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«Juden in Deutschland sind innerlich zerrissen»

21. Jun 2006 07:01
Neue Synagoge in Berlin
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Der Zentralrat der Juden sieht in der Integration von Ostjuden auch eine «Gefahr» für die Einheit der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. Im Gespräch mit der Netzeitung skizziert Generalsekretär Kramer, was zu tun ist.

Netzeitung: Die Zuwanderung von Juden aus der früheren Sowjetunion hat die neue Präsidentin des Zentralrats, Charlotte Knobloch, als eines der Themen genannt, um die sie sich kümmern will. Was ist aus Ihrer Sicht zu tun, um die Integration der russischstämmigen Juden zu verbessern?

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Stephan Kramer: Es geht nicht nur um russische Zuwanderer. Wenn es so wäre, wäre das schön. Dann hätten wir es nur mit einer kulturellen Gruppe zu tun, um die wir uns kümmern müssten. Die Sache ist aber viel schwieriger: Wir haben russischsprachige Zuwanderer. Das heißt: Jemand, der aus St. Petersburg oder Moskau kommt, ist nicht zu vergleichen mit jemandem, der aus Almati oder aus anderen kasachischen Republiken kommt. Wir haben also kulturelle Differenzen zwischen den jüdischstämmigen Zuwanderern - eines der Probleme, vor denen wir stehen.

Netzeitung: Sehen das die in Deutschland schon lebenden Juden auch so?

Kramer: Das Thema wird in unseren Kreisen leider viel zu sehr vernachlässigt.

Netzeitung: Worin besteht das Problem mit der Zuwanderung russischsprachiger Juden?

Stephan Kramer
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Kramer: Wir stehen vor der Aufgabe eine russischsprachige nichtjüdische Mehrheit in eine deutschsprachige jüdische Minderheit zu integrieren, die selber nicht integriert ist. Und zwar weder in die Gesellschaft noch in die jüdische Religionsgemeinschaft. Ich sage ganz bewusst Religionsgemeinschaft. Denn die Frage, ob Judentum nur Religionsgemeinschaft oder Volkszugehörigkeit im Sinne von Nationalität ist, ist eine Frage, die sich für viele Juden in ihrem tiefsten Innern fast täglich stellt. Ich denke dabei auch an die sehr mutige Aussage von Frau Knobloch, sie wäre sofort bereit, den Zentralrat umzubenennen in den Zentralrat der deutschen Juden. Ich glaube, dass sie das in ihrem Herzen fühlt, obwohl sie durchaus weiß, wie schwer es ist, im täglichen Leben auch als deutsche Jüdin akzeptiert zu werden.

Netzeitung: Damit steht sie sicher nicht alleine?

Kramer: Ja. Es gibt eine innere Zerrissenheit bei vielen Juden in Deutschland – Zugewanderten wie Alteingesessenen. Insofern müssen wir eine Antwort auf die Frage finden, wie wir diese Herausforderung bewältigen können.

Netzeitung: Was schlagen Sie vor?

Kramer: Wir brauchen erst einmal eine schonungslose Problemanalyse. In allen Bereichen müssen wir prüfen, ob es Defizite gibt. Gemeint sind aber nicht nur die Defizite bei den Zuwanderern. Die kommen ja teilweise mit völlig anderen Vorstellungen zu uns und haben mit jüdischer Religion größtenteils nichts zu tun. Insofern sind überzogene Anforderungen der Alteingesessenen völlig fehl am Platze. Die halfen anfangs unseren lieben Brüder und Schwestern mit Kleidern und Möbeln. Wichtiger war ihnen aber der Gang in die Synagoge. Das war aber gar nicht so sonnvoll. Denn die Zuwanderer waren hoch ausgebildete Universitäts- Professoren, die gar nicht die Absicht hatten, sich helfen zu lassen geschweige denn am Samstag in die Synagoge zu gehen, weil sie ihr ganzes Leben nicht in der Synagoge gewesen sind.

Netzeitung: Ist das ein Grundfehler, der begangen wurde?

Kramer: Ich will niemandem etwas vorwerfen. Was ich gesagt habe, ist lediglich eine Zustandsbeschreibung. Die macht aber deutlich, wie unterschiedlich die Erwartungshaltungen auf beiden Seiten sind.

Netzeitung: Was muss sich ändern?

Kramer: Wir müssen die Sprach- und Kulturprobleme lösen. Das klingt banal, ist aber extrem wichtig. Das heißt nicht, dass die Zuwanderer sich dem Bild anpassen müssen, das wir gerne von ihnen hätten. Wir müssen vielmehr versuchen, zu verstehen, wo diese Zugewanderten herkommen und was sie in den vergangenen Jahren durchgemacht haben. Die Menschen mögen ja aus der ehemaligen Sowjetunion ausgewandert sein, weil sie für sich keine Perspektive mehr gesehen haben. Das heißt aber nicht, dass sie ihr Land plötzlich hassen oder Vaterlandsliebe nicht mehr kennen. Das Gegenteil ist der Fall. Viele Menschen, die kommen, sind Russen. Sie verstehen sich auch als Russen und sie sind stolz auf ihre Herkunft. Das sollen sie auch bleiben, solange sie keine deutschen Staatsbürger sind. Es ist außerordentlich wichtig, dass sie ihre kulturelle Verwurzelung behalten. Sie und ihre Nachkommen müssen aber auch in ihrer neuen Umgebung versuchen, neue Wurzeln zu treiben.

