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«Der Alltag hat uns ganz schnell eingeholt»
06. Sep 2006 08:20

Das World Trade Center nach dem Anschlag vom 11.September
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Foto: dpa
Am Aktienmarkt haben die Anschläge vom 11. September zu einem massiven Ausverkauf geführt. Nur wenige Stunden nach den ersten TV-Bildern «wurden wir mit Verkaufsordern überschüttet», sagte Aktienhändler Helmer der Netzeitung.

Am Aktienmarkt in Frankfurt am Main kam es am Tag der Terroranschlägen vom 11. September zu panikartigen Verkäufen. Der Deutsche Aktienindex verlor mehr als acht Prozent - die Börsen in den USA blieben für mehrere Tage geschlossen. Für den Aktienexperten Fidel Helmer von Hauck & Aufhäuser Privatbankiers war das der Beginn «einer neuen schrecklichen Zeit».

Aktienexperte Fidel Helmer
Foto: privat
Netzeitung: Herr Helmer, wie haben Sie von den Anschlägen auf das World Trade Center erfahren?

Helmer: Es war ein sehr dramatischer Tag. Ich saß im Büro und ein Kollege von der Börse rief mich kurz an und sagte nur, mach mal schnell den Fernsehapparat an. Ich wurde zunächst gar nicht schlau aus den Bildern, die ich sah. Ich dachte nur, ich bin in einem schlechten Film. Ich sah immer wieder die gleichen Szenen - wie ein Flugzeug in den einen der beiden Türme fliegt.

Netzeitung Wie haben Sie diesen Moment erlebt, was haben sie da gedacht?

Helmer: Ich war völlig entsetzt und ratlos und konnte eigentlich gar nichts denken. Als das zweite Flugzeug in den zweiten Turm flog, waren wir auch zu erst der Meinung, das ist nur eine Wiederholung der ersten Szene. Es brauchte geraume Zeit, bis wir zu der Erkenntnis kamen, dass es um den zweiten Turm des World Trade Centers ging. Wir haben richtig Angst bekommen, weil wir dachten, das geht jetzt so weiter. Hinzu kamen ja auch noch die Meldungen aus Washington. Wir waren völlig konsterniert, das war ein entsetzlicher Tag.

Netzeitung: Wie war Ihre erste Reaktion?

Helmer: Wir haben an alles andere gedacht, nur nicht an das Geschäft. Im World Trade Center hatten viele Brokerfirmen ihren Sitz, zu denen wir enge Verbindungen pflegten. Da gab es natürlich auch viele persönliche Freunde, an die wir gedacht haben. Was wird wohl mit denen passiert sein, sind die noch drin oder sind die rausgekommen - so was ging mir durch den Kopf.

Ich war von den Gefühlen völlig überwältigt. Wenn man ein eiskalter Profi gewesen wäre, dann hätte man natürlich mit Verkäufen reagieren können. Das war für uns aber überhaupt kein Thema, wir haben da gar nicht reagiert. Wir konnten uns von den Bildern gar nicht losreißen.

Hauptsache weit weg

Netzeitung: Wie lässt sich die Stimmung von damals beschreiben, wie groß war denn die Panik an der Börse?

Helmer: Panik gab es keine, dazu ist das Geschäft zu professionell. Die Verunsicherung hingegen war immens. Es war ja nicht auszuschließen, dass auch in Europa irgendetwas passiert. Wir haben befürchtet, dass noch mehr nachkommt. Uns wurde klar, dass das jetzt der Beginn einer neuen schrecklichen Zeit war. Seit dem 11. September leben wir in ständiger Angst, dass irgendwo ein Anschlag passiert. Wir sind in einem solchen Fall immer sehr froh, wenn er möglichst weit weg stattfindet, aber die permanente Bedrohung ist da.

Netzeitung: Nachdem sich der erste Schock etwas gelegt hatte, was passierte dann?

Helmer: Dass einige Investoren, die keine speziellen Bindungen zu den Leuten im World Trade Center hatten, irgendwann reagieren würden, war klar. Die Leute verkauften und es kam schnell zu fallenden Kursen. Nach zwei, drei Stunden klingelten dann die Telefone heiß und wir wurden mit Verkaufsordern überschüttet. Wir haben dann einfach nur reagiert und unsere Arbeiten erledigt, da hat uns der Alltag ganz schnell wieder eingeholt.

Mit Fidel Helmer sprach Axel Leu.




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