06. Jun 2006 10:23
Die Trauerzeit für Paul Spiegel ist vorüber – jetzt muss der Zentralrat der Juden die Nachfolge seines gestorbenen Präsidenten klären. Das Amt ist schwierig, weil ihm in Deutschland große Aufmerksamkeit zukommt.
Von Jutta WagemannDas Präsidium des Zentralrates der Juden in Deutschland hat an diesem Mittwoch ein schweres Amt zu vergeben: Ein Nachfolger für Paul Spiegel, der am 30. April starb, muss gefunden werden. Wie es aussieht, wird es eine Nachfolgerin: die 73-jährige bisherige Vizepräsidentin des Zentralrats, Charlotte Knobloch.
Das Präsidentenamt ist ein schwieriges, weil ihm in Deutschland wesentlich mehr Aufmerksamkeit zukommt als es die geringe Größe des Verbandes mit etwas mehr als 100.000 Mitgliedern eigentlich erwarten ließe. Der Präsident des Zentralrats der Juden ist immer auch moralische Instanz und gefragter Gesprächspartner, wenn es um Antisemitismus, Rechtsextremismus oder das Verhältnis zu Israel geht. Vizepräsident Salomon Korn sprach bei der Trauerfeier für Spiegel von der «von nichtjüdischer Seite überdefinierten Rolle dieses Amtes».Auch nach innen gibt es für die voraussichtlich neue Präsidentin viel zu tun. Die jüdischen Gemeinden sind durch die Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion zwar schnell gewachsen, aber auch enormen Spannungen und finanziellen Belastungen ausgesetzt. Als politische Interessenvertretung der Gemeinden muss der Zentralrat sich weiterhin dafür einsetzen, Integrationsmittel über das Zuwanderungsgesetz zu erhalten.
Im Jahr 2008 steht überdies die Neuverhandlung des Staatsvertrags zwischen Bundesregierung und Zentralrat an. Der Vertrag, der zur Amtszeit von Spiegel abgeschlossen wurde, sichert dem Zentralrat jährlich eine Unterstützung von drei Millionen Euro zu. Diese Summe wird die Organisation gerne beibehalten wollen. Zugleich könnte dann erneut die Debatte über die Beteiligung der liberalen jüdischen Gemeinden ausbrechen, die nicht Mitglied im Zentralrat sind. Derzeit erhalten sie Geld aus dem Staatsvertrag vom Zentralrat.
Ende vergangenen Jahres hatte der konservativ-orthodox geprägte Zentralrat erstmals drei liberale Gemeinden aufgenommen. In der breiten Öffentlichkeit war überhaupt erst seit dem Streit um die Staatsvertrag-Mittel wahrgenommen worden, dass nicht alle jüdischen Gemeinden in Deutschland unter einem Dach vereint sind. Das Verhältnis zu den liberalen Juden zu klären, gehört zu den nicht ganz leichten Aufgaben, die auf die neue Spitze des Zentralrats warten. (epd)