Netzeitung: Ist es gefährlich für den Zusammenhalt der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, wenn sie mehrheitlich aus russischsprachigen Juden besteht?

Kramer: Gefahr ist der richtige Ausdruck. Das impliziert auch in gewisser Weise Angst und Bedrohung. Ich will das gar nicht von der Hand weisen. Die jüdischen Gemeinden in Deutschland haben sich aufgrund ihrer geschichtlichen Entwicklung in Deutschland nach 1945 bis 1989 mit einer bestimmten Form von Selbstverständnis eingerichtet. In der Regel kleine Trutzburgen gegen die nichtjüdische deutsche Gesellschaft. Religiosität in den unterschiedlichen Facetten des Judentums spielte eigentlich gar keine so große Rolle. Das alles wird jetzt aufgerüttelt durch rund 200.000 Zugewanderte, von denen über 90.000 ihren Weg in die Gemeinden gefunden haben. Leider haben wir viel zu spät angefangen, uns damit auseinander zu setzen.

Netzeitung: Warum?

Kramer: Das hängt mit der romantischen Vorstellung zusammen, dass die Integration der Älteren eh nicht wirklich klappen wird, wir uns aber um die Kinder kümmern werden. Der Ansatz ist ja ganz schön, nur, ich vermisse eine intensive Auseinandersetzung damit, wie das funktionieren soll. Es fehlt eine klare Strategie. Niemand weiß, wie die Jugendarbeit aussehen muss, damit Integration auch gelingt.

Wir sehen uns außerdem mit dem Phänomen konfrontiert, dass wir den Neuankömmlingen etwas anbieten müssen, wenn wir sie nicht gleich verlieren wollen. Das heißt: Die Fluktuation in den Gemeinden wird zunehmen, wenn wir beispielsweise soziale Dienstleistungen oder ähnliches nicht weiter ausbauen. Hier muss ein Umdenken in den Gemeinden stattfinden. Dazu müssen sich liberale wie orthodoxe Gemeindemitglieder äußern. Nur gemeinsam kann man einen Weg finden, das Selbstverständnis der Gemeinden neu zu definieren.

Netzeitung: Schafft der Zentralrat die Bewältigung dieser Aufgabe allein, also die Integration der Ost-Juden, oder brauchen Sie die Hilfe der Bundesregierung?

Kramer: Alleine können wir es nicht schaffen. Es geht nur innerhalb der jüdischen Gemeinschaft im Zusammenspiel zwischen Ortsgemeinden, Landesverbänden, Zentralrat und Wohlfahrtsverband. Das können wir nur gemeinsam schultern. Wir brauchen aber auch aufgrund fehlender Infrastruktur und fehlenden Personals die Zusammenarbeit mit internationalen jüdischen Organisationen. Und ich sage ganz offen: Ich werde schamlos jede Hilfe von außen in Anspruch nehmen. Es geht darum, den Menschen ihre Jüdischkeit zurückzugeben und zu erhalten.

Netzeitung: Soll der Bund helfen?

Kramer: Natürlich brauchen wir die Unterstützung der Bundesregierung. Gefordert sind aber vor allem die Länderregierungen. Aufgrund unseres Verfassungsrechts sind für die Religionsfragen die Länder zuständig. Der Bund tut schon eine ganze Menge. Wir werden aber sicherlich mit weiteren Wünschen an ihn herantreten.

Netzeitung: Muss der Staatsvertrag mit dem Bund auf den Prüfstand?

Kramer: Im Moment nicht. Wir haben gerade darüber Gespräche geführt. Angesichts der angespannten Haushaltslage haben wir gesagt, dass wir ein Signal setzen wollen, indem wir nicht mehr Geld fordern. Wir werden mit dem klar kommen, was wir haben. Wir werden aber sicherlich 2009, 2010, wenn unsere Planungen überarbeitet und neu ausgerichtet sind, mit der einen oder anderen Forderung an den Bund herantreten. Bis dahin müssen die Länder mehr helfen. Man darf nicht vergessen, dass die Landesverbände in vielen Bereichen eine fehlende Infrastruktur haben, die nur mit Landesmitteln finanzierbar ist.

Netzeitung: Dann müssen also die Länder- Staatsverträge neu verhandelt werden.

Kramer: Es muss auf jeden Fall eine Evaluierung stattfinden. In Sachsen und Sachsen-Anhalt ist es uns das gelungen. Wir haben deutlich gemacht, dass eine bestimmte Steigerung der Mittel nötig ist, schon wegen der gestiegenen Anforderungen an die Gemeinden. Gleichwohl gibt es andere Bundesländer wie zum Beispiel Brandenburg, wo deutlich mehr geschehen muss. Da müssen wir einiges auf den Prüfstand stellen müssen und gemeinsam mit den Länderregierungen nach Lösungen suchen.

Mit Stephan Kramer sprach Dietmar Neuerer

 
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