netzeitung.deDer Terror spricht jetzt deutsch

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Die Deutschen und ihre Wirtschaft - eigentlich schade drum, meinen Terroristen (Foto: NZ (screenshot)<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Die Deutschen und ihre Wirtschaft - eigentlich schade drum, meinen Terroristen
Foto: NZ (screenshot)
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Wieder drohen Terroristen Deutschland in einem Video - diesmal direkt. Der Film setzt auf subtile Botschaften und ist sprachlich perfekt. Tilman Steffen hat ihn gesehen.

Ein professionelles Studio, aus dem auch die «Tagesschau» kommen könnte, der Hintergrund in fernsehgerechtem Blau. Das Arrangement wirkt nicht völlig real, eher wie eine Computer-Animation, doch die Botschaft ist klar: In einer «Nachricht an die Regierungen von Deutschland und Österreich» verlangen die Propagandisten von Al Qaeda den Rückzug von knapp 3000 deutschen Nato-Soldaten aus Afghanistan.

Anderenfalls werde es Anschläge geben, die Deutschen samt den Österreichern «definitiv mit Allahs Erlaubnis angegriffen und getötet», drohen sie im «Califate Voice Channel», einer Internet-Fernsehsendung. Internet – das heißt für die Extremisten PR zum Nulltarif: Verfassungsschutzpräsident Heinz Fromm sprach auf Netzeitung.de bereits vom «Resonanzboden» des Terrorismus.

Mit dem neuen Film müssen die deutschen Sicherheitsverantwortlichen ihr Bild von den Terroristen wohl korrigieren. Verbal-Attacken galten bisher in den meisten Fällen eher allgemein nur den Völkern «nördlich des Mittelmeeres», Deutschland blieb ungenannt. Darauf gründete bisher auch der Verfassungsschutz sein Urteil über die Gefährdungslage im Land.

Vor wenigen Tagen noch sah Behördenchef Fromm das Land zwar im Visier der Terroristen, jedoch keine erhöhte Gefahr durch den erst vor wenigen Tagen vom Bundestag beschlossenen Einsatz von Bundeswehr-Tornados im Süden Afghanistans. Das kann man nun anders sehen.

Von Gabriel bis Zypries
Denn nunmehr empfehlen die Autoren des jüngsten Videos in zwar leicht angestaubtem, jedoch sprachlich nahezu perfektem Untertitel- Deutsch: «Die Regenten der Völker sollten zuerst auf den Nutzen ihrer Völker achten, bevor sie ihren Nutzen und die Nutzen ihrer Verbündeten achten.» Deutschland solle sich absetzen von «Bush und seiner Bande». Um keine Zweifel aufkommen zu lassen, kommt mitten im Film auch Al-Qaeda-Vize Aiman Al Sawahiri zu Wort.

Vorbei scheint die Zeit, da Netzwerk-Spitzen minutenlang ohne Schnitt ihren Amerika-Hass auf arabisch oder gar tonlos in die Linse einer Videokamera referierten. Das wirkte exotisch, fremd und wie aus weiter Ferne. In dem nun vorliegenden Film fliegen aus dem Hintergrund – einer deutschen Flagge – die Porträts von Bundesministern ein. Da wird das Ziel künftiger Terror-Attacken schon klarer.

Sechzehn Kabinettsmitglieder samt Kanzlerin von Gabriel bis Zypries werden beschuldigt, ihr Volk belogen zu haben, der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr diene dem Kampf gegen Terroristen. Dann zeigt der Film die «Bild»-Zeitung und TV-Bilder mit Berichten über den Bundeswehr-Skandal, bei dem Soldaten in Afghanistan mit Totenschädeln posiert und sich gegenseitig fotografiert hatten.

Keine Spuren hinterlassen
Die Signets von Volkswagen, BMW, Mercedes-Benz und Adidas sind zu sehen. «O, deutsche Regierung: Deutschland ist ein starkes Wirtschaftsland und war bisher ein sicheres Land», beschwören die Verfasser die Adressaten und fragen, warum Deutschland das alles aufgeben wolle. Ob des Detailreichtums und der Perfektion gibt es nun erste Vermutungen, Deutsche könnten bei der Produktion des Sechs-Minuten-Filmes mitgeholfen haben. Misstrauen erregt in dieser Hinsicht auch die Erwähnung Österreichs: Das Land hat lediglich einige Offiziere in Afghanistan – kein Vergleich mit Deutschland.

Für eine geänderte Strategie der Terroristen spricht auch der Verbreitungsweg des Filmes: Vor Jahren riefen die Extremisten noch die Nachrichtenagenturen an, um ihre Botschaften los zu werden. Nun reichen wenige Klicks am Rechner. So fand das sich Video «Stimme des Kalifats» nicht nur in arabischen TV-Stationen, sondern auch auf vielen Webseiten.

Mit leicht erhältlichen Verschlüsselungsprogrammen sorgen die Extremisten dafür, dass sie keine auswertbaren Spuren im Netz hinterlassen. Sie nutzen Online-Werkzeuge, die ursprünglich für Bürgerjournalisten im Internet sowie Schreiber von Online-Tagebüchern geschaffen wurden. Wordpress etwa ist eine einfach zu bedienende, freie Software, mit der jedermann Text- und Multimedia-Beiträge im Web veröffentlichen kann. Vorwiegend Blogger gebrauchen sie für die Programmierung ihrer Websites. Nun propagiert mithilfe von Wordpress.com die Globale Islamistische Medien-Front das Kalifats-Drohvideo.

Sorge macht sich breit
Nun ist die Film-Drohung gegen Deutschland und Österreich nicht das erste Video, in dem Terroristen irgendetwas verlangen. Zuletzt kam 24 Stunden vor dem jüngsten Machwerk eine Aufnahme in Umlauf, in dem die beiden zuletzt im Irak entführten Deutschen um ihr Leben flehen und Kanzlerin Merkel um Hilfe bitten.

Dass die Terroristen ihre Tötungs-Drohung gegen Deutsche wahr machen könnten, scheinen die Geiselnahmen der letzten Zeit zu bestätigen. Im Irak verschwanden die Archäologin Susanne Osthoff, später zwei sächsische Ingenieure, die erst nach der Zahlung von vermutlich reichlich Lösegeld freikamen. 2006 starben an einem Wegrand in Nordafghanistan zwei deutsche Journalisten, vor wenigen Tagen kam im Süden ein Helfer um.

Auch die Tatsache, dass das Video der Geiselnehmer und die Drohungen gegen Deutschland und Österreich binnen 24 Stunden auf derselben Website auftauchten, beunruhigt die Fachleute. Für Terrorismus-Experte Rolf Tophoven vom Essener Institut für Sicherheitspolitik ein Zeichen «von hohem medialem Professionalismus», wie er der Nachrichtenagentur AP sagte. «Das sieht mir nach einer perfekt inszenierten Aktion aus, um Druck zu machen.»

Der Berliner Terrorismus-Experte Guido Steinberg sieht bei den beiden Filmen zumindest verschiedene Urheber am Werk. Besondere Sorgen macht jedoch das Droh-Video: «Das ist eine rein politische Forderung», sagt der Terrorismus-Experte des ZDF, Elmar Theveßen, im NDR. «Hier geht es nirgendwo um Geld oder Ähnliches.» Besonders ernst ist auch für ihn der Umstand, dass sich die Verfasser mit deutschen Untertiteln an die Nation wandten.