netzeitung.deWarnungen vor Terroranschlag in Europa

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Heinz Fromm (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Heinz Fromm
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Geheimdienste befürchten, dass Islamisten in Europa einen größeren Terroranschlag planen. Die Extremisten sollen weitgehend unabhängig vom Netzwerk Al Qaeda operieren.

Vertreter europäischer Geheimdienste halten es für möglich, dass in Europa ein größerer Terroranschlag wie 2004 in Madrid und im vergangenen Jahr in London bevorsteht. Das sagten mehrere hochrangige Sicherheitsbeamte der Nachrichtenagentur AP. Zwar wisse man, welche Gruppen besonders im Verdacht stünden. Diese Kenntnisse reichten allerdings nicht aus, die Bedrohung vollständig abzuwenden.

Die Experten waren der Auffassung, dass die Mittel für einen Anschlag relativ leicht zu beschaffen seien. Zudem sei in islamistischen Kreisen ein zunehmendes Gefühl von Wut und Isolation festzustellen. Das Internet ermöglichte ich es ihnen, ihre radikalen Ideen rasch zu verbreiten, hieß es.

Einige Extremisten folgten dabei dem Aufruf von Al-Qaeda-Chef Osama bin Laden zu einem weltweiten Dschihad. Ansonsten seien sie aber weitgehend unabhängig von der Führung des Terrornetzwerks. «Es gibt kein Profil, sie kommen von überall», sagt der stellvertretende Leiter des Hamburger Landesamtes für Verfassungsschutz, Manfred Murck. «Alles ist möglich, und man kann nur versuchen, so nah wie möglich an der ganzen Gruppe dran zu bleiben.»

Die Londoner Anschläge auf die U-Bahn und den Busverkehr sind ein dramatischer Beleg für diese Einschätzung. Zwei der Täter waren zuvor schon an der Peripherie von Terror-Ermittlern aufgetaucht. Aber die Behörden schätzten die von ihnen ausgehende Gefahr als nicht so groß ein, um sie zu verhaften oder zumindest genauer zu beobachten.

Auch vor den Anschlägen auf die Vorortzüge von Madrid standen mehrere Bombenleger unter Beobachtung der Behörden. Ende Februar 2004 stoppten sie das Auto des Chefstrategen der Gruppe. Ein hoher Geheimdienstbeamter sagte, die Ermittler hätten vermutet, dass sie es mit Drogenhändlern zu tun hätten. Sie hatten demnach keinerlei Hinweis darauf, dass sie einer Gruppe auf der Spur waren, die wenig später die Bomben legte, die 191 Menschen in den Tod rissen.

Spanien verdreifacht Zahl der Terrorfahnder
Nach den Erfahrungen von Madrid und London haben die Geheimdienste überall in Europa ihre Überwachung so sehr ausgeweitet, dass Datenschützer und Bürgerrechtler zunehmend besorgt sind. In Spanien wurde die Zahl der Terrorfahnder verdreifacht. In ihrem Visier seien etwa 250 Personen, sagt ein hoher spanischer Geheimdienstbeamter, der wegen des sensiblen Themas seinen Namen nicht genannt wissen will. Er sei sich sicher, dass einer aus diesem Personenkreis mit dabei sei, wenn ein neuer Anschlag geplant werde. Aber ohne konkrete Beweise könnten die Behörden wenig gegen sie unternehmen. Da die Extremisten nicht unter einer zentralen Kontrolle stünden, könnten ihre nächsten Schritte kaum vorhergesagt werden.

In Hamburg werden nach Angaben Murcks etwa 170 als radikal eingestufte und potenziell gewaltsame Personen beobachtet. Der Kreis der Sympathisanten wird auf 2.000 geschätzt. In Hamburg haben sich vor den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York und Washington zeitweise drei der vier Terrorpiloten aufgehalten.

In England sprechen führende Polizeibeamte von etwa 40 bis 60 Personen, die eine Ausbildung in Pakistan oder Afghanistan erhalten haben und als potenzielle Terroristen gelten. Etwa 400 weitere Personen werden als Sympathisanten eingestuft. Die Behörden in Italien beobachten nach Angaben von Polizeichef Pasquale Debidda 74 Personen, die verdächtigt werden, Terroristen zu finanzieren.

Viele Anschläge in Frankreich vereitelt
In Frankreich hätten die Ermittler in den vergangenen zehn Jahren mindestens ein Dutzend versuchte Terroranschläge vereitelt, sagt der ehemalige stellvertretende Direktor der Geheimdienstbehörde DST, Louis Caprioli. Der norwegische Terrorismusexperte Tore Björgo schätzt die Zahl der vereitelten Anschläge in Europa seit dem 11. September 2001 auf 30 bis 40.

Die größte Bedrohung geht nach Einschätzung der Ermittler von Personen aus, die in Europa aufgewachsen sind, aber enge Kontakte zu radikalen Kräften in ihren früheren Heimatländern unterhalten. Die meisten Terroristen der Madrider Anschläge vom 11. März waren Einwanderer aus Nordafrika. Die Londoner Anschläge wurden von britischen Staatsbürgern verübt, von denen drei aus Pakistan und ein vierter aus Jamaika stammten. Der Mordanschlag auf den niederländischen Filmregisseur Theo Van Gogh wurde von einem Niederländer marokkanischer Abstammung verübt.

In keinem Fall gab es offenbar eine direkte Verbindung zum Terrornetz der Al Qaeda. Die britischen Behörden untersuchen aber noch zwei Reisen nach Pakistan, die zwei der Bombenleger im Jahr vor den Londoner Anschlägen unternommen haben.

Fromm: Al Qaeda «amorphe» Gruppe
Die Geheimdienstexperten vermuten, dass die Zerstörung der Al-Qaeda-Lager in Afghanistan und die Verhaftung führender Mitglieder die Fähigkeiten der Organisation geschwächt haben. «Man kann heute nicht länger von einer zentralen Führungsrolle der Al Qaeda sprechen», sagt der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Heinz Fromm. Bin Ladens Gruppe sei «eine diffuse, amorphe Organisation» geworden, die Terroristen eher mit Inspiration als mit einer führenden Hand versorge. (nz)