14.09.2001
Herausgeber: netzeitung.de
Wenn es in Frankreichs Vorstädten brennt, sind meistens Araber oder Franzosen arabischer Abstammung maßgeblich beteiligt. Vor dem Terror in den USA hatten sich die Franzosen tagelang mit dem blutigen Amoklauf eines jungen Mannes aus Béziers beschäftigt.
Safir Bghiouia hat nicht, wie irgendein Rappeur, vom Krieg zwischen rassistischen Flics und jungen Autodieben nur gesungen. Er sagte: Ich bringe die Bullen um. Und tat es.
Béziers, in der Nacht zum ersten Sonntag im September. Safir Bghiouia legte ein weißes Stirnband an, zerschlug eine Flasche Bier Das ist doch alles sinnlos, sagte er, denn den Alkohol lehnte er ab und zog im gestohlenen Auto mit Raketenwerfer und Schnellfeuergewehr los.
Zwei ToteZwei Menschen starben. Einer davon war der 72 Jahre alte Bürochef des Bürgermeisters, ein Veteran der Fremdenlegion. Eine Verwechslung: Kein Flic, aber eben ein Uniformierter. Der andere Tote war Safir Bghiouia, geboren in Béziers. Mit 25 getötet von Polizeikugeln auf einem Supermarkt-Parkplatz. Er hatte geglaubt, ein Flic werde sich dort auf ein Duell mit ihm einlassen.
Seither träumt Béziers jede Nacht den gleichen Alptraum. Nicht alle in La Devèze, der Problem-Vorstadt von Béziers, sehen die Polizisten gerechtfertigt. Auf den Straßen der alten Stadt, deren markante Silhouette die Landschaft zwischen Narbonne und Montpellier dominiert, brennen immer wieder Autos. Angezündet von jungen Leuten, die es nicht fertig bringen, «Bullen umzulegen». Und die zugleich von der eisigen Konsequenz eines Safir Bghiouia träumen. Dieser Traum ist der Alptraum der friedlichen Bürger.
Einen Krieger nennen die Jungen den Amokläufer gegenüber einer Journalistin, und geben doch zu, ihn nicht zu verstehen. Denn wäre er ein Islamist worauf die demonstrativ zerschlagene Bierflasche, das Stirnband deuten , so hätte er nicht allein gehandelt, sondern über ein Netzwerk verfügt, eine Strategie gehabt.
Krieger im Vergnügungspark Der Krieger sorgte gut für seine Familie, heißt es, und war als Autodieb polizeibekannt. Eine Jugendsünde, entschuldigen die, die ihm insgeheim anhängen. Intakte Familien sind in La Devèze, einer der Vorstädte, in denen sich die Verlierer der Gesellschaft sammeln, selten. Safir Bghiouia war Stunden vor seinem Mordzug aus Spanien zurückgekehrt, wo er seine beiden kleinen Schwestern in einen Vergnügungspark ausgeführt hatte. Ein Krieger? Scheiß-Presse, meint plötzlich einer. Journalisten verdrehen alles.
Jugendliche haben es in La Devèze besonders schwer. Neun haben in den letzten Jahren Selbstmord begangen, indem sie sich von einem Hochhaus stürzten. Einer erschoss sich, nachdem er aus dem Knast gekommen war. Ihre Herkunft tut wenig zur Sache: 20.000 Menschen, zwanzig Nationen zählt die Zeitung Libération in dem Quartier. Man lebe dort friedlich zusammen. Aber wovon? Viele haben regelmäßig mit der Polizei zu tun.
Man sagt in La Devèze, die meisten Flics seien Rassisten. Sozialarbeiter bestätigen, dass es Spannungen gebe. Bisher nichts Dramatisches. Aus dem gleichen Milieu, wenn auch aus anderen Städten, stammten die, die vor sechs Jahren im Namen Allahs Bomben bastelten und an belebten Orten und Bahngleisen ablegten. Sie hatten sich ohne große Skrupel von Entsandten algerischer Terroristen rekrutieren lassen.
