Auschwitz: 

netzeitung.de«Wenn ich rede, träume ich nicht»

 Herausgeber: netzeitung.de

Auschwitz am Tag der Befreiung, 27. Januar 1945 (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Auschwitz am Tag der Befreiung, 27. Januar 1945
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Willi Frohwein wurde als Deutscher geboren, katholisch getauft und mit 12 Jahren zum «Halbjuden» erklärt. Dass die Bürokratie in Auschwitz ihn wieder offiziell als Deutschen deklarierte, rettete vermutlich sein Leben.

Von Katharina Schuler

Willi Frohwein ist ein gefragter Mann. Kaum ein Monat vergeht, in dem der 80-Jährige nicht irgendwo auftritt. Bei Gedenkveranstaltungen, vor Schulklassen und anderen Interessierten. Nicht selten hat er 400 Zuhörer, nie hat er einen vorbereiteten Text. «Ich erzähle von den Bildern, die ich sehe, sobald ich die Augen schließe», sagt er.

Frohwein ist der Überlebende eines Massenmordens, das nun 59 Jahre zurückliegt. Zwei Jahre lang, von April 1943 bis Januar 1945, war er Häftling in Auschwitz. Mit einer gewissen Routine krempelt er an der passenden Stelle des Gesprächs den Ärmel seines grauen Hemdes hoch. Kurz lässt er, wie zum Beweis, die kleine schwarze Nummer sehen, die man ihm eintätowiert hat: 122785.

Der Tod in Oberschlesien
Seit damals ist soviel über jenen Ort gesagt und geschrieben worden, dass das Geschehene manchmal fast in eine mythische Ferne gerückt zu sein scheint. Längst ist Auschwitz zu einer Metapher geworden, zu einem Kristallisationspunkt westlichen Denkens. So vieles schien «nach Auschwitz» seine Selbstverständlichkeit verloren zu haben, bedurfte einer radikalen Neubestimmung. Da vergisst man mitunter, dass die Ereignisse solange nicht zurückliegen. Es sind nur die Jahre, die aus einem jungen einen alten Mann gemacht haben.

Als Frohwein selbst zum ersten Mal von jenem Grauen erfuhr, von dem er bald ein Teil sein sollte, sagte man nicht Auschwitz, sondern Oberschlesien. Es war 1942, Frohwein war damals ein großgewachsener, schmaler 19-Jähriger mit braunem, seitengescheiteltem Haar. Als so genannter «Halbjude» war er verpflichtet worden, in der Werkzeugmaschinen-Fabrik Sasse in Spandau Munition zu polieren. Damals hörte man plötzlich häufiger von gesunden Menschen, die nach «Oberschlesien» kamen, und dort wenig später an Herzversagen starben oder an Lungenentzündung.
So normal wie möglich
Zu diesem Zeitpunkt war Frohwein seit sieben Jahren Jude. Zuvor war er einfach nur ein Junge aus Spandau gewesen, wie die anderen trug er Matrosenhemd und Schnürstiefel und wohnte mit seinen Eltern und drei Geschwistern im Seitenflügel eines Mietshauses aus dem 19. Jahrhundert. Er war katholisch getauft und Mitglied der Pfadfinder in der Mariengemeinde. Das alles änderte sich, als 1935 die Lehrer die Herkunft der Schüler feststellen mussten. Plötzlich spielte es eine Rolle, dass Willis Vater, auch er katholisch getauft, jüdischer Abstammung war. «Halb und halb is och eener», riefen die Kinder Willi nun auf dem Schulhof nach.

Was ein Jude war, wusste der 12-jährige Willi allerdings nicht. In den folgenden Jahren merkte er aber, dass die Welt jetzt komplizierter wurde, gefährlicher und einsamer. Freunde und Verwandte zogen sich zurück, eine Nachbarin hetzte der Familie mehrfach die Gestapo auf den Hals, eine Lehrstelle sollte Willi verwehrt werden. In der Familie selbst sprach man nicht darüber, warum alles plötzlich so anders war. «Meine Mutter hat alles dafür getan, das Familienleben so normal wie möglich weitergehen zu lassen», sagt Frohwein heute.

