12. Mrz 2006 14:42
Der Zentralrat der Juden in Deutschland spricht von einer «Beleidigung der Opfer», doch die Warteschlange vor der Synagoge in Pulheim ist lang: Jeder will mal mit Schutzmaske in das mit Kohlenmonoxid gefüllte Gebäude.
Von Antje Lorscheider und Gerd KorinthenbergDie provokante Kunstaktion blieb bis zuletzt geheim: Eine Synagoge bei Köln ist am Sonntag zur «Gaskammer» geworden. Der international bekannte Künstler Santiago Sierra leitete die hochgiftigen Abgase aus den Auspuffrohren von sechs Autos in das frühere jüdische Bethaus von Pulheim-Stommeln. Mit seiner Arbeit wolle er «gegen die Banalisierung der Erinnerung an den Holocaust» angehen, erklärte der 39-Jährige Spanier in einer schriftlichen Stellungnahme zu Beginn seines Projektes «245 Kubikmeter».
Als «Beleidigung der Opfer» kritisierte der Zentralrat der Juden in Berlin die Aktion. Er frage sich, warum die Ermordeten des Holocaust und nicht die Täter derart provoziert würden, sagte Zentralrats-Generalsekretär Stephan J. Kramer. Schon unmittelbar nach Beginn der Aktion, der der Künstler bewusst fern geblieben war, bildete sich eine Warteschlange vor der ehemaligen Synagoge.
Viele Besucher wollten mit Atemschutzmaske und in Begleitung eines Feuerwehrmannes einzeln für wenige Minuten den Raum mit seiner lebensgefährlichen Konzentration an Kohlenmonoxid betreten. «Warst Du schon drin?», lautete die oft gehörte banale Frage unter den Wartenden. Die Anmeldeliste für die «Gaskammer» an diesem Sonntag war rasch «ausgebucht». Bis zum 30. April soll jeweils sonntags von 11 bis 17die Aktion erneut stattfinden, nur Ostersonntag ist Pause.
Sierras früherer Professor an der Hamburger Kunsthochschule, Bernhard Johannes Blume, äußerte sich vor der Synagogentür skeptisch: «Um an die Gaskammern erinnert zu werden, brauche ich so ein symbolisches Spektakel nicht!» Dem Bremer Museums-Kurator Peter Friese ist klar, dass Sierra «Tabus verletzt»: Vielleicht sei eine solche Aktion die einzige Möglichkeit, «gegen das Verflachen und Überformen der Erinnerung anzugehen», meinte der Kunstexperte: «Es gibt keine Chance, dem Schock zu entgehen.»
Mit drastischen Aktionen, die sich gegen Rassismus und Ausbeutung wandten, hat sich der aus Madrid stammende und in Mexico City lebende Künstler bereits seit Jahren in der Kunstszene einen Namen gemacht. So tätowierte er jungen Arbeitslosen eine lange Linie auf den Rücken, färbte die Haare von Afrikanern blond, um sie zu «Europäern» zu machen oder mauerte auf der Biennale von Venedig den spanischen Pavillon zu, den nur Spanier nach Vorlage ihres Passes betreten durften.
Für den Zentralrat der Juden geht die «niveaulose» Sierra-Aktion bei Köln weit über das hinaus, was würdigem Gedenken angemessen ist: Man könne so auch auf den Gedanken kommen, das ehemalige KZ Auschwitz zu rekonstruieren, um Besuchern in Gasmasken «ein authentisches Erfahrungserlebnis» zu vermitteln, kommentierte Generalsekretär Kramer bitter. Der Bürgermeister der rheinischen Kleinstadt, Karl August Morisse, mag nicht glauben, «dass sich jemand beleidigt fühlt, weil die Sinnhaftigkeit des Werks offenkundig ist». Er biete allen Kritikern die Diskussion über das drastische Kunstwerk in seiner Stadt an. Gegenüber dem «monströsen» Massenmord an den Juden sei «Gleichgültigkeit das Schlimmste». (dpa)