Furcht vor dem Sicherheits-Thema Bis in den Wahlkampf um Frankreichs Nationalversammlung und Präsidentschaft strahlt die Frage, wie ein Typ wie Safir Bghiouia ein Arsenal ansammeln konnte, mit dem Rambo eine halbe Armee aus Vietcong-Gefangenschaft befreien könnte. Auf dem Treffen der regierenden Sozialisten zum offiziellen Ferienende in La Rochelle machte sich am Tag nach der Tat Panik bemerkbar, dass die Rechte die Schießerei in Béziers zum Anlass nehmen könnte, die innere Sicherheit zum wichtigsten Thema vor den Wahlen im Frühjahr 2002 zu machen. Wie zum Hohn brachen wenig später in Toulouse Unruhen aus, weil ein Polizist, der einen arabischstämmigen Jugendlichen getötet hatte, freigesprochen worden war.
Innere Sicherheit, meinen seit einigen Jahren nicht wenige Linke und Rechte, Experten, Sozialarbeiter und Kommunalpolitiker, ist in den Vorstädten allerdings nur zum geringen Teil eine Frage der Polizeiarbeit. Sie ist eine Frage der Mischung. Exclusion sociale, lange schon ein Top-Thema der französischen Politik, soziale Ausgrenzung, ist die Folge einer Entwicklung, die Vorstädte zu Ghettos hat verkommen lassen.
Trügerische Hoffnung Die ersten Hochhaus-Siedlungen aus jener Zeit voll trügerischer Hoffnung vor dreißig, vierzig Jahren, als das 20-stöckige Aufstapeln von Komfortwohnungen für Arme mit sozialem Fortschritt gleich gesetzt wurde, sind schon gesprengt worden, die Bewohner umgesiedelt, verteilt auf kleinere Siedlungen in anderen, besseren Vierteln. Vierteln, in denen die Adresse kein Makel ist, den man auf Jobsuche in jeden Personalfragebogen schreiben muss. In denen es anständige Schulen mit motivierten Lehrern gibt. In denen einer wie Safir Bghiouia nicht zum Krieger oder zum Autodieb würde. In denen Islamistenführer mit der Rekrutierung neuer Gewalttäter scheitern würden.
Innere Sicherheit, meinen viele, ist auch eine Frage des Respekts. Wie in anderen Problemvierteln auch, müsste die Polizei in La Devèze endlich eine Polizei der Nähe werden, neben der Rolle des (oft harten) Aufpassers und Ordnungshüters die des Moderators und des Helfers übernehmen, meint ein Sozialarbeiter. Er ist Mitarbeiter des Programms der Stadt Béziers, das selbstmordgefährdeten Jugendlichen in dem Viertel gewidmet ist. Die Polizei der Nähe gehört wie etwa Steuervergünstigungen für neue Betriebe zu den bewährten, mühsamen und teuren Methoden zur Befriedung von Quartieren, die nicht gleich gesprengt werden.
Trotziger StolzMühsam sind diese Methoden auch deshalb, weil sich in den Vorstädten längst so etwas wie ein trotziger Outlaw-Stolz gebildet hat, zusammen mit einer eigenen Sprache, einer eigenen Kultur, eigenen sozialen Ritualen und Werten. Die unter dem Eindruck des Terrors in den USA verschärften Sicherheitsbestimmungen Vigipirate heißt das wiederbelebte Aktionsprogramm, in dessen Rahmen wie vor fünf Jahren mit verstärkten, als diskriminierend empfundenen Kontrollen arabisch aussehender Menschen zu rechnen ist werden den Graben nur vertiefen. Da das jeder weiß, gilt es allgemein als Zeichen aktionistisch verbrämter Hilflosigkeit: In New York und Washington hätte Vigipirate am Dienstag nichts geändert.