Netzeitung Logo
 
DruckenVersenden
 

Zentralrat der Juden wirft Grass PR-Aktion vor

15. Aug 2006 07:14, ergänzt 07:15
Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland
Bild vergrößern
Das Bekenntnis seiner einstigen Mitgliedschaft in der Waffen-SS hat dem Schriftsteller Grass auch in der jüdischen Welt Kritik eingebracht. Der Zentralrat der Juden sieht ihn als moralische Instanz «ad absurdum» geführt.

Von Dietmar Neuerer

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat mit scharfer Kritik auf das SS-Bekenntnis von Günter Grass reagiert. «Die Tatsache, dass dieses späte Geständnis so kurz vor der Veröffentlichung seines neuen Buches kommt, legt (...) die Vermutung nahe, dass es sich dabei um eine PR-Maßnahme zur Vermarktung des Werkes handelt», sagte die Präsidentin des Zentralrats, Charlotte Knobloch, der Netzeitung.

Mehr in der Netzeitung:
Günter Grass sei zwar stets als «strenger moralischer Mahner aufgetreten», sagte Knobloch. Politik und Gesellschaft – insbesondere deren Umgang mit dem Nationalsozialismus – habe er scharf kritisiert. Aber: «Sein langjähriges Schweigen über die eigene SS-Vergangenheit führt nun seine früheren Reden ad absurdum», sagte die Zentralrats-Präsidentin.

Michael Fürst
Bild vergrößern
Scharfe Kritik kam auch vom Landesverband der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen. «Es ist ein merkwürdig spätes Bekenntnis, dass mir keinerlei Hochachtung abnötigt», sagte der Verbandsvorsitzende Michael Fürst der Netzeitung. «Es zeigt mir die Verstrickung einer Vielzahl von Menschen in das nationalsozialistische Verbrechenssystem, die das über Jahrzehnte hinweg entweder verdrängt oder verheimlicht haben.»

Gleichwohl nimmt Fürst Grass ab, dass er sich nach dem Krieg «sehr schnell in einer andere Richtung orientiert» habe. «Das zeigt wiederum, dass eine Verstrickung in jungen Jahren nicht unbedingt eine tiefe Verwurzelung in das Nazi-System bedeutete», analysiert der Verbands-Vorsitzende. «Junge Menschen haben auch das Recht, sich ideologisch zu irren.»

Günter Grass
Bild vergrößern
Grass war im Zweiten Weltkrieg als Jugendlicher Mitglied der Waffen-SS und hatte das in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» erstmals öffentlich bekannt. Sein Erinnerungsbuch, in dem er seine Kindheit in Danzig, Kriegsdienst und Kriegsgefangenschaft sowie seine Anfänge als Künstler im Nachkriegsdeutschland schildert, erscheint im September unter dem Titel «Beim Häuten der Zwiebel».

Schriftsteller und Zeitungs- Kommentatoren hatten Grass für dessen spätes Eingeständnis scharf angegriffen. Auch Vizekanzler Franz Müntefering kritisierte den Schriftsteller. «Es wäre gut gewesen, wenn es eher gewesen wäre», sagte der SPD-Politiker dem Nachrichtensender n-tv. Das sei aber kein Grund, mit «Hochmut über ihn herzufallen.»

Grass verteidigte sein SS-Eingeständnis. Kritikern warf er vor, ihn persönlich verletzen zu wollen. «Sicher ist es auch der Versuch von einigen, mich zur Unperson zu machen», sagte der 78-Jährige in einem Interview. «Deshalb bin ich dankbar, dass es differenzierende Gegenstimmen gibt. Ich kann nur hoffen, dass einige Kommentatoren jetzt mein Buch genau lesen.»

 
DruckenVersenden
  • Bookmark:
  • Mister Wong Webnews Yigg Linkarena Google My Space Del.icio.us Oneview Facebook Twitter
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
 
Parteitag in Hamburg: 
Piratenpartei will Bundestag entern
Live Top 5
netzeitung.de auf Ihrer iGoogle-Seite
Aus anderen Ressorts
Zur Autogazette

Geschäftsführer: Robert Rischke | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2009 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.