Albright: Bush versteckt bin Laden
18. Dez 2003 10:22
Es war nur ein Witz, sagt die frühere US-Außenministerin. Doch als sie sagte, Bush halte Terroristenführer bin Laden gefangen, um ihn eines Tages popularitätsfördernd hervorzuziehen, lächelte sie nicht. Spekuliert wird auch über Saddam Hussein.
In den USA werden nach der Gefangennahme des früheren irakischen Diktators Saddam Hussein allerhand Verschwörungstheorien schlagzeilenfähig, die sich bislang nur über dubiose Treffs anonymer Surfer im Internet verbreitet hatten. So spekulierte Madeleine Albright im - privaten - Gespräch mit einem Reporter darüber, dass US-Präsident George W. Bush Osama bin Laden, den meistgesuchten Terroristen, irgendwo gefangen halten lasse, um ihn gegebenenfalls irgendwann als Trumpf aus dem Ärmel zu ziehen. Etwa im Wahlkampf um das Weiße Haus.
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Dies sagte Albright, wie Morton Kondracke, ihr Gesprächspartner, behauptet, allen Ernstes, wofür es noch andere Zeugen gebe. Sie selbst allerdings beteuert, einen Witz gemacht zu haben. Ein Witz, aus dem Fox-News wurden, denn Kondracke hat zu Albrights Verdruss aus dem Privatgespräch geplaudert, der Regel des seit fast 50 Jahren in Wahlkämpfen erfahrenen demokratischen Kampagnenmanagers Joe Cerell folgend: «Je hirnrissiger eine Bemerkung ist, desto sicherer wird sie zur Schlagzeile.»
Nachhall in höchsten Kreisen
Albrights Spekulation ist nur eine jener eigentümlichen Theorien, die mittlerweile auch in höchsten politischen Kreise Nachhall finden. Um bei bin Laden zu bleiben: Der demokratische Präsidentschaftskandidat Howard Dean behauptete, Bush habe vor dem 11. September 2001 von den bevorstehenden Terrorattacken auf das World Trade Center und das Pentagon gewusst, aber nichts dagegen unternommen. Er sei aus Saudi Arabien gewarnt worden. Dean nahm das nach lauter Kritik widerwillig und nur teilweise zurück. Auch Saddam Husseins Gefangennahme ist nach Ansicht einiger Spitzenpolitiker nicht ganz sauber gewesen. So meint der Kongressabgeordnete Jim McDermott, dass der Ex-Diktator schon längst hätte festgenommen werden können, wäre es Bush nicht um den richtigen Moment gegangen, um seine sinkenden Popularitätswerte wieder hochzubringen.
Gelächter bei Republikanern
Zur Besorgnis jener in der demokratischen Partei, die über derlei am liebsten nur lachen würden - wie, laut «Village Voice», ein Wahlkampfmanager der Republikaner -, sind solche Theorien unter Demokraten einem Artikel der «Washington Times» zufolge weit verbreitet. Die Partei fürchte, aus dem Mainstream in die Obskurität abzugleiten, wenn es so weiter gehe, heißt es. Allerdings, so wird hinter vorgehaltener Hand eingeräumt, ist die Regierung Bush nicht unschuldig an dem Gerede. Denn einige der Kriegsgründe gegen Irak waren dermaßen verdreht, dass die Frage nahe liegt, wer und warum daran gedreht haben könnte. So stellte sich jetzt, 14 Monate danach, heraus, dass Bush im Oktober 2002 bei Senatoren tatsächlich um Zustimmung für Krieg gegen Irak geworben hatte, indem er Saddam Hussein nicht nur den Besitz von ABC-Waffen unterstellte, sondern auch von Marschflugkörpern, die in der Lage seien, Gift, Krankheitserreger und Nuklearbomben auf die Großstädte an der US-Ostküste zu werfen. Das sagte ein Senator aus Florida dieser Tage Reportern. Schon damals war es ziemlich klar, dass Hussein über High-Tech-Drohnen, wie auch der überwiegende Rest der Welt außer den USA und ihren Verbündeten, nicht verfügte.
Gelegentlich wahr
Während Spekulationen über den 11. September und bin Laden im Internet gang und gäbe sind und Formen annehmen, die nicht einmal für den unseriösesten und Schlagzeilen-erpichtetsten Politiker akzeptabel scheinen, muss sich dies bei Saddam Hussein noch einspielen. Auf einem Website, das führende Verschwörungstheoretiker für seinen gelegentlichen Wahrheitsgehalt schätzen, debka.com, wird behauptet, Hussein sei bereits seit drei Wochen Gefangener von Landsleuten gewesen, die in Verhandlungen sicher stellen wollten, die 25 Millionen Dollar Belohnung ausgezahlt zu bekommen. Unter Irakern in Bagdad und London macht indessen laut «Village Voice» die Spekulation die Runde, dass Hussein schon vor Monaten gefangen genommen worden sei, weil ein Foto, das angeblich von vergangenem Sonnabend stammt, reife Datteln an einer Palme zeige, obwohl Datteln zu dieser Jahreszeit längst geerntet oder vergangen seien. Zu schweigen von selbst ernannten Forensikexperten, die, so die Zeitschrift, den schnellen DNS-Test an dem Gefangenen bezweifeln.
Selbst erfunden
Wirkliche Forensiker allerdings sagen, in wichtigen Fällen seien 24 Stunden oder weniger für den DNS-Test möglich, zumal wenn es nicht um Hunderte Vergleichtests, sondern um einen geht. Debka.com gilt laut US-Medienberichten in einschlägigen Kreisen schon deshalb als glaubwürdig, weil es dem israelischen Geheimdienst Mossad zugeordnet wird, der, wollte man Verschwörungstheoretikern in eine die Welt ausnahmsweise vereinfachende, weit verbreitete Theorie folgen, sowieso so ziemlich jedes größere Ereignis der letzten Jahrzehnte entweder selbst gesteuert oder selbst erfunden haben könnte. Wer von Antisemitismus weniger hält als der klassische Konspirationsaufdecker, freundet sich indessen mit den fruchtprallen Palmen in Husseins letztem Garten an. Und mit Albrights Osama-Spekulation, die es dem US-Präsidenten geradezu unmöglich machen dürfte, vor der Wahl im November 2004 dem Terroristenführer auf die Spur zu kommen. Es wäre, für Demokraten, ein Witz. (nz)