23.06.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Neonazis bei einer Demonstration
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Die Zweifel des Zentralrats der Juden an den Bundesprogrammen gegen Rechtsextremismus werden von der SPD nicht geteilt. Warum, begründet Vorstandsmitglied Niels Annen in einem Gastbeitrag für die Netzeitung.
Von Niels AnnenAngesichts der steigenden, rechtsextremistisch geprägten Gewalttaten in Deutschland, fällt es schwer von einem Erfolg der noch unter rot-grün aufgelegten Programme gegen Rechtsextremismus und für Demokratie und Toleranz zu sprechen.
Doch obwohl es nicht so aussieht ist genau dies der Fall und das liegt an einem Paradigmenwechsel in der Herangehensweise, die der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, offensichtlich so noch nicht wahrgenommen hat. Bei den Programmen Civitas und Entimon geht es eben gerade nicht mehr um die Arbeit mit rechtsextremistischen oder davon «infizierten» Jugendlichen. Kramer hat diese so genannte akzeptierende Jugendarbeit richtigerweise kritisiert.
Förderungsphilosophie Dieses Konzept, das hauptsächlich in den 1990er Jahren praktiziert wurde, hat in der Tat nicht funktioniert. Anstatt mit neuen Jugendheimen und ein paar Streetworkern Jugendliche zu Toleranz und Demokratie zu erziehen, hatte man plötzlich Jugendheime für Neonazis und gewalttätige Skins. Quasi Rechtsextreme mit staatlich geförderter Infrastruktur. Ich wage die Behauptung, dass die NPD im Osten auf diesen Strukturen durchaus auch aufgebaut hat.
Die Förderungsphilosophie der heutigen Programme, die von der großen Koalition fortgesetzt werden, ist eine vollkommen andere: Mit den Mitteln soll die Zivilgesellschaft gestärkt und teilweise erst aufgebaut werden. Damit sind durchaus die Organisationen gemeint, die Kramer angesprochen hat. Vereinen und Bürgerinitiativen, Kirchen und Gewerkschaften und Menschen die aktiv gegen Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus vorgehen soll der Rücken gestärkt werden.
Wissenschaftliche Evaluierungen Das ist konkrete Bildungsarbeit für Demokratie und damit gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus. Der Erfolg bemisst sich hierbei an dem wachsenden Widerstand vieler Initiativen - gerade auch im Osten Deutschlands - gegen immer mehr hemmungslos vorgehender rechtsextremer und nationalistischer Aktivisten. Die zarte Pflanze der Zivilcourage beginnt in einer bisherigen Kultur des Wegschauens zu sprießen.
Die bisherigen wissenschaftlichen Evaluierungen bestätigen diesen erfolgreichen Ansatz. Es ist mitnichten so, dass diese ständige Überprüfung mangelhaft sei, wie Kramer meint. Ganz im Gegenteil ist die wissenschaftliche Begleitung und Evaluierung immanenter Teil der Bundesprogramme gegen den Rechtsextremismus und für Toleranz und Demokratie.
Kollektivschuld und VerantwortungDie Erfolge und Erfahrungen bei dieser Arbeit könnten durchaus von Nutzen für eine Neuausrichtung der Bildungsarbeit zur Schoa und den Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands genutzt werden. Denn Kramer hat ja vollkommen Recht: Die Art und Weise der Bildungsarbeit zum Nationalsozialismus und der Schoa war und ist ja mehr als nur überdenkenswert. Wer erinnert es nicht, ein Kapitel im Geschichtsbuch der Mittelstufe und bei etwas engagierten Lehrerinnen und Lehrern vielleicht noch der Besuch einer KZ- Gedenkstätte. Allzu häufig beschränkt sich die Bildungsarbeit darauf.
So funktioniert das natürlich nicht. Und dabei wäre die Frage nach Kollektivschuld und Verantwortung, die Kramer angesprochen hat, noch nicht einmal gestreift.
Bildungsansätze sind vorhandenMeines Erachtens wird in der Bildungsarbeit zu Schoa und Nationalsozialismus nicht so sehr überfordert als gar nicht gefordert. Um von dem Unfassbaren wenigsten einen Teil verstehen zu können nachvollziehen und es in letzter Konsequenz vollkommen begreifen werden wir die Schoa nie bedarf es einer viel intensiveren und vor allem anschaulicheren Bildungs- und Erziehungsarbeit.