In Auschwitz
Wehren aber wollte er sich schon. Also produzierte er Ausschuss in dem Rüstungsbetrieb, in dem er arbeiten musste. Nach der dritten Vorladung zum «Treuhänder der Arbeit» unternahm er einen Fluchtversuch in die Schweiz, der aber misslang. Im April 1943 verließ er in einem überfüllten Gefängniswagen Berlin Richtung Osten. Hier hörte Willi Frohwein zum ersten Mal das Wort Auschwitz: «Ihr Juden braucht euch nicht einzubilden, dass ihr in Auschwitz älter werdet als 14 Tage», sagte einer, der bessere Kleidung trug als die anderen, und sich in dem Waggon frei bewegen konnte. Als der Zug schließlich hielt, sah Frohwein ein Schild. Jetzt war Auschwitz eine Bahnstation. «Ich habe etwa vier Monate gebraucht, um herauszufinden...», bricht Frohwein seinen Satz ab. Von «Vergasen» wurde im Lager nicht gesprochen. «Wenn Transporte gingen, hieß es nur: Wieder ein Transport. Man wusste es, aber keiner hat es ausgesprochen.»

Auch Willis Mutter hörte in dieser Zeit zum ersten Mal das Wort «Auschwitz». Seit man ihren Sohn aus dem Gestapo-Lager in der Berliner Wuhlheide weggebracht hatte, wusste sie nicht, wo er war. Da machte sie sich den Umstand zunutze, dass ihr älterer Sohn Heinz zu einem Strafbataillon eingezogen worden war. Man setzte ihn dort als Minensucher ein. Dennoch war er damit offiziell «im Felde», und Willis Mutter konnte bei der Gestapo als Soldatenmutter auftreten. Einer ihrer Söhne sei nun im Krieg und von dem anderen wisse sie gar nichts, möglicherweise sei er ja schon tot, sagte sie zu dem Gestapo-Mann. «Ach», erwiderte der ungerührt, «das glaube ich kaum, da hätten sie von Auschwitz schon Nachricht».
Der eine Soldat, der andere ein Jude
Sie schrieb einen Brief an die Kommandantur von Auschwitz, wieder als besorgte Soldatenmutter. Frohwein ist überzeugt, dass es dieser Brief war, der ihm gleich zweimal das Leben rettete. Wenige Monate nach seiner Ankunft war der ohnehin schlanke Mann bereits zu dem geworden, was man im Lagerjargon einen «Muselmann» nannte, eine bis zum Skelett abgemagerte Gestalt, deren Lebenserwartung in Tagen gemessen wurde. «Da kam ein Arzt zu uns und versprach denen, die mitkommen, leichtere Arbeit. Ich habe alle meine Kräfte gebündelt, um auf den Transport raufzukommen, aber es waren keine fünf Minuten um, da haben sie mich wieder runtergeholt», erzählt Frohwein.

Acht Tage später – Frohwein lag mit Rippenfellentzündung im Krankenblock – wurde er nochmals selektiert. «Diesmal habe ich das Märchen von der leichteren Arbeit nicht mehr geglaubt», sagt er. «Diesmal wollte ich mit, ich wollte, dass Schluss ist». Aber wieder wurde er von dem Transport heruntergenommen. Obwohl er anschließend noch vier Wochen im Krankenbau lag, wurde er nachher nicht mehr selektiert. «Es ist der Brief gewesen», glaubt Frohwein. Die SS sei verwirrt darüber gewesen, dass eine Mutter zwei Söhne hat, von denen der eine Soldat ist und der andere «als Jude herumläuft». Da habe man ihn vorsichtshalber verschont.
«Gebt dem deutschen Muselmann»
Als er vom Krankenblock auf den Infektionsblock verlegt werden sollte, blickte der Arzt auf seine Karteikarte und war angesichts eines dort offenbar angebrachten Vermerks irritiert: «Was bist Du denn nun eigentlich, Jude oder Deutscher?», fragte er. Frohwein zögerte. Die Frage war ihm schon einmal gestellt worden, ganz am Anfang. «Ich bin Deutscher», hatte er geantwortet und sofort Schläge kassiert. Diesmal aber entschied der anwesende Häftlingsschreiber kurzerhand: «Du bist Deutscher.»

