13.08.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Anti-Terror-Fahnder in London
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Britische Sicherheitsbehörden rechnen laut einem Zeitungsbericht mit einer Serie «apokalyptischer» Angriffe von muslimischen Terrorgruppen. Die Opposition hat die Regierung indes zum Einsatz der Armee an Flughäfen aufgefordert.
Großbritannien ist offenbar noch weit stärker durch terroristische Anschlagspläne bedroht als bislang befürchtet. Allein seit den verheerenden Selbstmordattentaten in der Londoner U-Bahn vor einem Jahr mit mehr als 50 Toten seien vier potenziell folgenschwere Terrorangriffe verhindert worden, sagte Innenminister John Reid am Sonntag. Derweil sorgten extrem verschärfte Personenkontrollen auf britischen Flughäfen für chaotische Zustände. In London-Heathrow, dem größten Flughafen Europas, waren tausende Reisende von der Streichung eines Drittels aller geplanten Flüge betroffen.
Innenminister Reid bestätigte in einem Interview des Senders BBC, dass nach ihm vorliegenden Informationen die Verluste an Menschenleben sehr hoch gewesen wären, hätten nicht in den letzten Monaten verschiedene Terrorgruppen gestoppt werden können. Die Festnahme von mehr als 20 mutmaßlichen Flugzeug-Terroristen am vergangenen Donnerstag sei kein Grund zur Entwarnung. Nach Angaben der Polizei hatten die mutmaßlichen Täter seit Monaten die Sprengung von bis zehn Passagiermaschinen während des Fluges in die USA geplant.
Großbritannien müsse darauf gefasst sein, dass es weitere Anschlagversuche geben werde, warnte Reid. Deshalb könne die am Donnerstag ausgerufene höchste Warnstufe «Critical» nicht abgesenkt werden. Reid bestätigte einen Bericht der Sonntagszeitung «The Observer», wonach Anti-Terror-Einheiten mit bis zu einem Dutzend verschiedener Operationen gegen Attentäter beschäftigt seien. «Ich dementiere nicht, dass dies die Größenordnung von Verschwörungen ist, mit denen wir umzugehen versuchen.»
Kritik von Muslimen zurückgewiesenReid sowie die Außenministerin Margaret Beckett wiesen scharf einen offenen Brief britischer Muslimorganisationen zurück, in dem diese Premierminister Tony Blair, der gerade in der Karibik Urlaub macht, zu einer Änderung seiner Nahost-Politik aufforderten. Londons Unterstützung für den Irak-Krieg und die Weigerung, Israel zur Mäßigung im Libanon aufzufordern, würden Extremisten auf den Plan rufen. Reid sagte, es sei eine «erbärmliche Fehleinschätzung», dass die Politik Großbritanniens «unter Rücksichtnahme auf terroristische Drohungen bestimmt werden sollte».
Die Zeitung «Independent» schrieb unter Berufung auf Sicherheitskreise, muslimische Terrorgruppen hätten eine Serie «apokalyptischer» Angriffe geplant. Für einen Bericht der Zeitung «Times», wonach unter den Festgenommenen der Chef des Al-Qaeda-Netzwerkes in Großbritannien sei, gab es zunächst keine Bestätigung.
Armeeeinsatz an Flughäfen abgelehntNach Angaben der BBC fürchten die Ermittler Anschläge von bislang unentdeckten und isolierten Extremistengruppen. Zugleich würden sie Hinweisen darauf nachgehen, dass die mutmaßlich an Plänen zur Sprengung von Passagierflugzeugen Beteiligten Verbindungen zum Al-Qaeda-Netzwerk in Pakistan hatten. Zumindest einige von ihnen könnten zudem nach Einschätzung des Geheimdienstes MI5 mit den Attentätern in Verbindung gestanden haben, die am 7. Juli 2005 Jahres Bombenanschläge im Londoner U-Bahnnetz verübten.
Derweil forderte die Opposition die Regierung zum Einsatz der Armee an den Flughäfen auf. Soldaten sollten bei der Suche nach versteckten Sprengstoffen helfen. Im Transportministerium hieß es, man bedauere die Unannehmlichkeiten für Reisende, sehe aber keinen Nutzwert im Einsatz der Streitkräfte.
British Airways-Chef Willie Walsh warf dem Flughafen-Betreiber BAA vor, den Anforderungen der Regierung an die Personenkontrollen sowie den neuen Handgepäckregeln nicht gewachsen zu sein. Der Chef des Billigfliegers Ryanair, Michael O'Leary, sagte, die Gesellschaften «können nicht weiter Flüge streichen und die Reisepläne tausender Menschen zerstören, nur weil BAA mit den neuen Körperkontrollen nicht zurecht kommt». (nz)