30.04.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Paul Spiegel
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Paul Spiegel, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, ist im Alter von 68 Jahren gestorben. Voraussichtlich am Mittwoch soll er in Düsseldorf beerdigt werden.
Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, ist tot. Das teilte der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan J. Kramer, mit. Spiegel starb am frühen Sonntagmorgen gegen 4.30 Uhr nach langer schwerer Krankheit in Düsseldorf. Der Zentralrat sprach in einer ersten Mitteilung von «großer Trauer».
Spiegel wurde 68 Jahre alt. Das Amt des Präsidenten des Zentralrats hatte er nach dem Tod des von ihm hoch verehrten Ignatz Bubis im Jahr 2000 übernommen. Er setzte sich dabei gegen Charlotte Knobloch durch, die jetzige Stellvertreterin Spiegels. Seine letzte Amtszeit wäre im Dezember ausgelaufen.
Mahner für DemokratieDer Düsseldorfer Unternehmer lag seit mehreren Wochen mit Herzproblemen und einer Lungenentzündung im Krankenhaus. Außerdem war bei ihm eine Vorstufe von Leukämie festgestellt worden. Wegen Komplikationen wurde Spiegel in ein künstliches Koma versetzt. Mitte April hatte der Zentralrat mitgeteilt, dass es ihm wieder besser gehe und er im Sommer wieder Termine wahrnehmen könne. Er sei nach längerem Koma wieder zu Bewusstsein gekommen. Dann traten aber neue Komplikationen auf, denen er schließlich erlag.
Der am 31. Dezember 1937 geborene Spiegel war der oberste Repräsentant von mehr als 100.000 Juden. Er galt als ausgesprochener Mahner für eine kämpferische Demokratie und baute zugleich Brücken zur nichtjüdischen Mehrheit. Als sein vorrangiges Anliegen bezeichnete Spiegel die Integration der Neu-Einwanderer aus Osteuropa. Im Januar 2002 nutzte er eine Rede im Bundestag anlässlich des Holocaust-Gedenktages, um vor einem fremdenfeindlichen Bundestagswahlkampf mit dem Thema Einwanderung zu warnen. Er protestierte laut gegen einen - später zurückgenommenen - Vergleich des Kölner Erzbischofs Joachim Meisner von Abtreibungen mit den Verbrechen Hitlers und Stalins.
Schrecken und ErinnerungIm Januar 2003 konnte er sich über den Abschluss des ersten Staatsvertrages zwischen Zentralrat und Bundesregierung freuen, mit dem der jüdischen Gemeinde eine jährliche Unterstützung von drei Millionen Euro zugesichert wird. Ein weiterer Höhepunkt seiner Amtszeit war der erste Besuch eines israelischen Staatspräsidenten bei einer Synagogen-Eröffnung auf deutschem Boden. 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurden die Entschädigungszahlungen an Zwangsarbeiter der deutschen Industrie in Hitler-Deutschland weitgehend abgeschlossen. Doch immer wieder rissen öffentliche Äußerungen wie etwa das israel-kritische Flugblatt des FDP-Politikers Jürgen W. Möllemann schmerzhafte Wunden auf.
Wie bei fast allen deutschen Juden war auch der Lebenslauf Spiegels von Schrecken und Erinnerung geprägt. Den NS-Rassenwahn überlebte er als Kind versteckt im besetzten Belgien. Nach dem Vorbild seines Vaters, der drei Konzentrationslager überlebte, widmete er sich bald dem Aufbau eines jüdischen Gemeindelebens. Spiegel arbeitete von 1965 an als Redakteur und gründete 1986 auf Anregung des TV-Entertainers Hans Rosenthal eine Künstleragentur und vermarktete einige der erfolgreichsten Stars des Fernsehens und der Bühne. 1993 wurde er zunächst Vizepräsident des Zentralrates.
Trauerfeier in BerlinSpiegel hinterlässt eine Frau und zwei erwachsene Töchter. Seine Beerdigung soll voraussichtlich am Mittwoch in Düsseldorf im kleinen Kreis stattfinden. Voraussichtlich für Sonntag in einer Woche wird eine offizielle Trauerfeier in Berlin geplant.
Kramer bezeichnete den Tod von Paul Spiegel als einen «schwerwiegenden und kaum zu beschreibenden Verlust» für Juden und Nicht-Juden in Deutschland. «Wir verlieren einen bedeutenden Juden und Europäer. Paul Spiegel war ein großer Brückenbauer», sagte Kramer. Er habe Vertrauen genossen, «weit über alle Konfessionsgrenzen hinaus und in allen gesellschaftlichen Gruppen». Zur Amtsnachfolge wollte sich Kramer nicht äußern.
Die Vizepräsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, nannte Spiegel einen wahren Freund «der geliebt und verehrt wurde.» Mit «seiner ganz überzeugenden Herzlichkeit und Glaubwürdigkeit», habe er es vermocht, Bürcken zu bauen, sagte sie im Mitteldeutschen Rundfunk. Er habe auch jedem Menschen Liebenswürdigkeit entgegenbracht.
Der frühere Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Berlin, Alexander Brenner, sagte, er habe an Spiegel «in erster Linie seine Menschlichkeit» geschätzt. «Er war immer bereit zuzuhören und konnte die Interessen der Einzelnen ausgleichen.» (nz)