Großbritanniens frustrierende Terrorfurcht
Als Scotland Yard am vergangenen Donnerstag gemeinsam mit dem britischen Innenminister John Reid verkündete, durch nächtliche Verhaftungen einen Terrorplan für «Massenmord unvorstellbaren Ausmaßes» erfolgreich vereitelt zu haben, bedeutete das neben anhaltendem Chaos auf den Flughäfen vor allem erst einmal ein langes Warten auf die Fakten. Quer durch die britische Bevölkerung reicht heute ein Misstrauen gegenüber Verlautbarungen der Regierung zu Themen des Terrorismus, das ungewöhnlich ist für ein Land mit Sicherheitsbehörden von beinahe legendärem Ruf.
Zum einen hängt dieser Vertrauensverlust zusammen mit dem Stil der Regierung Blair, die insbesondere vor dem Irakkrieg mit mehreren zweifelhaften Pressedossiers ihre bekannten Fähigkeiten des «Spin Doctoring», der Steuerung öffentlicher Debatten in wünschenswerte Richtungen, peinlich überschätzte. Zum anderen geht der Vertrauensverlust auch zurück auf die Arbeitsweise der Sicherheitsbehörden selbst. Statt stereotyp britischer, professioneller Gelassenheit greift undurchsichtiger Aktionismus ebenso um sich wie ein Hang zur großen Geste.
Und schließlich ist eine Rhetorik vom «Massenmord unvorstellbaren Ausmaßes» weder den Fakten noch der Institution Polizei angemessen. So schien auch das ursprüngliche Bild zu phantastisch, demzufolge britische Behörden in der vergangenen Woche nach monatelanger Beobachtung ein Terrornetzwerk kaum zwei Tage vor massiven Anschlägen erfolgreich ausgehoben hätten.
Derartiger Alarmismus ist nachvollziehbar: Zum einen wollen sich Politiker und Sicherheitsbehörden auch im Falle weiterer, womöglich nicht vermeidbarer Anschläge keinen Vorwurf machen lassen. Zum anderen beachten sie zu Recht, dass der Staat den Kampf gegen Terrorismus nicht ohne die Bevölkerung gewinnen kann. Dementsprechend liegt in englischen Großstädten insbesondere seit den Londoner Anschlägen im Juli letzten Jahres eine beklemmende Wachsamkeit in der Luft. Auch sie gehört, ebenso wie die neuen Sicherheitsvorkehrungen an Flughäfen, wie der furchtsame Umgang mit Koffern, Rucksäcken und Paketen überall im öffentlichen Raum und wie die misstrauischen Blicke gegenüber muslimischen Immigranten zum kaum abzuschätzenden Preis, den Großbritannien bereits heute für Antiterrorismus bezahlt.
Das Profil des lange im Westen lebenden, erst im jungen Erwachsenenalter dem Fundamentalismus zugewandten männlichen Moslems war vor den Anschlägen des 11. September 2001 relativ neu. Seither ist es gut dokumentiert, und entsprechende Verdachtspersonen füllen die Karteien der Behörden. Großbritannien muss seit mindestens letztem Jahr wissen, zu welch gefährlicher Mischung sich persönlich begrenzte Perspektiven, mangelnde gesamtgesellschaftliche Anbindung und politische Ressentiments vereinen. Hinzu kommt ein fataler Lernprozess, in dem medial verbreitete Terrorakte jungen Menschen neue Handlungsmöglichkeiten aufzeigen. Die weltweite Rolle des Islamismus verspricht ein Mehr an individueller Geltung, das junge britische Moslems auf üblichen Lebenswegen nicht erwartet.
Umso alarmierender sind zahlreiche Reaktionen in der muslimischen Gemeinschaft, die einen weiteren Verfall gesellschaftlichen Zusammenhaltes dokumentieren. Nach den Anschlägen des 7. Juli 2005 hatte es noch die lang ersehnte, gemeinsame Verurteilung des Terrorismus durch führende Moslems gegeben, dazu Entsetzen an der Basis. Ein Jahr später spielen dort viele den Ernst der Lage herunter und zeigen Unverständnis oder Wut angesichts der Härte des Polizeieinsatzes, angesichts der Bloßstellung vermeintlich unscheinbarer, nun verdächtigter jungen Männer, und angesichts der Bloßstellung der pakistanischen Minderheit im Allgemeinen.
Zugleich spricht der offene Brief zielsicher die unangenehmsten Fragen an. Islamistische Terroristen haben fremdartige Ziele und Werte. Ihr Handeln bleibt dennoch politisch. Der Bericht der amerikanischen «9/11-Kommission» zu den Anschlägen im September 2001 legte bisher am eindrücklichsten anhand von Biographien dar, woraus sich islamistisches Ressentiment nährt. Amerikanische Militärpräsenz in Saudi-Arabien, westlich geduldete Diktaturen im arabischen Raum, Nahostkonflikt, Armut in muslimischen Ländern gegenüber westlichem Wohlstand, und später Krieg im Irak.
Wer nicht bereit oder nicht im Stande ist, in solchen Fragen moralische Autorität zurückzugewinnen, damit jungen Moslems Gewalt noch viel inakzeptabler erschiene, der kann neben Bemühen um effektive Integration Terrorismus nur mit aller Härte durch Polizei und Geheimdienst bekämpfen. In Großbritannien ist das nächste Paket an Anti-Terrorgesetzgebung voraussichtlich unterwegs.
Dirk-Hinrich Haar promoviert derzeit als Gates Scholar am Institut für Kriminologie der Universität Cambridge

