Bush fordert mehr Einsatz in Afghanistan
21. Mai 2007 21:29, ergänzt 21:51
 |  Die Stelle des Anschlags in Kundus | Foto: dpa |
|
Der Selbstmordanschlag auf deutsche Soldaten in Afghanistan lässt Parteien und Verbänden am dortigen Wirken von Bundeswehr und Nato zweifeln. US-Präsident Bush fordert die Partner derweil auf, sich mehr zu engagieren.
Die Erschütterung über den Selbstmordanschlag auf deutsche Soldaten in Afghanistan hat bei Parteien und Verbänden erneut Zweifel am Vorgehen von Bundeswehr und Nato aufkommen lassen. Während Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) das deutsche Konzept der Vernetzung von zivilem Wiederaufbau und militärischer Sicherung am Montag als vorbildlich bezeichnete, forderten Kritiker eindringlich eine veränderte Afghanistan-Strategie. Die Grünen, die Linksfraktion, Teile der SPD-Linken und des Bundeswehrverbandes sowie die Welthungerhilfe mahnten ein stärkeres ziviles Engagement an.
US-Präsident George W. Bush forderte andererseits von den Nato-Alliierten in Afghanistan mehr Verantwortung und Engagement. Ohne Länder namentlich zu nennen, verwies Bush am Montag in Crawford (Texas) auf die Bemühungen von Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer, «unsere NATO-Verbündeten zu überzeugen, dass sie mehr von den Lasten (in Afghanistan) tragen und die Risiken teilen müssen».
 |  George W. Bush | Foto: dpa |
|
Afghanistan sei eine entscheidende Mission der USA und der europäischen Alliierten, weil das Geschehen dort Auswirkungen auf die Sicherheit der westlichen Welt habe, meinte Bush nach seinen Gesprächen mit de Hoop Scheffer. Die NATO müsse sich zu einer Organisation verändern, die in der Lage sei, den anstehenden Gefahren für die freien Nationen zu begegnen, so Bush.
Verletzte deutsche Soldaten außer Lebensgefahr
Die beiden bei dem Anschlag am Samstag schwer verletzten Soldaten sind inzwischen außer Lebensgefahr. Sie seien stabil und ihr Zustand nicht lebensbedrohlich, teilte ein Sprecher des Bundeswehrzentralkrankenhauses in Koblenz mit. Die Soldaten hätten durch die mit Nägeln gefüllte Bombe des Attentäters Splitterverletzungen erlitten. In der Regel seien bei derartigen Verletzungen mehrere Operationen notwendig. Zwei leicht verletzte Männer konnten das Krankenhaus bereits wieder verlassen.
Getöteter Idol im Fußballverein
Die Leichen der drei getöteten Soldaten werden am Mittwoch nach Deutschland übergeführt. Einer von ihnen stammt aus dem südhessischen Riedstadt. Dort wehten die Flaggen am Rathaus am Montag auf Halbmast. Der 35-Jährige, der als Zivilist bei der Bundeswehr in Darmstadt arbeitete, sei bei seinem Fußballverein ein Idol gewesen, sagte die stellvertretende Bürgermeisterin Erika Zettel (SPD).
Jung und Westerwelle auf einer Linie
Für Jung würde ein plötzlicher Rückzug aus Afghanistan einen Rückschritt in der Terrorbekämpfung bedeuten und die Sicherheit Deutschlands gefährden. Auch FDP-Chef Guido Westerwelle sagte, mit einem Abzug der internationalen Truppen würde die friedliche Völkergemeinschaft dem Terror weichen. Wer Afghanistan Terroristen und Taliban-Kämpfern überlasse, werde lediglich dafür sorgen, dass mehr Terroranschläge nach Deutschland und nach Europa kämen.Einen sofortigen Abzug der Streitkräfte hatte allerdings nur die Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) gefordert. Die Linkspartei plädiert für einen schrittweisen Rückzug. Ihr Verteidigungsexperte Paul Schäfer sagte, nötig sei eine umfassende Ausstiegsstrategie, die den schrittweisen Abzug aller fremden Truppen mit erheblich gesteigerten Anstrengungen zum wirtschaftlichen Wiederaufbau und zur Stärkung der afghanischen Zivilbevölkerung einschließe. Die Bundesregierung solle einen solchen Plan entwickeln, «statt die eigenen Skrupel mit Durchhalteparolen zu übertönen».
Taliban mit an den Tisch?
Wie bereits SPD-Chef Kurt Beck forderte Grünen-Fraktionsvize Hans- Christian Ströbele die Einbeziehung der Taliban in Friedensbemühungen. «Man muss mit allen verhandeln, auch mit den Taliban», sagte er dem Fernsehsender N24. «Wir müssen die Strategie in Afghanistan nicht nur überdenken, sondern grundlegend verändern.» Ströbele wollte einen Zusammenhang zwischen dem Einsatz deutscher Tornado-Aufklärungsflugzeuge und dem Selbstmordanschlag nicht ausschließen. Der Krieg in Afghanistan sei eskaliert.Der Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), Ernst Uhrlau, erklärte erneut, über Drohungen islamistischer Terrornetzwerke gegen die Bundesrepublik könnten die Deutschen nicht überrascht sein. «Deutschland steht seit langem im Zielspektrum von El Kaida», sagte er der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Das Bundeskriminalamt (BKA) bereitet sich auf die Suche nach den Hintermännern des Selbstmordattentats vor. Ein BKA-Team soll gemeinsam mit der Bundeswehr in Afghanistan ermitteln. (nz/dpa)