netzeitung.deHolocaust-Mahnmal: Für Spiegel zu einseitig

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Blick über das Holocaust-Mahnmal Richtung Reichstag (l.) und Hotel Adlon (r.) (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Blick über das Holocaust-Mahnmal Richtung Reichstag (l.) und Hotel Adlon (r.)
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Spiegel, vermisst in dem Holocaust-Mahnmal in Berlin einen Bezug zu den Motiven der Täter. Bundestagspräsident Thierse sprach von einem Denkmal, das jeder Besucher einzeln erfahren müsse. Thema: Holocaust-Mahnmal Bilderschau: Die Eröffnung des Holocaust-Mahnmals Denkmal für die ermordeten Juden Europas wird in Berlin eröffnet Paul Spiegels Rede in Auszügen Lehmann: Idee zu Mahnmal kam aus der Gesellschaft Das Holocaust-Mahnmal Bilderschau: Das Holocaust-Mahnmal Der «Ort der Information» Den Ermordeten ihre Namen zurückgeben Lea Rosh und das Mahnmal

Bei der Eröffnung des Holocaust-Mahnmals in Berlin hat der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, erneut die Konzeption der Gedenkstätte kritisiert.

Das Mahnmal sei unvollständig, da es sich der Frage nach dem «Warum» des Holocausts entziehe, sagte Spiegel am Dienstag bei dem Festakt vor 1500 Gästen aus aller Welt. Die Stelen drückten die Vorstellung von den Juden als Opfern aus, die Täter kämen dagegen nicht vor.

Der «Ort der Information», wo Schicksale der Opfer dargestellt würden, sei deshalb ein unerlässlicher Teil des Mahnmals, sagte Spiegel.

«Authentische Gedenkstätten bewahren»
Der Zentralratspräsident hob hervor, dass er das Mahnmal dennoch voll unterstütze. Er warnte jedoch davor, die Bedeutung der authentischen Gedenkstätten abzuwerten. Diese Stätten seien zugleich Orte der Totenruhe, so Spiegel. Ohne die authentischen Vernichtungsorte werde auf Dauer jedes Holocaust-Denkmal seinen Erinnerungswert verlieren.

Zuvor hatte Bundestagspräsident Wolfgang Thierse allen Beteiligten an dem Bau des Mahnmals gedankt. Das Stelenfeld sei eine begehbare Skulptur, die große Emotionen wecke, sagte der SPD-Politiker. Es sei ein offenes Kunstwerk, gegenüber der Stadt und dem räumlichen Umfeld, in das es übergeht.

«Das Denkmal wird Anstoß bleiben, der Streit darum wird weitergehen», sagte Thierse. Nicht alle Gegenargumente seien widerlegt worden, die Widmung bleibe umstritten. Kritiker hatten bemängelt, dass das Denkmal nicht alle Opfer der Nazi-Diktatur einbeziehe.

«Dieses Denkmal kann man nicht kollektiv begehen - es vereinzelt», so Thierse. Er hoffe, dass gerade junge Menschen die begriffslose Ausdruckskraft dieses Denkmals spüren und auch den Ort der Information besuchen werden: «Dort bekommen die Opfer Namen, Gesichter und Schicksale».

Thierse merkte an, dass im «Ort der Information» auf andere Gedenkstätten hingewiesen werde. Das Holocaust-Mahnmal erhebe «keinen Monopolanspruch» auf das Gedenken. Es ermögliche heutigen und nachfolgenden Generationen, sich mit dem Kopf und mit dem Herzen dem unbegreiflichen Geschehen zu stellen. «Es ist eine bauliche Symbolisierung für die Unfasslichkeit des Verbrechens.»

Einfachheit macht es provokativ
Der Architekt des Mahnmals, Peter Eisenmann, sprach von einem sehr bewegenden Tag. Er sprach noch einmal die Kontroversen an, die es während des Baus des Mahnmals gegeben habe. Man habe, so Eisenmann, mit dem Mahnmal eine Debatte anstoßen wollen, damit zukünftige Generationen sich ihre eigenen Gedanken über das Geschehene machen könnten. Die Einfachheit des Mahnmals mache es provokativ.

Eisenmann sagte, er habe sich über den Ort der Information getäuscht: Dieser sei aus seiner heutigen Sicht sehr wichtig. Er selbst habe während der Errichtung des Mahnmals seine jüdischen Wurzeln wieder stärker wahrgenommen.

Zum Abschluss seiner Rede sagte Eisenmann, für ihn sei es jetzt an der Zeit zu schweigen. Im Herzen sei er eigentlich New Yorker, aber von heute an sei ein Teil seiner Seele in Berlin.

Überlebende des Holocaust
Nach Thierse und Eisenmann sprach mit Sabina van der Linden eine Überlebende des Holocaust, die als einzige ihrer Familie den Holocaust überlebt hat. Sie schilderte, wie sie als 11-Jährige «unglaubliche Verbrechen» gesehen habe, Mord und Vergewaltigung und wie ihre ganze Familie im Lager umgebracht worden sei, wenige Tage, bevor russische Truppen ihr Dorf befreiten

In ihrer bewegenden Rede sagte sie, sie hätte es sich niemals träumen lassen, eines Tages für die Toten und für die Überlebenden in Berlin sprechen zu dürfen. Es gebe keine Kollektivschuld, sagte sie. Die Kinder der Mörder seien keine Mörder. Man müsse sie aber daran messen, wie sie mit den Taten ihrer Vorfahren umgingen. Die in Sydney lebende van der Linden erhielt nach ihrer Rede stehende Ovationen.

Rosh: Alle Opfernamen verewigen
Ihr Herz sei voller Trauer für die Opfer und voller Dankbarkeit für diesen Tag, sagte die Initiatorin des Mahnmals, Lea Rosh. Das Denkmal solle die Ermordeten ehren und ihnen ihre Namen zurückgeben. Ziel sei, dass im «Raum der Namen» irgendwann alle Opfernamen zu sehen und zu hören sein werden. (nz)