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Lupe Vom Philosophen zum Terrorhelfer

Er las Heidegger im Original und organisierte Partys. Nun steht der Deutsch-Marokkaner Redouane E. H. in Schleswig unter Terrorverdacht vor Gericht.

Redouane E. H. wird vorgeworfen, von Kiel aus Selbstmord- Attentäter angeworben, Terrorgruppen unterstützt und selber eine Gruppe gegründet zu haben. Seit Mittwoch steht der mutmaßliche Al-Qaeda-Anhänger in Schleswig vor dem Oberlandesgericht. Zu den Vorwürfen äußert sich der 37-jährige Deutsch-Marokkaner bis auf weiteres nicht.

Und was er ganz ruhig über seinen Werdegang bis 2003 erzählt, passt ganz und gar nicht zum Bild eines radikalen Gotteskämpfers. Der in Casablanca geborene Mann hat studierte Psychologie, Philosophie und Soziologie - zunächst in der marokkanischen Hauptstadt Rabat und später in Kiel.

Er lernte Deutsch, um Martin Heidegger in der Originalsprache lesen zu können. Bis vor wenigen Jahren sei er auch nicht religiös gewesen, sagt der Angeklagte am Mittwoch - bis der große Bruch gekommen sei. 2003 starb völlig unerwartet sein geliebter Bruder. In Kiel hörte er am Telefon erstmals seinen Vater weinen.

Seine Stimme stockt, als er nach langem Vortrag in flüssigem Deutsch davon berichtet. «Dann hat sich bei mir alles geändert.» Er habe nur noch allein sein wollen, erzählt der Mann mit dem schwarzen Kinnbart. Davor habe er gern gefeiert, getrunken, in Kiel auch seinen ersten Joint geraucht und mit der Organisation von Partys gutes Geld verdient.

«Hier fühlte ich mich auch zu Hause.» Deshalb habe er sich für eine Einbürgerung entschieden. 1998 heiratete er, 2001 wurde die Ehe geschieden. Er wandte sich vom Studium ab, weil er vieles schon in Marokko gelernt habe, und machte eine Ausbildung zum Industriekaufmann.

Angeklagter streitet Vorwürfe ab
Eine Rekrutierung von Terroristen, eine Sprengstoffausbildung in Arabien, ein Treue-Eid auf Al-Qaeda-Chef Osama bin Laden? Was ihm die Bundesanwaltschaft jetzt vorwirft, schien damals unglaublich weit von ihm entfernt gewesen zu sein.

Nach dem Tod seines Bruders kapselte er sich ab, rauchte und trank nicht mehr, vernichtete eine Gedichtesammlung, die er veröffentlichen wollte. In der Philosophie habe er damals keine Antworten auf die Fragen gefunden, die er sich nach dem Tod des Bruders stellte. Nur die Religion habe Zuflucht geboten.

«Er hat sich in seiner Trauer und Sinnkrise vergraben», sagte Verteidiger Thomas Piplak nach dem anderthalbstündigen Lebensbericht seines Mandanten. In seinem Telefongeschäft im Kieler Multikulti-Problemstadtteil Gaarden informierte sich Redouane E. H. im Internet ausgiebig über den Islam, als «radikal» religiös will ihn sein Anwalt nicht bezeichnen.

"Überzeugter Pazifist"
«Auch die Anklageschrift sagt mit keinem Wort, dass er selbst aggressiv geworden oder in stark ideologisierter Weise aufgetreten wäre», sagte der Verteidiger. Der Angeklagte selbst sagte am Mittwoch: «Ich war ein überzeugter Pazifist und ich kann schwören, dass ich noch nie eine richtige Waffe in der Hand hatte.»

Aus Sicht der Bundesanwaltschaft identifizierte sich Redouane E.H. dagegen spätestens seit Anfang 2005 mit den Ideologien der Terroristenführer Osama bin Laden und Abu Mussab al Zarqawi. Mit dem Prozess in Schleswig rückt Schleswig-Holstein binnen eines Jahres ein weiteres Mal in den Blickpunkt des Anti-Terror-Kampfes.

Vor elf Monaten fassten die Ermittler in Kiel den mutmaßlichen Bahn- Kofferbomber Youssef Mohamad El Hajdib. Laut Bundesanwaltschaft kannten Redouane E. H. und El Hajdib einander auch - doch bei den ihnen angelasteten Taten hätten sie unabhängig voneinander agiert. (dpa)