05. Jul 2006 07:06
Der Zentralrat der Juden hat sich besorgt über in Deutschland agierende «Hassprediger» geäußert. Präsidentin Knobloch sieht die Politik in der Pflicht. Auch in Bezug auf den Iran sei jetzt Handeln gefordert.
Charlotte Knobloch: Eine Gefahr besteht dann, wenn der deutsche Staat nicht die Kontrolle über den Islam-Unterricht bekommt. Ich kenne Schulbücher, die zum Kampf gegen die Ungläubigen aufrufen. Den muslimischen Kindern werden Regeln an die Hand gegeben, wie sie sich zu verhalten haben. Das geht bis hin zu der Aufforderung, jeden Ungläubigen zu töten. Das ist bekannt, aber leider wird dagegen nicht vorgegangen.Netzeitung: Was erwarten Sie von der Politik?
Knobloch: Die Politik sollte ihr Pläne für einen flächendeckenden Islam-Unterricht an deutschen Schulen verwirklichen. Wenn kontrolliert wird, was muslimische Kinder lernen, dann ist die Gefahr gering, dass sie von Hasspredigern indoktriniert werden. Was ich mit Sorge beobachte, ist, dass sich Muslime offenbar zu Rechtsextremisten hingezogen fühlen. Dazu hat auch der iranische Präsident beigetragen. Seit er an der Macht ist, befasst sich die muslimische Welt mit Themen, die ihr sonst nie in den Sinn gekommen wäre.
Netzeitung: Der iranische Präsident Ahmadinedschad, den sie angesprochen haben, hat mehrfach die systematische Vernichtung der Juden während der Nazizeit bezweifelt. Im Oktober will der Iran sogar eine Konferenz zum Holocaust veranstalten.Knobloch: Von dem Iraner geht eine Gefahr aus, die wir nicht unterschätzen dürfen. Diese Holocaust-Konferenz ist ein weiterer Beweis dafür. Wir müssen diese Veranstaltung so klein wie möglich halten. Wenn sie das machen wollen, dann abgeschottet unter sich. Kein deutscher Rechtsextremer darf die Möglichkeit bekommen, dorthin zu fahren. Und wenn er hinfährt, dann sollte man ihm die Wiedereinreise nach Deutschland verweigern.
Netzeitung: Sollte man nicht versuchen, diese Konferenz zu verhindern?Knobloch: Wenn sie im Iran stattfindet, lässt sie sich nicht verhindern. Verhindern kann man Kontakte und Gespräche mit iranischen Politikern. Schäuble hat sich entsprechend verhalten und Steinmeier hat dem zugestimmt. Ich hätte mir aber gerade vom Außenminister gewünscht, dass er zu diesem Thema beim Besuch seines iranischen Amtskollegen Stellung genommen hätte.
Netzeitung: Warum hat er es nicht getan, was glauben Sie?
Knobloch: Ich denke, die Bundesregierung ist der Ansicht, dass sich durch Einwände das angeblich gebesserte Klima zum Iran wieder verschlechtern würde. Ich bin da absolut anderer Meinung. Ich finde, gerade Deutschland darf das Thema Holocaust nicht in den Hintergrund rücken. Diese Verpflichtung hat Deutschland und seine politischen Repräsentanten und kein anderes Land.
Netzeitung: Für wie gefährlich halten Sie den iranischen Präsidenten?
Knobloch: Wenn wir mal das Thema Holocaust außen vor lassen und uns nur auf das Atomprogramm des Iran konzentrieren, dann bekommen wir eine Vorstellung davon, wie gefährlich dieser Mann ist. Ein Atomwaffen-Programm in den Händen solcher radikaler Fundamentalisten ist eine Gefahr für die Welt, vor allem für Europa. Deutschland hat hier eine besondere Verantwortung.
Netzeitung: Gegen den weißrussischen Präsidenten hat die EU ein Einreiseverbot verhängt. Im Fall des iranischen Präsidenten nicht. Verstehen Sie das?Knobloch: Ich bin ja auch Vizepräsidentin des European Jewish Congress. Daher weiß ich, dass dort schon seit Wochen versucht wird, bei der Europäischen Union ein Einreiseverbot für den iranischen Machthaber zu erwirken. Der Congress ist aber auf Ablehnung gestoßen. Das ist schwer nachzuvollziehen, wenn man mal Weißrussland und Iran nebeneinander stellt. Auf der einen Seite haben wir das arme Weißrussland, das nichts bieten kann und nichts bieten wird. Und auf der anderen Seite haben wir das an Erdöl reiche Iran. Offensichtlich spielen die Wirtschaftsinteressen der Europäer die entscheidende Rolle.
Netzeitung: Sehen Sie Deutschland in einer besonderen Verantwortung, was diese Frage anlangt?
Knobloch: Ich bin schon der Auffassung, dass Deutschland ein sichtbares Zeichen setzen müsste, dass auch wirtschaftliche Interessen ihre Grenzen haben.
Netzeitung: Warum ist das bislang nicht geschehen?
Knobloch: Das ist schlicht wirtschaftliches Kalkül.
Mit Charlotte Knobloch sprachen Michael Maier und Dietmar Neuerer