Fachleute zweifeln an Hauptstadt-Flugverbot
31.07.2005
Herausgeber: netzeitung.de
Den Sicherheitsgewinn durch das von der Bundesregierung über dem Berliner Zentrum verhängte Flugverbot halten Fachleute für äußerst gering. Vom Rand der Verbotszone erreiche «selbst die langsamste Propellermaschine das Regierungsviertel binnen vier Minuten», sagte Klaus Berchtold-Nicholls, Bundesvorsitzender des Verbands deutsche Flugleiter, der Netzeitung. Angesichts der kurzen Reaktionszeit für Sicherheitskräfte könne die seit Montag gültige Restriktion eine Maschine «nicht wirklich hindern, das Zentrum zu erreichen».
Die allesamt zuständigen Bundesminister Manfred Stolpe, Otto Schily und Peter Struck verhängten gemeinsam mit Berlins Innensenator Ehrhart Körting (alle SPD) am Freitag über der Berliner City ein Flugverbot. Körting hatte die Order zwar begrüßt, jedoch eine Ausnahme für Tourismusflieger angeregt.
Auslöser war ein 39 Jahre alter Hobbypilot, der sich am 22. Juli ein vor dem Reichstag nach Erkenntnissen der Polizei öffentlich in den Freitod gestürzt hatte. Das Flugverbot gilt innerhalb des etwa 12 Kilometer messenden S-Bahnrings, der die zentralen Berliner Stadtteile umschließt. Es soll insbesondere die zentral gelegenen Regierungs- und Parlamentsgebäude vor Anschlägen aus der Luft schützen.
Auch der Terrorismusforscher Rolf Tophoven hält das eilig verhängte Flugverbot für eine «Beruhigungspille, weil wieder etwas passiert ist». So etwas sei «immer problematisch, wenn man es mit einem zum Äußersten entschlossen Täter zu tun hat», sagte der Direktor des Instituts für Terrorismusforschung & Sicherheitspolitik in Essen der Netzeitung.
Dennoch wird die neue Vorschrift pünktlich an den Kontrollpulten der Berliner Flughafentowers vorliegen. Darin, das Verbot binnen eines Wochenendes wirksam zu machen, sieht Verbandschef Berchtold-Nicholls dagegen kein Problem. «Fluglotsen bekommen ihre Informationen ganz aktuell», sagte Berchtold-Nicholls. Da könne selbst «von mittags bis abends» eine solcher Bereich ausgewiesen werden.
Der Verband der Allgemeinen Luftfahrt (AOPA) kündigte im Berliner «Tagesspiegel» an, gegen das Flugverbot vor Gericht zu ziehen. Der Verband warf Bundesverkehrsminister Stolpe vor, eine nicht existierende Bedrohung mediengerecht zu bekämpfen. Ein Sportflugzeug stelle keine terroristische Bedrohung dar, Autos und Schiffe seien deutlich gefährlicher.

