03. Jul 2006 07:06
Charlotte Knobloch hält die Art der Bildungsarbeit zum Holocaust in Deutschland für unzureichend. Im Gespräch mit der Netzeitung erläutert die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, was sich ändern muss.
Charlotte Knobloch: Ich erinnere mich noch sehr gut an die Fußball-Weltmeisterschaft 1974. Damals wurden wir Weltmeister, und die Freude war groß. Jetzt haben wir gerade mal das Viertelfinale erreicht und sind wesentlich euphorischer als damals. Das finde ich gut. Man sollte diese Freude unterstützen und nicht behindern.Netzeitung: Besteht bei aller Euphorie nicht auch die Gefahr, dass aktuelle politische Probleme verdrängt und beispielsweise der Anstieg rechter Straftaten ausgeblendet werden?
Knobloch: Das Gefühl habe ich nicht. Denn es gibt immer wieder Beispiele, die das Gegenteil zeigen. Als bekannt wurde, dass die NPD eine Kundgebung in München plant, hat sich sofort ein breites Gegen-Bündnis gebildet. Und der Oberbürgermeister hat eine Demonstration gegen die Neonazis unterstützt. Die NPD hat daraufhin einen Rückzieher gemacht und die Veranstaltung verschoben. Das heißt: Trotz ihrer Freude über die WM in Deutschland vergessen die Bürger nicht, wie wichtig es ist, dieser braunen Bande zu zeigen, dass sie unerwünscht ist.
Netzeitung: Dann ist die WM-Euphorie eine Art Patriotismus, den sie gut finden?
Knobloch: Das ist ein guter Ansatz, an den man anknüpfen kann. Es darf dabei nie die Vergangenheit ausgeblendet werden. Es muss aber auch vermieden werden, dass junge Menschen sich in irgendeiner Form schuldig fühlen für das, was ihre Vorfahren vor über 60 Jahren getan haben. Dann wäre das nämlich ein falscher Patriotismus.
Netzeitung: Wenn Sie sagen «Ansatz, an den man anknüpfen kann», würden Sie es dann auch begrüßen, wenn in Deutschland über eine Leitkultur debattiert wird?Knobloch: So, wie die Debatte bisher geführt wurde, hängt dem Begriff «deutsche Leitkultur» etwas Negatives an. Es könnte der Eindruck entstehen, dass Menschen, die zu uns kommen und nicht in unserer Kultur aufgewachsen sind, eine gewisse neue Kultur aufgezwungen werden soll. Das sollte man tunlichst vermeiden. Deshalb sollte man diesen Begriff nicht wieder hervorzaubern. Man sollte vielmehr bei dem Begriff Patriotismus bleiben und diesen weiter entwickeln. Und man sollte alle Voraussetzungen schaffen, dass die Leute, die zu uns kommen, sich in unserer Kultur gut fühlen.
Netzeitung: Sollte die deutsche Sprache eine dieser Voraussetzungen sein?
Knobloch: Deutsche Sprache ist das A und O, um eine Ghettobildung zu verhindern. Nur so ist man in der Lage, auch in Kontakt zu seinen Mitmenschen zu treten. Auf diese Weise ist es auch einfacher, sich in die deutsche Kultur einzuleben.
Netzeitung: Ist es für Sie als Jüdin heute leichter zu sagen, Deutschland ist mein Vaterland?
Knobloch: Ich habe kein anderes Vaterland. Ich bin hier geboren, ich bin hier aufgewachsen, ich habe hier als Kind die schlimmste Zeit erlebt, die man erleben kann – und trotzdem bin ich in Deutschland geblieben. Mit meiner Familie zusammen habe ich wieder etwas aufgebaut und eine Heimat gefunden. Aber: Ich bin keine Patriotin. Das kann ich auch nicht sein, nach dem, was ich hier erlebt habe. Ich freue mich aber, wenn junge Menschen auf das Land, in dem sie leben, stolz sind. Das setzt allerdings voraus, dass ihnen auch gesagt wird, was nach dem Krieg getan wurde, um dieses Land wieder aufzubauen, um es zu dem zu machen, was es heute ist.
Netzeitung: Wie sehen Sie vor diesem Hintergrund die Debatte um die deutsche Nationalhymne. Die Lehrergewerkschaft GEW hat sich unlängst die Abschaffung der Hymne mit der Begründung gefordert, sie würde die Stimmung des Nationalsozialismus und der deutschen Leitkultur transportieren.
