Al Dschasira Sprachrohr Arabiens
08.09.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Die ersten zehn Jahre seit der Gründung des arabischen Nachrichtensenders Al Dschasira im November 1996 lassen sich in zwei Phasen einteilen: eine vor dem 11. September 2001 und eine danach. «Unser Ziehvater hatte sich verändert. Wir waren nicht mehr der Liebling der westlichen Demokratien, sondern fanden uns auf der Anklagebank wieder.» Aktham Suliman sagt das mit einem unschuldig-verwunderten Blick, als könne er immer noch nicht recht glauben, was dem Sender aus Doha (Katar) da widerfuhr.
In gewisser Weise war tatsächlich der Westen der Ziehvater des 1996 gegründeten Senders, genauer gesagt: der angelsächsische Journalismus. Mehr als 120 Journalisten des gerade geschlossenen arabischen Dienstes der BBC hatten dort einen neuen Arbeitsplatz gefunden. Man könne den Beitrag von Al Dschasira zur Demokratisierung in den arabischen Staaten gar nicht hoch genug bemessen, erklärt Nahost-Experte Michael Lüders. Al Dschasira zwinge die staatlichen Sender dazu, ihre professionellen Standards zu steigern. Zum Erfolg trügen nicht zuletzt die «wunderschönen Moderatorinnen» bei, die meist unverschleiert aufträten.
Wegen der Kontakte zu den Taliban und der Terrororganisation Al Qaeda ist Al Dschasira vielen suspekt. Auch die Berichterstattung im Karikaturenstreit, die Bezeichnung von Selbstmord-Attentätern als Märtyrer oder die Auswahl von Bildern, die die Empörung auf den Straßen zusätzlich anheizen, wurden häufig kritisiert. Das US-Militär bombardierte, angeblich aus Versehen, zwei Büros des Senders im Afghanistan- und im Irakkrieg. Nicht dementiert wurden außerdem Berichte, dass erst der britische Premier Tony Blair US-Präsident George W. Bush davon abbrachte, die Zentrale in Doha anzugreifen.
Spitzenreiter war Al Dschasira mit 107 Beiträgen vor CNN mit 86. Mehrere westliche Sender haben Kooperationsverträge mit Al Dschasira abgeschlossen, darunter auch das ZDF. «Das Monopol des Westens ist gebrochen», sagt Khaled Hroub, Leiter des Arab Media Projects an der Universität Cambridge.
Die Erwartungen an die privaten Kanäle sind hoch. Das enorme Bildungsvakuum zu füllen, sei angesichts der enormen Zahl von Analphabeten in den 22 arabischen Staaten auch eine Aufgabe des Fernsehens, sagt Michael Lüders. Für Khaled Hroub hat Al Dschasira auf Grund fehlender demokratischer Strukturen vielfach die Rolle einer vierten Gewalt übernommen.
Die offene und kritische Haltung endet allerdings, wenn über die Region der Geldgeber berichtet werden soll. Das leugnet auch Aktham Suliman nicht. Im Fall von Al Dschasira ist das nach Ansicht von Michael Lüders freilich nicht ganz so schlimm, denn Katar sei «ähnlich aufregend wie Bottrop oder Wanne-Eickel». (epd)

