, ob potenzielle Attentäter noch einmal die Möglichkeit dazu erhalten. Zum anderen markiert dieses Datum eine deutliche Zäsur im Sinne einer neuen ideologisch-politischen Konfrontation zwischen dem Westen und dem radikalen Islam. Da diese Konfrontation kaum kurzfristig beendet werden kann, ist der 11. September 2001 eine Epochenschwelle.
Netzeitung: Wie ist die Ära seit dem 11. September abseits von dieser Terrorbedrohung und der Konfrontation zwischen dem Westen und dem radikalen Islam zu charakterisieren? Berg: Ein ganz wichtiger Aspekt ist die Militarisierung der amerikanischen Außenpolitik und die dadurch hervorgerufenen Konflikte mit wichtigen europäischen Bündnispartnern. Zudem haben der «Krieg gegen den Terror» und die Invasion im Irak dazu beigetragen, das Mächtegleichgewicht im Mittleren Osten zu verändern, allerdings nicht in der Art und Weise, wie sich das die Urheber versprochen haben. Denn eine Initialzündung für eine Demokratisierung der arabisch-islamischen Welt gab es nicht, dafür steht heute ausgerechnet der Iran gestärkt da. Die amerikanische Invasion im Irak hat die Idee der liberalen Demokratie eher diskreditiert, weil sie mit westlicher Bevormundung oder mit Chaos identifiziert wird. Gleichzeitig hat es in den westlichen Gesellschaften eine Verschiebung zum Sicherheits- und Präventionsstaat gegeben. In der Spannung zwischen Sicherheit und Freiheit hat sich die Präferenz von Politik und Bevölkerung in Richtung Sicherheit verschoben. Netzeitung: Ist bereits eine griffige Bezeichnung wie Kalter Krieg absehbar, die sich langfristig für diese Ära durchsetzen könnte? Wird sich am Ende die von US-Präsident Bush unmittelbar nach den Anschlägen verwendete Terminologie vom «Krieg gegen den Terror» etablieren? Berg: Der Begriff des Kalten Krieges ist 1947 von dem Journalisten Walter Lippman popularisiert worden und traf offenbar den Nerv der Zeit. Mit dem Begriff «Krieg gegen den Terror» versucht die Bush-Administration natürlich, die Diskurshoheit und Legitimität für den Primat des Militärischen zu gewinnen. Zumindest im Hinblick auf den Irakkrieg ist sie damit jedoch, außer bei ihren treuen Anhängern, weithin gescheitert. Beweise für eine Verwicklung Saddam Husseins in den 11. September konnten nie erbracht werden, und erst die Invasion der Amerikaner hat im Irak den Terrorismus entfesselt. Der Slogan vom «Krieg gegen den Terror» ist zu sehr ein politischer Kampfbegriff der Bush-Regierung, als dass er sich als neutrale Epochenbezeichnung durchsetzen könnte. Im Unterschied zu Amerika, wo Begriffe wie «Krieg» und «Kreuzzug» in der politischen Sprache gebräuchlich sind, vermeiden die Europäer lieber eine militante Sprache. Netzeitung: Der Schriftsteller Martin Walser sagte im Oktober 2001: «Man hat, glaube ich, in der Geschichte der Menschheit noch nie gemerkt, wann eine neue Epoche begonnen hat. Das weiß man immer erst viel später.» Berg: Der These von Walser kann ich mich nicht anschließen. Die Zeitgenossen der Französischen Revolution oder der Amerikanischen Revolution hatten durchaus ein sehr scharfes Bewusstsein davon, dass sie Geschichte machten und eine neue Zeit einleiteten. Denken Sie an das berühmte Wort Goethes nach der Kanonade von Valmy während der Revolutionskriege: «Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.» Durch die Live-Bilder von den Anschlägen des 11. September waren wir in gewisser Hinsicht alle Augenzeugen eines historischen Ereignisses, dessen Tragweite wir zumindest erahnen konnten. Eine entscheidende Rolle spielt heute die mediale Globalisierung, die ein ganz neues Bewusstsein zeitgeschichtlicher Vorgänge entstehen lässt. Netzeitung: Inwiefern haben andere zeitnahe Ereignisse wie das Ende des Kalten Krieges Einfluss auf den Umbruchcharakter des 11. September? Berg: Aus heutiger Sicht erscheint das Jahrzehnt nach dem Ende des Kalten Krieges als Übergangsphase. Die damals weithin gehegte Hoffnung auf die weltweite Durchsetzung des universalen, liberaldemokratischen Modells, auf Weltfrieden durch internationale Kooperation, gar die steile These vom «Ende der Geschichte», werden heute natürlich sehr viel skeptischer betrachtet. Angesichts der unkalkulierbaren Bedrohungen durch den Terrorismus und der zahlreichen internationalen Konfliktherde ist ja manchmal eine heimliche Nostalgie für die klaren Feindbilder und Frontstellungen des Kalten Krieges spürbar.
