Die Jagd nach Bin Laden
08.09.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Seit fünf Jahren ist Osama bin Laden spurlos verschwunden. In der afghanischen Hauptstadt Kabul, wo die Taliban Bin Laden bis zu ihrem Sturz Ende 2001 immer wieder beherbergten, wird daran gezweifelt, ob die US-Regierung den El Qaeda -Chef tatsächlich noch fassen will - oder ob er Washingtons Anti-Terror-Feldzug in Freiheit nicht dienlicher ist.
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 hatte US-Präsident George W. Bush Bin Laden keine Chance eingeräumt. «Wenn er glaubt, er könnte sich verstecken und vor den USA und ihren Verbündeten fliehen, dann hat er sich schwer getäuscht.» Der damalige US-Armeesprecher in Afghanistan kündigte 2004 an, der Terrorchef werde noch im selben Jahr gefasst. Am Jahresende sagte der pakistanische Präsident Pervez Musharraf dann, Bin Ladens Spur sei erkaltet.
Seitdem wird wieder nur spekuliert. Vermutet wird, Bin Laden könnte im unwegsamen pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet sein. Beweise dafür gibt keine. Die Regierungen beider Länder betonen nur immer wieder, auf ihrer Seite der Grenze sei er nicht - ohne freilich dafür Belege vorzulegen.
Den Gedanken finden auch ausländische Afghanistan-Experten in Kabul nicht abwegig. Würde Bin Laden gefasst, verlören die USA ihren größten Gegner, der schließlich auch zur Rechtfertigung des globalen Anti-Terror-Krieges diene. Ohnehin sei Bin Laden inzwischen eher eine Symbolfigur denn eine reale Bedrohung, heißt es. In Afghanistan selber dürften die Anschläge und der Aufstand radikal-islamischer Rebellen ohne den Al Qaeda-Chef jedenfalls nahtlos weitergehen.
Ein Beispiel für diese Entwicklung ist der im vergangenen Juni von den US-Truppen im Irak getötete jordanische Terrorist Abu Mussab al- Zarqawi. Dieser hielt es zwar aus taktischen Gründen für ratsam, seine Loyalität zu «Scheich Osama» zu erklären. Hinweise darauf, dass er von Bin Laden oder aus seiner Umgebung Befehle, Waffen oder Freiwillige erhielt, gibt es jedoch nicht.
So merkwürdig es auch klingen mag - obwohl die meisten Muslime in der arabischen Welt Sunniten sind, genießt dort momentan ein Schiit die größte Popularität. Auch dieser tritt stets mit Turban und langem Bart auf - wie Bin Laden. Bei einer Umfrage in Ägypten wurde der Generalsekretär der libanesischen Hisbollah, Hassan Nasrallah, jüngst zur beliebtesten Persönlichkeit der Region gewählt. (dpa)

