«Ich will wie mein Vater Ungläubige töten»
11.09.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Ein Polizist möchte einen Fünfjährigen beruhigen, als seine Kollegen die Wohnung seiner Eltern in Süddeutschland durchsuchen. Der Beamte fragt ihn, was er später einmal werden wolle. Die Antwort: «Wenn ich mal groß bin, möchte ich ein Mudschahed werden wie mein Vater und Ungläubige töten.» Auf den ersten Blick macht diese Aussage fassungslos, auf den zweiten nachdenklich.
In dem Buch «Die Kinder des Dschihad» wollen drei Journalisten Antwort geben auf die Frage, warum manche junge, in Deutschland aufgewachsene Muslime so denken wie dieser Fünfjährige. Die zwei Journalistinnen Souad Mekhennet und Claudia Sautter und der Journalist Michael Hanfeld recherchierten in Europa und dem Nahen Osten, in Mietwohnungen und in Koranschulen.
Fünf Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wisse man einiges über die Organisation des Terrornetzwerks Al Qaeda, aber noch sehr wenig darüber, was in den Köpfen der jungen Menschen vorgehe, die selbst Selbstmordattentäter werden wollten, sagte die Autorin Sautter am Montag der Nachrichtenagentur AP. «Die Kinder des Dschihad» richte sich auch und vor allem an ein Publikum, dass sich bisher noch wenig mit dem Thema Terrorismus beschäftigt habe.
Werten wollten die Autoren jedoch nicht. «Für uns war immer klar, dass wir das Buch völlig wertungsfrei halten wollten», sagte Sautter. Sie beschrieben nur, was sie selbst gesehen, gehört oder recherchiert hätten. «Wir sind Berichterstatter, aber nicht Politiker. Wir liefern nur Beiträge für eine Debatte - Material, auf das man sich auch beziehen kann.»
Darunter falle unter anderem eine fromme Lebensführung oder der Kampf gegen die inneren Schwächen. Sautter betont: «Die Mehrheit der Muslime legt den Koran nicht als Anleitung zum Krieg aus.» Doch es gebe immer mehr radikale Islamisten, die dem Begriff Dschihad als Aufforderung zum Krieg gegen alle muslimischen und nicht-muslimischen Feinde des Islam, den «heiligen Krieg», deuteten.
Aber woher kommt diese Entwicklung? Die Antwort ist nicht einfach, da häufig verschiedene Motive aufeinander treffen. Sautter betonte, dass Jugendliche sich radikalen Gruppierungen auf Grund einer Kombination aus Verheißungsversprechen, dem Interesse an Spektakulärem sowie dem Wunsch nach Gruppenzugehörigkeit anschlössen. Zudem gebe es ein weltweites Netzwerk der islamistischen Propaganda. Die Werber des Islamismus suchten sich in den Gemeinden gezielt junge Frauen und Männer aus, die erkennbar ihren Platz in der Gesellschaft suchten und sich fragten wer sie seien und wohin sie gehörten.
Sie habe nun, da sie so viel über radikale Islamisten wisse, nicht mehr und nicht weniger Angst vor Terroranschlägen, sagt Sautter. Aber natürlich sei sie beunruhigt: «Ich weiß, dass wir gefährdet sind. Aber das ist ein globales Phänomen, mit dem wir leben müssen.» Der radikale Islamismus ist ihrer Einschätzung nach «ein mächtiger Strom, der auch äußere Anlässe hat». Die rein militärische und sicherheitstechnische Auseinandersetzung mit dem Terrorismus sei nicht richtig, sagte Sautter. Vielmehr müsse auch eine stärkere Auseinandersetzung mit dem Thema an sich stattfinden. (AP)