Knobloch: Das ist völlig überzogen. Ich bin auch absolut dagegen, dass die Nationalhymne im Schulunterricht eine Rolle spielt oder etwa gesungen wird. Eine Hymne ist ja nur bei bestimmten Gelegenheiten, wie jetzt bei der Fußball- Weltmeisterschaft, wichtig. Deshalb rate ich in dieser Hinsicht zu ein bisschen mehr Augenmaß. Man muss nicht immer krampfhaft die Stecknadel im Heuhaufen suchen, wenn einem etwas nicht gefällt.
Netzeitung: Ist es für Sie ein Problem, dass heute zwar einer anderer Text gesungen wird, die Melodie aber die gleiche ist wie zur Nazi-Zeit? Wäre hier nicht nach 1945 eine Zäsur nötig gewesen?
Knobloch: Das hätte man sich damals überlegen müssen. Ich halte nichts davon, das Thema jetzt anzufassen. Wir leben in einer Zeit, in der Rechtsextremismus zunimmt. Deshalb sollte man auch mit solchen Debatten wie der über die Nationalhymne vorsichtig sein. Damit spielt man den Rechtsextremisten in die Hände. Im Bundesland Sachsen ist der Horror quasi schon Realität. Die Rechten sind dort fest etabliert. Sie haben bestimmte Landesteile und gewisse Orte in ihrer Hand. Man darf dieser braunen Wirklichkeit keine Nahrung geben.
Netzeitung: Wie soll diesem Problem begegnet werden? Über Aufklärung? Die SPD hält die bisherige Vermittlung des Themas Nationalsozialismus in Schulen für unzureichend. Sollte man hier ansetzen und die Art der Bildungsarbeit zum Holocaust überdenken?Knobloch: Es ist ganz entscheidend, dass neue Wege gesucht und gefunden werden, weil die Zeit der Zeitzeugen zu Ende geht. Gerade für junge Menschen sind die Leute, die den Holocaust erlebt haben, wichtig. Sie können aus eigener Erfahrung berichten, und den Jugendlichen Fragen beantworten, die nicht in Lehrbüchern stehen. Auch provokative Fragen, Fragen, die den Zeitzeugen weh tun. Das ist mir auch schon passiert. Das macht aber nichts, wenn man sieht, dass solche Gespräche helfen, den jungen Menschen ein Gefühl dazu zu vermitteln, was damals geschehen ist. Viele begreifen dann, dass das ein einmaliger Völkermord in der Geschichte war.
Netzeitung: Sehen Sie hier Versäumnisse in den Schulen?
Knobloch: Ja. In den neuen Bundesländern gibt es immer noch Lehrkräfte und Personal im Erziehungsbereich, die über die Vergangenheit fast überhaupt nichts wissen. Wie sollen sie dann Kindern und Jugendlichen beibringen, was war? Es ist dringend notwendig, den Geschichtsunterricht neu zu gestalten, weil das Thema Nationalsozialismus darin viel zu kurz kommt. Das müsste ausgegliedert werden.
Netzeitung: Als eigenes Schulfach?
Knobloch: Ja, warum nicht. Das Thema Nationalsozialismus könnte ein eigenes Schulfach sein. Vielleicht auf ein Jahr beschränkt. Das müsste gesetzlich so geregelt werden, dass es bundesweit gilt. Als Projekt macht es keinen Sinn. Projekte werden befristet finanziert und dann laufen sie aus. Ich bin dafür, so etwas dauerhaft zu etablieren. In dem Fach könnte man auf das Wissen von Zeitzeugen zurückgreifen und auf die Möglichkeiten, die die vielen Gedenkstätten bieten. Ich hätte nicht gedacht, wie heute schon das Dokumentationszentrum des Holocaust-Mahnmals vom Besuchern in Anspruch genommen wird. Daran sieht man, das Interesse an dem Thema vorhanden ist...
Netzeitung: ...das nur zu vermitteln werden braucht.
Knobloch: Es muss vor allem richtig vermittelt werden und um Gottes Willen den jungen Menschen kein Schuldgefühl aufladen.
Netzeitung: Muss auch die Lehrerausbildung an der Stelle überdacht werden?
Knobloch: Die Lehrerausbildung muss vollkommen neu konzipiert werden. Die Lehramtsstudiengänge im Fach Geschichte sollten mit einem zusätzlichen Seminar ergänzt werden.
Mit Charlotte Knobloch sprachen Michael Maier und Dietmar Neuerer
Den zweiten Teil des Interviews lesen Sie am Mittwoch, 05. Juli. Thema: Radikaler Islamismus - auch eine Gefahr für Juden in Deutschland?