Warnungen vor Terroranschlag in Europa
Einige Extremisten folgten dabei dem Aufruf von Al-Qaeda-Chef Osama bin Laden zu einem weltweiten Dschihad. Ansonsten seien sie aber weitgehend unabhängig von der Führung des Terrornetzwerks. «Es gibt kein Profil, sie kommen von überall», sagt der stellvertretende Leiter des Hamburger Landesamtes für Verfassungsschutz, Manfred Murck. «Alles ist möglich, und man kann nur versuchen, so nah wie möglich an der ganzen Gruppe dran zu bleiben.»
Die Londoner Anschläge auf die U-Bahn und den Busverkehr sind ein dramatischer Beleg für diese Einschätzung. Zwei der Täter waren zuvor schon an der Peripherie von Terror-Ermittlern aufgetaucht. Aber die Behörden schätzten die von ihnen ausgehende Gefahr als nicht so groß ein, um sie zu verhaften oder zumindest genauer zu beobachten.
Auch vor den Anschlägen auf die Vorortzüge von Madrid standen mehrere Bombenleger unter Beobachtung der Behörden. Ende Februar 2004 stoppten sie das Auto des Chefstrategen der Gruppe. Ein hoher Geheimdienstbeamter sagte, die Ermittler hätten vermutet, dass sie es mit Drogenhändlern zu tun hätten. Sie hatten demnach keinerlei Hinweis darauf, dass sie einer Gruppe auf der Spur waren, die wenig später die Bomben legte, die 191 Menschen in den Tod rissen.
In Hamburg werden nach Angaben Murcks etwa 170 als radikal eingestufte und potenziell gewaltsame Personen beobachtet. Der Kreis der Sympathisanten wird auf 2.000 geschätzt. In Hamburg haben sich vor den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York und Washington zeitweise drei der vier Terrorpiloten aufgehalten.
In England sprechen führende Polizeibeamte von etwa 40 bis 60 Personen, die eine Ausbildung in Pakistan oder Afghanistan erhalten haben und als potenzielle Terroristen gelten. Etwa 400 weitere Personen werden als Sympathisanten eingestuft. Die Behörden in Italien beobachten nach Angaben von Polizeichef Pasquale Debidda 74 Personen, die verdächtigt werden, Terroristen zu finanzieren.
Die größte Bedrohung geht nach Einschätzung der Ermittler von Personen aus, die in Europa aufgewachsen sind, aber enge Kontakte zu radikalen Kräften in ihren früheren Heimatländern unterhalten. Die meisten Terroristen der Madrider Anschläge vom 11. März waren Einwanderer aus Nordafrika. Die Londoner Anschläge wurden von britischen Staatsbürgern verübt, von denen drei aus Pakistan und ein vierter aus Jamaika stammten. Der Mordanschlag auf den niederländischen Filmregisseur Theo Van Gogh wurde von einem Niederländer marokkanischer Abstammung verübt.
In keinem Fall gab es offenbar eine direkte Verbindung zum Terrornetz der Al Qaeda. Die britischen Behörden untersuchen aber noch zwei Reisen nach Pakistan, die zwei der Bombenleger im Jahr vor den Londoner Anschlägen unternommen haben.