 |  'Wenig Veranlassung, ihm gute Noten zu geben': US-Präsident Bush | | Foto: dpa |
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Netzeitung: Sie sprachen von einer Zäsur im Sinne einer neuen Konfrontation zwischen dem Westen und dem radikalen Islam. Die Urheber der Anschläge hatten also Erfolg in der Umsetzung ihrer Motive? Berg: In gewisser Hinsicht kann man das sagen. Wir wissen ja inzwischen, dass der 11. September ein Fanal sein sollte, und dieses Fanal hat durchaus gezündet. Ich will keinesfalls behaupten, dass eine Mehrheit in der muslimischen Welt den Al-Qaeda-Terrorismus unterstützt. Aber die These, die islamische Welt sei das Opfer westlicher Unterdrückung und Verschwörung und gewaltsamer Widerstand völlig legitim, findet offenkundig erhebliche Resonanz, nicht zuletzt unter jungen Muslimen in den Metropolen des Westens. Der islamistische Fundamentalismus und terroristische Extremismus sind ja auch Ausdruck einer tiefen Modernisierungskrise der arabischen Welt. Netzeitung: Der 11. September – eine gelungene Provokation?Berg: Man zögert, den Urhebern dieses schrecklichen Geschehens Erfolg zu bescheinigen. Und selbstverständlich war und ist ein entschlossenes Vorgehen gegen den Terrorismus und seine Unterstützer notwendig und gerechtfertigt. Aber dennoch kann man die Anschläge als gelungene Provokation sehen. Es ist den Urhebern gelungen, die USA und einige ihrer Verbündeten dazu zu bringen, gleich zwei muslimische Länder, Afghanistan und den Irak, militärisch zu besetzen und damit eine direkte militärische Front zu eröffnen. Ob die Hintermänner des Anschlages tatsächlich so weit dachten, entzieht sich natürlich unserer Kenntnis, aber im Sinne eines übergeordneten Kalküls, eine Konfrontation zwischen dem Westen und der islamischen Welt herbeizuführen, erscheint dies durchaus plausibel. Netzeitung: Die deutschen Historiker sind für ihr Zögern bei der Erforschung des 11. September scharf kritisiert worden – auch die Aussage beim Historikertag am ersten Jahrestag der Anschläge von Verbandspräsident Manfred Hildermeier in Halle, die Geschichtswissenschaft sei «nicht primär berufen», sich mit den Ursachen und Folgen des 11. September zu beschäftigen. Berg: Dieser Aussage würde ich mich so nicht anschließen. Ob die Erforschung des 11. September nun eine vordringliche Aufgabe der deutschen Geschichtswissenschaft ist, sei dahingestellt. Ich sehe aber eine ganze Reihe internationaler Debatten und Forschungsfelder, die mit dem 11. September direkt oder indirekt zu tun haben. Das «American Empire» wird heute wieder breit diskutiert. Es gibt zahlreiche neue Studien über die Beziehungen der USA zur muslimischen Welt, nicht nur von amerikanischen Historikern. Man kann dieses Zitat aber auch so deuten, dass Hildermeier zu Recht vor Schnellschüssen gewarnt hat. Netzeitung: Der Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler sah 2002 als Grund für das Zögern der deutschen Geschichtswissenschaft bei der Erforschung des 11.9. die «Provinzialität der deutschen Historikerzunft». Man finde zehn Experten für den bayrischen Erbfolgekrieg, aber kaum einen über den Nahen Osten. Berg: Auch in Deutschland ist sehr viel über den 11. September geschrieben worden. Dass sich die deutsche Öffentlichkeit durchaus profund aus zahlreichen Quellen orientieren kann, ist unbestreitbar. Der durchschnittliche deutsche Zeitungsleser und Fernsehzuschauer ist besser informiert als der durchschnittliche amerikanische Zeitungsleser und Fernsehkonsument. Dazu trägt auch die Expertise deutscher Historiker und Politikwissenschaftler bei. Ich stimme Wehler aber insofern zu, dass die deutsche Geschichtswissenschaft zu lange einer germano- und eurozentrischen Perspektive verhaftet war und die außereuropäische, inklusive der US-amerikanischen Geschichte, sträflich vernachlässigt wurde. Netzeitung: Urteilen US-Historiker anders als nicht-amerikanische Geschichtswissenschaftler über den 11. September? Berg: Sie sind keineswegs weniger kritisch im Hinblick auf amerikanisches Fehlverhalten vor oder nach dem 11. September. Es gibt bereits zahlreiche Studien und Sammelbände, welche versuchen, den 11. September in eine längerfristige historische Perspektive zu stellen. Die amerikanische Historikerschaft ist jedoch alles andere als repräsentativ für den politischen Mainstream der USA. Sie steht mehrheitlich vergleichsweise weit links. Insofern ist ihr Einfluss in der breiten Öffentlichkeit natürlich beschränkt. Netzeitung: Der US-Professor für Amerikanische Geschichte Sean Wilentz sagte, er sei geneigt George W. Bush als schlechtesten US-Präsidenten aller Zeiten einzuordnen. Teilen Sie diese Auffassung? Berg: Es gibt unter amerikanischen Historikern regelmäßige Ratings über die Qualität der Präsidenten. Amerikaner lieben bekanntlich Zahlen. Wilentz vergleicht Bush unter anderem mit James Buchanan, dem viele Historiker die Verantwortung für die zum Bürgerkrieg führende Eskalation zwischen Nord und Süd anlasten. Richtig ist, dass Bushs Politik die Amerikaner inzwischen sehr polarisiert, obwohl die Nation nach 9/11 geeint hinter dem Präsidenten stand. Sowohl bei vielen seiner Landsleute als auch international hat George W. Bush in kurzer Zeit enorm viel Unterstützung und Wohlwollen eingebüßt. Er hat zudem Amerika im Irak in einen Krieg geführt, dessen erfolgreiche Beendung derzeit kaum möglich erscheint. Ich möchte es vorsichtig formulieren: Die bisherige innen- und außenpolitische Bilanz seiner Präsidentschaft bietet wenig Veranlassung, ihm gute Noten zu geben oder seine intellektuellen und politischen Fähigkeiten zu preisen. Aber viele seiner Vorgänger hatten einfach das Glück, dass sie nicht mit denselben Herausforderungen konfrontiert waren. Übrigens hat man ja ähnlich negativ über Ronald Reagan geurteilt. In einer entscheidenden Phase des Kalten Krieges hat er sich dann allerdings sehr flexibel verhalten. Mit Manfred Berg sprach Timo Hoffmann.
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