Die Ansätze dafür sind vorhanden. Das Washingtoner Holocaust Memorial arbeit mit der Personalisierung, mit dem Versuch des teilweisen nachvollziehen einzelner jüdisch- europäischer Schicksale. Auch das von Grund auf neu konzipierte allererste Museum zur Schoa, Jad Vaschem Jerusalem arbeitet mit ähnlichen Konzepten denken wir nur an die Halle der Kinder!
Zu selten konkretes Handeln In Deutschland existieren solche Konzepte auch bereits. Das Denkmal in Berlin Mitte für die ermordeten Juden Europas versucht ähnliche Wege zu beschreiten. Viele Gedenkstätten haben ihre Ausstellungen verändert und vom Kopf auf die Füße gestellt. Das auf einer Privat-Initiative fußende Projekt der «Stolpersteine» trägt dazu bei Geschichte und Schicksale zu verdeutlichen und aus dem Abstrakten der unfassbaren Zahlen zu holen.
All das sind positive Ansatzpunkte wie wir zu einer verbesserten Bildungs- und Geschichtsarbeit kommen könnten. Nur leider haben diese Ansätze all zu selten zu konkretem Handeln gerade in den Schulen geführt. Natürlich gibt es auch dort erwähnenswerte Ausnahmen viele Geschichts- und Politiklehrerinnen und Lehrer leisten hervorragende Arbeit trotzdem sind es nur Ausnahmen.
Sich der verbrecherischen Geschichte stellenIn der Tat besteht hier Handlungsbedarf. Denn nur durch eine verbesserte Bildungsarbeit lässt sich Verantwortungsbewusstsein für das eigene Handeln und die eigene Geschichte vermitteln. Es ist schon klar Richard von Weizsäcker hat es in seiner berühmten und wichtigen Rede zum achten Mai am besten formuliert es gibt keine Kollektivschuld. Schuld und Verschulden ist immer individuell.
Aber es gibt eine gemeinsame Verantwortung, die wir alle tragen, die Nachgeborenen wie die Generationen vor uns. Dieser Verantwortung vor der eigenen verbrecherischen Geschichte müssen wir uns stellen. Denn nur wenn wir wissen, woher wir kommen, können wir ein Bild dessen zeichnen, wohin wir gehen wollen.
Werte und Normen Ob es im Rahmen des «Bündnis für Erziehung» gelingen kann, die Bildungsarbeit zur Schoa zu revolutionieren, bezweifle ich. Zu eng war und ist dieses «Bündnis» gefasst, mir auch viel zu stark auf Kirche und, wenn es denn hoffentlich kommt, auf Glaubensgemeinschaften ausgerichtet.
Bildungsarbeit wird jedoch, da hat Kramer dankenswerterweise darauf hingewiesen, von weit aus mehr Teilen unserer Gesellschaft getragen. Ein Versuch ist es jedoch allemal wert. Nur sollte dieses Bündnis dann wirklich stark gesellschaftlich ausgeweitet werden. Die religiös orientierte Basis der Gründung müsste mehr in den Hintergrund treten. Denn schließlich sind Werte und Normen der demokratischen Gesellschaft universell und das Erinnern an die Schoa, an die Verbrechen des Nationalsozialismus und die Bildungsarbeit dazu auch.
Gerade bei der Bildungsarbeit sollten wir auch nicht auf das Wissen der Forschung und der Museumspädagogik verzichten. Die Forschung zum Nationalsozialismus und zur Schoa ist in Deutschland neben Israel und den USA - weltweit am ausgeprägten und auf hohem wissenschaftlichen Niveau.
Dieses Wissen sollten wir uns nutzbar machen für eine neue und verbesserte Bildungsarbeit zum Nationalsozialismus. Der Anfang dazu wird hoffentlich dieser Austausch sein.
Der SPD-Bundestags- Abgeordnete Niels Annen ist Sprecher der Projektgruppe «Rechtsextremismus» des Parteivorstands