Im Lager Deutscher zu sein, fühlte sich anders an, das merkte Frohwein bald. «Gib mal erst dem deutschen Muselmann da», sagte etwa ein SS-Mann, als es um die Verteilung des Nachschlags ging. Als Deutscher war es möglich, zu einem SS-Mann zu gehen und zu fragen, ob es nicht einen Arbeitsplatz in der Wäscherei gebe, schließlich sei er doch Wäscher und Plätterer. «Als Jude hätte ich mich das nie getraut», sagt Frohwein. Er kam in die neue Wäscherei. Als Deutscher konnte Frohwein in Auschwitz überleben, das von Soldaten der Roten Armee am 27. Januar 1945 befreit wurde.
Das Unbegreifliche
Willi Frohwein aber war mit vielen anderen bereits vorher abtransportiert worden, als man am 18. Januar 1945 damit begonnen hatte, das Lager zu räumen. In offenen Waggons ging es nun zurück Richtung Westen, wieder starben viele. Das Unbegreifliche sei für ihn bis heute, wie diese Menschen gestorben seien, sagt Frohwein. «Die saßen neben einem, und dann, ohne zu jammern oder zu klagen oder überhaupt noch etwas zu sagen, sind sie einfach gestorben, einfach weggegangen.» Er selbst musste noch zwei Monate lang in Dora-Mittelbau an der «Wunderwaffe» V2 mitbauen, dann wurde er, wieder bis aufs Skelett abgemagert, nach Bergen-Belsen gebracht, wo er am 15. April von den Engländern befreit wurde.

«Nein», sagt Frohwein nachdenklich, mitleidlos sei man nicht geworden im Lager. «Man hat schon noch mitgefühlt, wenn man die anderen gesehen hat. Nur dass man selber genauso ausgesehen hat, auf die Idee ist man gar nicht gekommen. Ich habe die anderen gesehen und gedacht, wie kann man in so einem Zustand überhaupt noch laufen?»

Wer redet, träumt nicht
Nach dem Krieg hat er jahrzehntelang nicht über das gesprochen, was er erlebt hat, nicht mit seinen Eltern, auch nicht mit seiner Frau oder seinen Kindern. Es sei die Scheu gewesen, andere zu belasten, aber auch die Angst vor dem Mitleid: «Ich wollte für das anerkannt werden, was ich leiste, nicht für das, was ich mitgemacht habe». Schließlich war er noch jung, gerade mal 22, als er aus dem KZ kam, und das Leben fing eben erst an. Doch ganz verdrängen ließ sich das Geschehene nicht. «Ich hatte furchtbare Alpträume», sagt er. «Was ich geträumt habe, war ja manchmal noch schlimmer, als das, was ich erlebt habe.»

Im Alter ist die Vergangenheit wieder näher gerückt. Seit einiger Zeit kann er gar nicht mehr aufhören zu reden. Er fühle sich als Überlebender dazu verpflichtet. Und etwas Gutes hat es darüber hinaus: «Wenn ich rede, träume ich nicht.»

Die Jugendgeschichtswerkstatt Spandau hat über Willi Frohweins Erlebnisse ein Buch herausgegeben. Mareike Auener und Uwe Hofschläger (Hrsg.): Von Spandau nach Auschwitz. Willi Frohwein, Berlin 2002.