netzeitung.deGroßbritanniens frustrierende Terrorfurcht

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Polizist in London (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Polizist in London
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Der britische Alarmismus angesichts der jüngsten Vorgänge in London ist nachvollziehbar. Man kann jedoch kaum darauf vertrauen, dass die Regierung Blair sich wirklich um ein Ende der Terror-Bedrohung bemüht. Eine Analyse.

Von Dirk-Hinrich Haar, Cambridge

Als Scotland Yard am vergangenen Donnerstag gemeinsam mit dem britischen Innenminister John Reid verkündete, durch nächtliche Verhaftungen einen Terrorplan für «Massenmord unvorstellbaren Ausmaßes» erfolgreich vereitelt zu haben, bedeutete das neben anhaltendem Chaos auf den Flughäfen vor allem erst einmal ein langes Warten auf die Fakten. Quer durch die britische Bevölkerung reicht heute ein Misstrauen gegenüber Verlautbarungen der Regierung zu Themen des Terrorismus, das ungewöhnlich ist für ein Land mit Sicherheitsbehörden von beinahe legendärem Ruf.

Zum einen hängt dieser Vertrauensverlust zusammen mit dem Stil der Regierung Blair, die insbesondere vor dem Irakkrieg mit mehreren zweifelhaften Pressedossiers ihre bekannten Fähigkeiten des «Spin Doctoring», der Steuerung öffentlicher Debatten in wünschenswerte Richtungen, peinlich überschätzte. Zum anderen geht der Vertrauensverlust auch zurück auf die Arbeitsweise der Sicherheitsbehörden selbst. Statt stereotyp britischer, professioneller Gelassenheit greift undurchsichtiger Aktionismus ebenso um sich wie ein Hang zur großen Geste.

Bittere Wahrheit des Sommer 2005
Bereits der Militäreinsatz mit Panzern am Flughafen London-Heathrow im Februar 2003 blieb unverständlich. Im Sommer 2005 kam nur langsam die bittere Wahrheit über die polizeiliche Tötung des zu Unrecht verdächtigten Brasilianers Jean Charles de Menezes ans Licht. Zuvor hatten mehrfach kleinere Fahndungstreffer gegen Terrorvorhaben von schwer einschätzbarer Ernsthaftigkeit als Erfolge großen Stils gegolten.

Und schließlich ist eine Rhetorik vom «Massenmord unvorstellbaren Ausmaßes» weder den Fakten noch der Institution Polizei angemessen. So schien auch das ursprüngliche Bild zu phantastisch, demzufolge britische Behörden in der vergangenen Woche nach monatelanger Beobachtung ein Terrornetzwerk kaum zwei Tage vor massiven Anschlägen erfolgreich ausgehoben hätten.

Alarmismus ist nachvollziehbar
Plausibler ist das inzwischen bekannte Bild: Die Festnahme eines Verdächtigen in Pakistan ließ die Sicherheitsbehörden aus Unsicherheit über den Stand der Anschlagsvorbereitungen bereits letzte Woche zuschlagen. Über solche Details sind die Verantwortlichen allerdings längst hinaus: Sie warnen vor der «immensen» Gefahr durch zahlreiche noch vorhandene Terrorzellen. Schon am vergangenen Mittwoch sprach Innenminister Reid von der «nachhaltigsten Bedrohung seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges».

Derartiger Alarmismus ist nachvollziehbar: Zum einen wollen sich Politiker und Sicherheitsbehörden auch im Falle weiterer, womöglich nicht vermeidbarer Anschläge keinen Vorwurf machen lassen. Zum anderen beachten sie zu Recht, dass der Staat den Kampf gegen Terrorismus nicht ohne die Bevölkerung gewinnen kann. Dementsprechend liegt in englischen Großstädten insbesondere seit den Londoner Anschlägen im Juli letzten Jahres eine beklemmende Wachsamkeit in der Luft. Auch sie gehört, ebenso wie die neuen Sicherheitsvorkehrungen an Flughäfen, wie der furchtsame Umgang mit Koffern, Rucksäcken und Paketen überall im öffentlichen Raum und wie die misstrauischen Blicke gegenüber muslimischen Immigranten zum kaum abzuschätzenden Preis, den Großbritannien bereits heute für Antiterrorismus bezahlt.

Keineswegs originell
Solche Dauerspannung ist frustrierend, wenn die Bevölkerung ihrerseits nicht darauf vertrauen kann, dass die Regierung sich auf jede erdenkliche Weise um eine tatsächliche Beendigung der terroristischen Bedrohung bemüht. Eine weiter bestehende Tendenz, Terroristen als Verrückte zu jagen und ihren Antrieb keinesfalls verstehen zu wollen, um kein Verständnis zu zeigen, deutet darauf nicht hin. Das Bemühen zahlreicher Medien, unmittelbar nach der Veröffentlichung einer Liste der neuen Verdächtigen deren Werdegang und Milieu im Detail zu erforschen, ist zwar bemerkenswert, doch keineswegs originell.

