19.06.2006
Herausgeber: netzeitung.de
US-Soldaten auf einem Waggon mit Leichen - nach der Befreiung des KZ Dachau
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Der Zentralrat der Juden hat scharfe Kritik an der Art geübt, wie in Deutschland der Holocaust vermittelt wird. Auch die vom Bund finanzierten Initiativen gegen Rechtsextremismus sollten überprüft werden, so der Zentralrat.
Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat einen Neubeginn bei der Vermittlung des Themas Nationalsozialismus gefordert. «Die Art und Weise, wie Bildungsarbeit zum Holocaust in den letzten 20 Jahren in Deutschland betrieben wurde, ist völlig kontraproduktiv», sagte der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan Kramer, der Netzeitung. «Sie führt zum Gegenteil dessen, was wir erreichen wollen.»
Kramer riet dazu, vor allem Jugendliche mit dem Thema Holocaust nicht zu überfordern. Wer nach dem Krieg geboren sei, habe keine Schuld auf sich geladen, betonte er. «Nur, weil jemand Deutscher ist, ist er nicht schuldig. Es gibt keine Kollektivschuld.» Gleichwohl müsse aus dem Wissen heraus, was zwischen 1933 und 1945 passiert sei, eine Verantwortung für jeden erwachsen - egal, ob er Muslim, Katholik, Protestant, Jude, Agnostiker oder völlig ungläubig sei.
Der Zentralrats- Generalsekretär sieht Mängel bei der «Holocaust Education» allerdings nicht nur in Schulen. Auch in anderen Bereichen der Gesellschaft liege «viel brach», kritisierte er. Vor diesem Hintergrund forderte Kramer ein «Gesamtkonzept». Es müsse «endlich» gelingen, die «vielen verschiedenen Möglichkeiten», die es gebe, zu bündeln. «Statt in der politischen Alltagshektik auf furchtbare Ereignisse mit Schnellschüssen zu reagieren, sollten wir uns gemeinsam an einen Tisch setzen und überlegen, was zu tun ist.»
Kramer schlug vor, den Teilnehmerkreis des «Bündnisses für Erziehung» von Bundes- Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) um beispielsweise Lehrer, Gewerkschaften, Polizei, Anwälte, Elternverbände zu erweitern. Gemeinsam müsse dann eine «Problemanalyse für die Jugend- und Bildungsarbeit» angegangen werden, um schließlich einen «Aktionsplan» zu entwickeln. «Es muss eine Verpflichtung für alle gesellschaftlichen Gruppen geben, sich an der Umsetzung dieses Plans aktiv zu beteiligen», verlangte Kramer.
Bei Jugendarbeit «vieles weggebrochen»In Bezug auf die Jugendarbeit hält Kramer eine «gesamtstaatliche Kraftanstrengung» für notwendig. Es müsse dort in der Jugendarbeit angesetzt werden, «wo vieles weggebrochen» sei. «Deutlich mehr Unterstützung könnten meiner Ansicht nach die Jugendfeuerwehren, das technische Hilfswerk, Sportvereine oder kirchliche Organisationen gebrauchen», sagte er. Es gehe nicht um Milliarden-Beträge, analysierte Kramer. Manchmal reichten schon Kleinstbeträge, um das auszugleichen, was in den Familien versäumt worden sei. «Das darf man nicht auf dem Rücken der Lehrer und Polizisten austragen.»
Vor diesem Hintergrund forderte der Zentralrats- Generalsekretär eine Überprüfung der Programme des Bundes zur Bekämpfung des Rechtsextremismus. Die bisherige Evaluierung habe bisher «nur in mangelhafter Form» stattgefunden, kritisierte er. «Wir müssen etwas dagegen unternehmen, dass bestimmte Lobby-Gruppen, die ständig auf der Suche nach neuen Finanzierungsquellen sind, von den Geldern profitieren», so Kramer. Die Mittel müssten dort ankommen, wo sie auch gebraucht würden.
Mit «rechtem Virus infiziert» Als «problematisch» an den Programmen bezeichnete Kramer in diesem Zusammenhang auch, dass sich die Initiativen nur mit den Jugendlichen auseinandersetzten, die schon mit dem «rechten Virus infiziert» seien. «Ich plädiere dafür, noch einen Schritt zurück zu gehen», sagte Kramer. «Wir müssen uns ausnahmslos um alle Kinder und Jugendlichen kümmern», fordert er und fügte hinzu. «Das heißt aber nicht, dass es eine staatlich verordnete Jugendarbeit geben muss.» Der Staat solle dort «helfend zur Seite stehen», wo es Defizite gebe.