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Al Dschasira – Sprachrohr Arabiens
08. Sep 2006 10:44

Der Erfolg des arabischen Senders Al Dschasira hängt eng mit dem 11. September 2001 zusammen. Nicht nur mit seinen «wunschschönen Moderatorinnen».

Von Thomas Gehringer

Die ersten zehn Jahre seit der Gründung des arabischen Nachrichtensenders Al Dschasira im November 1996 lassen sich in zwei Phasen einteilen: eine vor dem 11. September 2001 und eine danach. «Unser Ziehvater hatte sich verändert. Wir waren nicht mehr der Liebling der westlichen Demokratien, sondern fanden uns auf der Anklagebank wieder.» Aktham Suliman sagt das mit einem unschuldig-verwunderten Blick, als könne er immer noch nicht recht glauben, was dem Sender aus Doha (Katar) da widerfuhr.

«Wunderschöne Moderatorinnen»

Der 1970 geborene Syrer und Berliner Bürochef von Al Dschasira («Die Insel») ist zurzeit ein gefragter Mann, sitzt auf Podien und gibt Interviews. Bei einer Veranstaltung der Deutschen Welle über arabische Medien fünf Jahre nach dem 11. September 2001 in Bonn wurde er gar von einem Honorarkonsul Jordaniens als das «Sprachrohr Arabiens in den deutschsprachigen Medien» bezeichnet. Ein für einen Journalisten zweifelhaftes Kompliment, das Suliman nur halbherzig zurückwies, so sehr schmeichelte es ihm.

In gewisser Weise war tatsächlich der Westen der Ziehvater des 1996 gegründeten Senders, genauer gesagt: der angelsächsische Journalismus. Mehr als 120 Journalisten des gerade geschlossenen arabischen Dienstes der BBC hatten dort einen neuen Arbeitsplatz gefunden. Man könne den Beitrag von Al Dschasira zur Demokratisierung in den arabischen Staaten gar nicht hoch genug bemessen, erklärt Nahost-Experte Michael Lüders. Al Dschasira zwinge die staatlichen Sender dazu, ihre professionellen Standards zu steigern. Zum Erfolg trügen nicht zuletzt die «wunderschönen Moderatorinnen» bei, die meist unverschleiert aufträten.

Vielen suspekt

Der 11. September 2001 war auch für den Sender ein Wendepunkt: Nach den Anschlägen von New York und Washington strahlte Al Dschasira die Videos von Osama Bin Laden aus und katapultierte sich in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Während des Afghanistan-Feldzugs zeigte der Sender zum Ärger der US-Regierung als einziger Bilder von den zivilen Opfern der amerikanischen Luftangriffe.

Wegen der Kontakte zu den Taliban und der Terrororganisation Al Qaeda ist Al Dschasira vielen suspekt. Auch die Berichterstattung im Karikaturenstreit, die Bezeichnung von Selbstmord-Attentätern als Märtyrer oder die Auswahl von Bildern, die die Empörung auf den Straßen zusätzlich anheizen, wurden häufig kritisiert. Das US-Militär bombardierte, angeblich aus Versehen, zwei Büros des Senders im Afghanistan- und im Irakkrieg. Nicht dementiert wurden außerdem Berichte, dass erst der britische Premier Tony Blair US-Präsident George W. Bush davon abbrachte, die Zentrale in Doha anzugreifen.

Al Dschasira vor CNN

Aber auch manchen arabischen Herrschern ist Al Dschasira unbequem. In mehreren Staaten musste der Sender Büros zeitweise schließen. Als Informationsquelle im weltweiten Nachrichtenfluss ist der Sender zugleich unerlässlich. Während des Irakkriegs 2003 zählte das Kölner Institut für empirische Medienforschung (IFEM) im deutschen Fernsehen 479 Übernahmen von Nachrichtenbeiträgen anderer Sender.

Spitzenreiter war Al Dschasira mit 107 Beiträgen vor CNN mit 86. Mehrere westliche Sender haben Kooperationsverträge mit Al Dschasira abgeschlossen, darunter auch das ZDF. «Das Monopol des Westens ist gebrochen», sagt Khaled Hroub, Leiter des Arab Media Projects an der Universität Cambridge.

Bildungsvakuum füllen

Der Ausbau als globale Marke dauert allerdings länger als geplant: Der Start des englischsprachigen Programms ist bereits mehrfach verschoben worden und wird nun für Anfang 2007 angekündigt. Al Dschasira ist bisher nach eigenen Angaben in 35 Millionen Haushalten zu empfangen. Der Erfolg rief Konkurrenten auf den Plan: 2003 ging mit Al Arabiya, das überwiegend von saudischen Investoren finanziert wird, ein weiteres, weitgehend unabhängiges Programm auf Sendung.

Die Erwartungen an die privaten Kanäle sind hoch. Das enorme Bildungsvakuum zu füllen, sei angesichts der enormen Zahl von Analphabeten in den 22 arabischen Staaten auch eine Aufgabe des Fernsehens, sagt Michael Lüders. Für Khaled Hroub hat Al Dschasira auf Grund fehlender demokratischer Strukturen vielfach die Rolle einer vierten Gewalt übernommen.

Die offene und kritische Haltung endet allerdings, wenn über die Region der Geldgeber berichtet werden soll. Das leugnet auch Aktham Suliman nicht. Im Fall von Al Dschasira ist das nach Ansicht von Michael Lüders freilich nicht ganz so schlimm, denn Katar sei «ähnlich aufregend wie Bottrop oder Wanne-Eickel». (epd)




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