09. Sep 2006 08:07
Für Michael Wolffsohn ist der 11. September 2001 ein «welthistorisches Datum». Die Netzeitung sprach mit dem Historiker über die Ursachen der Anschläge in den USA und die Entwicklungen der transatlantischen Beziehungen seit damals.
Michael Wolffsohn: Eindeutig. Der 11. September 2001 ist und bleibt ein welthistorisches Datum. Das Herz der Großmacht USA wurde erstmals getroffen, und nie gab es einen so einen Mega-Terror. Erstmals seit 1683 - Türken vor Wien - bedrohte der Islam wieder ein Zentrum des Abendlands. Seitdem sind viele abendländische Zentren bedroht.Netzeitung: Kann sich der 11. September wiederholen?
Wolffsohn: Ja, jederzeit und nicht nur in den USA. Man denke an die am 10. August dieses Jahres vereitelten Mega-Anschläge gegen transatlantische Flüge von London in die USA.
Netzeitung: Als Reaktion auf den 11. September sind Anti-Terror-Gesetze erlassen bzw. erheblich verschärft worden – auch in Deutschland. Gab es aus heutiger Sicht Überreaktionen?
Wolffsohn: Das kommt auf die einzelnen Staaten an. In Deutschland bestimmt nicht. Dass die Bush-Regierung in den und für die USA übertrieben hat, sagen viele. Diese Vielen sind meistens Außenstehende. Von außen lässt sich so etwas immer leichter behaupten. Wer be- und getroffen ist, urteilt anders.
Netzeitung: In den neunziger Jahren hat Samuel Huntington sein Buch «Kampf der Kulturen» veröffentlicht. Damals sorgte es für heftige Debatten. Fünf Jahre nach dem 11. September scheint es, als seien Religion und kulturelle Zugehörigkeiten tatsächlich häufiger Ursache für Konflikte als Nationalität. Hatte Huntington recht?
Wolffsohn: Ja, auch vor dem 11. September 2001 und nicht nur wegen dieses Datums. Er war klarsichtiger als die meisten seiner beckmesserischen, häufig Fliegenbeinchen-zählenden Kritiker. Für diese galt und gilt: Dass nicht sein kann, was nicht sein darf.
Netzeitung: Wurde die Gefahr des religiös motivierten Extremismus unterschätzt?
Wolffsohn: In Deutschland und Westeuropa ja. Das liegt daran, dass die meisten Deutschen und Westeuropäer religiös «unmusikalisch» bzw. fast Analphabeten sind - und darauf oft stolz sind. Wer Religion nicht auch als Faktor der Politik erkennt, verkennt die Welt-Wirklichkeit und hält Deutschland und Europa für «die» Welt.
Netzeitung: Sehen Sie im Nahen Osten die Ursache für den islamistischen Terrorismus?
Wolffsohn: Zur Hälfte ja. Die andere Hälfte: Europa und Deutschland. Bezogen auf Nahost ist der Focus in Saudi-Arabien und Marokko, auch Ägypten und nicht - wie die Legende besagt - Israel und «Palästina». Unter den international-islamistischen Terroristen kommen die meisten aus Saudi-Arabien, Marokko, Ägypten, nicht aus Palästina. Der palästinensische Terror richtet sich seit Jahren «nur» gegen Israel. Förderer und Schutzpatrone der Nahost-Terroristen sind heute Iran und Syrien.
Zur europäischen Hälfte ist zu sagen: Man schaue auf die Hamburger Zelle, die den 11. September 2001 entscheidend mitvorbereitet hat, Madrid am 11. März 2004, London am 7. und 21. Juli 2005 sowie am 10. August 2006, die brennenden Vorstädte Frankreichs im Herbst 2005 oder die Bombenleger von Köln. Sie alle wurden bei uns in Europa «gewendet», also islamistische Terroristen. Auch bei uns müssen wir die Ursachen suchen, nicht nur bei Amerikanern und Israelis, Iranern und Syrern.
Netzeitung: Warum kriegt die internationale Gemeinschaft das Problem nicht in den Griff?
Wolffsohn: Weil das Terrorproblem sowohl die Internationale als auch die jeweilige Innenpolitik betrifft und die Verflechtungen der Akteure sowohl analytisch als auch operativ schwer durchschaubar sind. Die westlichen Dienste sind zudem immer schlechter, die Gesellschaft sicherheitspolitisch zu schläfrig geworden.
