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Die Jagd nach Bin Laden

08. Sep 2006 10:46

Symbolfigur statt reale Bedrohung? Spezialeinheiten, Geheimdienstler, 25 Millionen Dollar Kopfgeld - alle Anstrengungen der USA, den meistgesuchten aller Terroristen zu fassen, sind erfolglos geblieben.

Von Anne-Beatrice Clasmann und Can Merey

Seit fünf Jahren ist Osama bin Laden spurlos verschwunden. In der afghanischen Hauptstadt Kabul, wo die Taliban Bin Laden bis zu ihrem Sturz Ende 2001 immer wieder beherbergten, wird daran gezweifelt, ob die US-Regierung den El Qaeda -Chef tatsächlich noch fassen will - oder ob er Washingtons Anti-Terror-Feldzug in Freiheit nicht dienlicher ist.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 hatte US-Präsident George W. Bush Bin Laden keine Chance eingeräumt. «Wenn er glaubt, er könnte sich verstecken und vor den USA und ihren Verbündeten fliehen, dann hat er sich schwer getäuscht.» Der damalige US-Armeesprecher in Afghanistan kündigte 2004 an, der Terrorchef werde noch im selben Jahr gefasst. Am Jahresende sagte der pakistanische Präsident Pervez Musharraf dann, Bin Ladens Spur sei erkaltet.

Beweise? Fehlanzeige

Kurz keimte im Mai vergangenen Jahres noch einmal die Hoffnung auf, die Spur könnte wieder heiß werden. Von der Festnahme der angeblichen Nummer drei des Terrornetzes in Pakistan erhofften sich Ermittler Hinweise auf Bin Ladens Versteck. Doch offenbar lieferte Abu Faradsch al-Liby seinen Chef nicht ans Messer.

Seitdem wird wieder nur spekuliert. Vermutet wird, Bin Laden könnte im unwegsamen pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet sein. Beweise dafür gibt keine. Die Regierungen beider Länder betonen nur immer wieder, auf ihrer Seite der Grenze sei er nicht - ohne freilich dafür Belege vorzulegen.

Mehr Symbolfigur als Bedrohung

Die US-Regierung beantwortet Fragen nach Bin Laden inzwischen mit der vagen Prognose, er werde seiner gerechten Strafe zugeführt werden - wann, bleibt offen. Ein afghanischer General glaubt dagegen nicht unbedingt an eine gerechte Strafe für Bin Laden. Schließlich hätten die USA ein Interesse daran, in der strategisch wichtigen Region stark vertreten zu sein, sagt er - Afghanistan grenzt an den Iran, an China, Pakistan und an rohstoffreiche GUS-Staaten. Käme den USA mit Bin Laden der wichtigste Feind abhanden, fiele die Rechtfertigung für ihre massive Präsenz zumindest schwerer als jetzt.

Den Gedanken finden auch ausländische Afghanistan-Experten in Kabul nicht abwegig. Würde Bin Laden gefasst, verlören die USA ihren größten Gegner, der schließlich auch zur Rechtfertigung des globalen Anti-Terror-Krieges diene. Ohnehin sei Bin Laden inzwischen eher eine Symbolfigur denn eine reale Bedrohung, heißt es. In Afghanistan selber dürften die Anschläge und der Aufstand radikal-islamischer Rebellen ohne den Al Qaeda-Chef jedenfalls nahtlos weitergehen.

keine Befehle für Zarqawi

Auch in der arabischen Extremistenszene scheint eingetreten zu sein, was Terrorismusexperten schon vor etwa drei Jahren vorausgesagt hatten: Die Saat seines Hasses auf den Westen ist bei den arabischen Muslimen zwar aufgegangen. Doch als Terroristenanführer, der selbst Anschläge plant, hat Bin Laden graduell an Bedeutung verloren.

Ein Beispiel für diese Entwicklung ist der im vergangenen Juni von den US-Truppen im Irak getötete jordanische Terrorist Abu Mussab al- Zarqawi. Dieser hielt es zwar aus taktischen Gründen für ratsam, seine Loyalität zu «Scheich Osama» zu erklären. Hinweise darauf, dass er von Bin Laden oder aus seiner Umgebung Befehle, Waffen oder Freiwillige erhielt, gibt es jedoch nicht.

Schiit am populärsten

Auch die Al Qaeda-Terrorzellen in Saudi-Arabien operieren nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden unter der Ägide ihres Anführers, autonom. Ihr Landsmann Bin Laden scheint für sie nur eine Art Vorbild zu sein. Obwohl viele arabische Muslime Bin Ladens Interpretation amerikanischer Politik in Nahost, Afghanistan und dem Irak teilen, so sind sie doch der Ansicht, dass die Al Qaeda-Anschläge auf Zivilisten grausam und falsch sind.

So merkwürdig es auch klingen mag - obwohl die meisten Muslime in der arabischen Welt Sunniten sind, genießt dort momentan ein Schiit die größte Popularität. Auch dieser tritt stets mit Turban und langem Bart auf - wie Bin Laden. Bei einer Umfrage in Ägypten wurde der Generalsekretär der libanesischen Hisbollah, Hassan Nasrallah, jüngst zur beliebtesten Persönlichkeit der Region gewählt. (dpa)




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