Das Profil des lange im Westen lebenden, erst im jungen Erwachsenenalter dem Fundamentalismus zugewandten männlichen Moslems war vor den Anschlägen des 11. September 2001 relativ neu. Seither ist es gut dokumentiert, und entsprechende Verdachtspersonen füllen die Karteien der Behörden. Großbritannien muss seit mindestens letztem Jahr wissen, zu welch gefährlicher Mischung sich persönlich begrenzte Perspektiven, mangelnde gesamtgesellschaftliche Anbindung und politische Ressentiments vereinen. Hinzu kommt ein fataler Lernprozess, in dem medial verbreitete Terrorakte jungen Menschen neue Handlungsmöglichkeiten aufzeigen. Die weltweite Rolle des Islamismus verspricht ein Mehr an individueller Geltung, das junge britische Moslems auf üblichen Lebenswegen nicht erwartet.

Unterstützung der Muslime
Viel mehr noch als auf die ständige Wachsamkeit aller Bürger wäre die britische Regierung darum angewiesen auf die Unterstützung der Muslime. Unter ihnen befinden sich wichtige moralische Autoritäten für potentielle Attentäter, sowie Menschen mit interessantem Zugang zu Zirkeln und Informationen. Islamisten werden nicht unterwandert wie rechts- oder linksextreme Kreise. Wer Vertrauen erwerben will, braucht religiöse und ethnische Anknüpfungspunkte, die nicht vorzutäuschen sind. Kaum verwunderlich ist daher der jüngste Rekrutierungsdrang des britischen Staates unter seinen Minderheiten, genau wie die Vermutung, der entscheidende Tippgeber für den Großeinsatz der letzten Woche stamme aus muslimischen Kreisen.

Umso alarmierender sind zahlreiche Reaktionen in der muslimischen Gemeinschaft, die einen weiteren Verfall gesellschaftlichen Zusammenhaltes dokumentieren. Nach den Anschlägen des 7. Juli 2005 hatte es noch die lang ersehnte, gemeinsame Verurteilung des Terrorismus durch führende Moslems gegeben, dazu Entsetzen an der Basis. Ein Jahr später spielen dort viele den Ernst der Lage herunter und zeigen Unverständnis oder Wut angesichts der Härte des Polizeieinsatzes, angesichts der Bloßstellung vermeintlich unscheinbarer, nun verdächtigter jungen Männer, und angesichts der Bloßstellung der pakistanischen Minderheit im Allgemeinen.

Gemeinsamer Brief an Blair
Vor allem aber ist das Misstrauen gegenüber der Darstellung und der Politik der Regierung tief. In einem gemeinsamen Brief an Premierminister Tony Blair erklärte eine Vielzahl führender britischer Moslems am vergangenen Wochenende, die Außenpolitik der britischen Regierung gegenüber der arabischen Region befördere den Extremismus. Die Autoren schieben damit beiseite, was ihnen dringlich obliegt: Terroristische Gewalt gegen jedermann erneut mit größter Schärfe sowie mit religiöser Autorität zu verurteilen und alle britischen Moslems zur Unterstützung ihrer eigenen Staatsorgane und zur Verhinderung einer weiteren inneren Polarisierung aufzufordern.

Zugleich spricht der offene Brief zielsicher die unangenehmsten Fragen an. Islamistische Terroristen haben fremdartige Ziele und Werte. Ihr Handeln bleibt dennoch politisch. Der Bericht der amerikanischen «9/11-Kommission» zu den Anschlägen im September 2001 legte bisher am eindrücklichsten anhand von Biographien dar, woraus sich islamistisches Ressentiment nährt. Amerikanische Militärpräsenz in Saudi-Arabien, westlich geduldete Diktaturen im arabischen Raum, Nahostkonflikt, Armut in muslimischen Ländern gegenüber westlichem Wohlstand, und später Krieg im Irak.

Wer nicht bereit oder nicht im Stande ist, in solchen Fragen moralische Autorität zurückzugewinnen, damit jungen Moslems Gewalt noch viel inakzeptabler erschiene, der kann neben Bemühen um effektive Integration Terrorismus nur mit aller Härte durch Polizei und Geheimdienst bekämpfen. In Großbritannien ist das nächste Paket an Anti-Terrorgesetzgebung voraussichtlich unterwegs.

Dirk-Hinrich Haar promoviert derzeit als Gates Scholar am Institut für Kriminologie der Universität Cambridge