Netzeitung: «Uneingeschränkte Solidarität» versprach Bundeskanzler Gerhard Schröder den USA nach den Anschlägen vom 11. September 2001. An der amerikanischen Invasion von Afghanistan und Irak war Deutschland dann nicht beteiligt. War das richtig?
Wolffsohn: Jene «uneingeschränkte Solidarität» der damaligen rot-grünen Bundesregierung war von Anfang an eine hohle Phrase. Ich hatte wenige Tage nach ihrer Verkündung darauf hingewiesen und bekam leider schnell Recht. Mit diesem Kurs haben im Jahre 2002 Schröder und Fischer die Bundestagwahl gewonnen.
Netzeitung: Wie hat sich das deutsch-amerikanische Verhältnis seit damals verändert?
Wolffsohn: Die Nicht-Solidarität der damaligen deutschen Regierung - auch der französischen - hat einen tiefen Atlantischen und innereuropäischen Graben entstehen lassen. Die rot-grüne Bundes- und die gaullistische Regierung Frankreichs haben ihre Bevölkerungen auf einen einen heftigen Anti-US-Kurs gebracht, der in der Gesellschaft (nicht der früheren Bundesregierungen) schon vorher vorhanden war, doch dramatisch verschärft wurde. Das alles ging weit über Detailkritik hinaus.
Es wurde eine Art Kulturkampf Westeuropa (minus Großbritannien) gegen den American Way of Life. Das hat leider deutsche Tradition. Damit hat sich vor allem Deutschland selbst geschadet, siehe - trotz gewaltiger Unterschiede - Wilhelm II. und Adolf Hitler.
Konfrontationen mit den USA sind Deutschland nie gut bekommen. Bundeskanzlerin Merkel und Außenminister Steinmeier haben jenen Schröder-Fischer-Kurs im deutschen Interesse korrigiert. Nebenbei: Dass Joschka Fischer als Nicht-Akademiker nun in Princeton (USA) mit einer Gast-«Professur», wohl eher (die akademische Schonkost) Lehrbeauftragter, belohnt wurde, entspricht traditioneller US-Noblesse. Dort vergibt und vergisst man Untaten schnell, wie auch die US-Care-Pakete an Deutsche nach 1945 zeigen.
Netzeitung: Inwiefern stellt der 11. September und seine Konsequenzen auch einen Einschnitt für die transatlantischen Beziehungen dar?
Wolffsohn: Wie gesagt: Ein tiefer Atlantikgraben ist entstanden. Regierungen kommen und gehen, dieser Graben bleibt.
Netzeitung: Ist die Welt seit dem 11. September sicherer oder unsicherer geworden?
Wolffsohn: Natürlich ist die Welt unsicherer geworden. Wir aber reden uns ein, weiter so fröhlich auf höhere Kosten und Opfer für Sicherheit verzichten zu können. Deutschland steht das böse Erwachen noch bevor.
Netzeitung: Haben Sie den Eindruck, dass die westlichen Staaten in Bezug auf Terrorbedrohungen näher zusammengerückt sind?
Wolffsohn: Mit Phrasen ja, mit Politik nein.
Netzeitung: Wird das 21. Jahrhundert ein Jahrhundert der permanenten Bedrohung durch Islamisten?
Wolffsohn: Ja, zumindest auf absehbare Zeit.
Netzeitung: Wo waren Sie am 11. September?
Wolffsohn: Zuhause und dann kamen die TV-Übertragungswagen, um mich zu interviewen.
Netzeitung: Wie haben Sie von den Anschlägen erfahren?
Wolffsohn: Zuhause. Nach einer kleinen Mittagspause sah ich meine Frau am Nachmittag vor dem Fernseher. Das ist bei uns ein absoluter familiärer Notfall. Dass es ein globaler war, habe ich leider schnell verstehen müssen.
Netzeitung: Was haben Sie gedacht?
Wolffsohn: Das gleiche wie alle menschlichen Menschen: Wie können Menschen Menschen so etwas Entsetzliches antun?
Mit Michael Wolffsohn sprach Dietmar Neuerer