netzeitung.deTerrorismus-Experte für Anti-Terror-Datei

 Herausgeber: netzeitung.de

Extremismusforscher Rolf Tophoven (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Extremismusforscher Rolf Tophoven
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Nach den Anschlägen von London hält der Terrorismusexperte Tophoven die Trennung von Geheimdiensten und Polizei für obsolet. Der Export islamischen Terrors nach Europa habe endgültig begonnen, sagte er der Netzeitung.

Von Tilman Steffen

Der Terrorismusexperte Rolf Tophoven tritt mit Blick auf die Selbstmordanschläge in London für eine engere Zusammenarbeit von Geheimdiensten und Polizei in Deutschland ein. «Aus unserer Geschichte heraus haben wir das Trennungsgebot zwischen Polizei und Nachrichtendiensten, aber wenn es um den Schutz der Bürger geht, sollte nicht an dem Trennungsgebot festgehalten werden», sagte Tophoven der Netzeitung.

Dazu könne auch die politisch angestrebte Einrichtung einer Anti-Terror-Datei dienen, so Tophoven, der auch Leiter des Essener Instituts für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik ist.

Kein Schutz gegen Selbstmordattentäter
Hinter den ersten Selbstmordanschlägen in Europa vermuten britische Ermittler muslimische Täter. «Der erste Suizidanschlag in Europa ist die Bestätigung dafür, dass der Export des Terrors begonnen hat, dass der 'Modus operandi' der Terroristen nach Europa kommt», so Tophoven. Polizei und Sicherheitsdienste seien gegen Selbstmordattentäter machtlos. «Es gibt keinen Schutz, wenn der Mann einmal unterwegs ist. Die perfide Taktik ist kaum zu bekämpfen, dass der Attentäter, wenn er gestellt wird, doch noch auf den Knopf drückt.»

Die Hilflosigkeit der Sicherheitsdienste zeige sich auch in dem extrem terrorerfahrenen Israel, wo Selbstmordattentate auch kaum verhindert würden. Zudem könne jeder Fehler fatale Folgen haben: «Die Gefahr ist auf dem Tisch, dass sie einen, aber entscheidenden Hinweis falsch interpretieren.»

Muslime sollen kooperieren
Tophoven warnte vor terroristischem Potenzial auch in Deutschland: «Die Gefahr, die ich sehe, ist, dass Mitglieder der Migrantencommunities, die hier friedlich leben, plötzlich den berühmten Schalter umlegen.»

Tophoven forderte die Muslime in Deutschland auf, enger mit den Sicherheitsbehörden zusammenzuarbeiten. «Sie haben eine Bringschuld», sagte er. Wenn auch die meisten friedlich in Deutschland lebten, müsse sich die muslimische Gemeinschaft insgesamt «vom Virus des militanten Islamismus befreien».

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Nadeem Elyas, wies die Forderung zurück. Schon seit den New Yorker Anschlägen des 11. September 2001 gebe es Immam-Seminare für die Leiter muslimischer Gemeinden. Sie
sollten «von Extremisten angesprochene Themen in den richtigen Zusammenhang bringen», sagte er der Netzeitung.

Elyas: Wir informieren Polizei
Der Zentralrat habe die Gemeinden aufgefordert, mit den Sicherheitsbehörden zusammenzuarbeiten und extremistische Haltungen von Gemeindeangehörigen in die richtige Richtung zu lenken. «Die Moscheen sind kein Umschlagpunkt von terroristischen Plänen und Informationen», so Elyas. Dennoch informierten die Gemeinden die Polizei über verdächtige Handlungen und Haltungen. Der Zentralrat gebe Informationen aus verdächtigen Anfragen, E-Mails und Post an die Behörden weiter.

Die zunehmende Religiosität muslimischer Jugendlicher bezeichnete Elyas als gute Entwicklung, solange die religiöse Glaubenspraxis in den Moscheen mit Information und Aufklärung flankiert werde.