netzeitung.de«Saddam-Urteil wird Gewalt weiter anheizen»

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Irakische Schiiten feiern Urteil gegen Saddam (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Irakische Schiiten feiern Urteil gegen Saddam
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Nach dem Todesurteil gegen Saddam Hussein zeigt sich die internationale Presse gespalten. Einige Zeitungen sehen eine Hinrichtung als gerechte Strafe. Andere befürchten nun weitere Unruhen im Irak. .zwischentitel { font: bold 11px verdana, arial, helvetica, sans-serif; display: block; padding: 1px 3px 1px 3px; } «Independent»: Gerechte Strafe für Saddam «Man muss um Saddam Hussein keine einzige Träne vergießen. Ohne jeden Zweifel ist er des Massenmordes schuldig. Wenn irgendein gestürzter Staatschef die Todesstrafe verdient, dann er. Selbst die entschiedensten Kritiker der Invasion und der Besetzung des Iraks müssen zugeben, dass die irakische Justiz das Recht hatte, ihm den Prozess zu machen - auch wenn ein internationales Gericht den Fall vermutlich besser geregelt hätte. Und, was das letztliche Urteil betrifft: Alles andere als ein Schuldspruch wäre eine Beleidigung gegenüber den unzähligen getöteten Kurden, Schiiten und anderen gewesen.» «Nepszava»: Rechtsstaatliche Leistung «Mag sein, dass das Niveau des Prozesses nicht an westliche Maßstäbe herankam. Doch unter den Verhältnissen dieses in den Bürgerkrieg schlitternden Landes stellt er eine herausragende rechtsstaatliche Leistung dar, auf die das irakische Volk stolz sein kann. Natürlich ist es kein Zufall, dass das Urteil gegen Saddam unmittelbar vor den US-Kongresswahlen gefällt wurde. Es wäre nicht der erste Mal in der demokratischen Welt, dass ein an sich herausragendes Ereignis auf zynische Weise von der Tagespolitik in Beschlag genommen würde. Das Ereignis selbst bleibt aber deshalb immer noch ein herausragendes.» «La Croix»: Urteil stellt Eintracht im Irak nicht wieder her «Während die Amerikaner davor stehen, ihrem Präsidenten George W. Bush mit dem Wahlzettel zu sagen, was sie von seiner Politik halten, reicht die Nachricht aus Bagdad vom Todesurteil gegen Saddam Hussein nicht aus, das Vertrauen nun wieder herzustellen. Im Irak hoffen die Behörden zwar, das Urteil werde die 'schwarze Periode' beenden, weil der Prozess trotz aller Einschränkungen und Grenzen eine sinnvolle Auseinandersetzung mit der Vergangenheit gebracht habe. Aber nicht alle Kapitel der letzten 30 Jahre sind damit abgeschlossen. Und der Tod eines Menschen, auch eines tausendfach kriminellen, wird Einheit und Eintracht eines zerrissenen Landes nicht wieder herstellen. Im Gegenteil, er läuft Gefahr, nur zusätzliches Öl ins Feuer zu gießen.» «The Times»: Lebenslänglich wäre besser als Hinrichtung «Und was passiert, wenn alle juristischen Instanzen beendet sind? Das ist ein Thema, das vor allem die Iraker und nicht die Außenstehenden betrifft. Die Todesstrafe ist in ganz Westeuropa abgeschafft. Falls sie vollstreckt wird, würde dies verständlicherweise Abscheu auslösen - selbst wenn die betroffene Person Saddam ist. Dagegen hat der Gedanke, Saddam bis zum Ende seiner Tage im Gefängnis zu behalten, viel für sich - eine Person, die sich einem Volk so aufgezwängt hat. Dies wäre ein besseres Signal für einen neuen Irak als eine Hinrichtung.» «Basler Zeitung»: UN-Tribunal wäre angemessen gewesen «Es sind die grundsätzlichen Umstände, die das Verfahren gegen Saddam kritikwürdig erscheinen lassen. Völkerrechtlich war es nicht sauber, Saddam Hals über Kopf vor ein irakisches 'Sondertribunal' zu stellen und dabei Elemente des irakischen mit westlichem Strafrecht zusammenzuschustern. Ein UN-Tribunal wäre die angemessene Lösung gewesen. Auch wenn es Jahre gedauert hätte bis zum Urteilsspruch. Aber das wollten weder die USA noch die neue irakische Regierung. Washington wollte ein rasches Urteil, es wollte Saddam am Strang hängen sehen, um seine Invasion zu rechtfertigen. ´ Die meisten Iraker - und vor allem die politischen Führer - wollen dies auch. Jedenfalls, soweit sie Schiiten oder Kurden sind. Bei den Sunniten könnte dies anders sein. Das Urteil gegen Saddam wird daher die Gewalt im Irak voraussichtlich weiter anheizen.» «Le Figaro»: Prozess bringt keine Versöhnung «Der Prozess hat nicht dazu beigetragen, die Iraker zu versöhnen, weil das Verfahren sich zu keinem Zeitpunkt von seiner »Erbsünde« hat befreien können, von den Besatzern (und damit teilweise auch für sie) organisiert worden zu sein. Um den Augenschein von Unparteilichkeit zu wahren, hätte das Weiße Haus mit dem Urteilspruch, der nur den Republikanern helfen kann, bis nach den US-Kongresswahlen warten können. (...). Es ist schade, dass das Urteil den Eindruck vermitteln kann, eine unter Vorwand unternommene Intervention nachträglich zu legitimieren. Das Urteil hätte vor allem doch der Gründungsakt eines irakischen Rechtsstaates nach 24 Jahren der Diktatur werden sollen.» «Corriere della Sera»: Bush sieht Urteil als Wahlhilfe «Todesstrafen werden in nur zwei Fällen mit Sicherheit ausgesprochen: Wenn die Urteile von Prozessen vorbereitet werden, die keine Garantien für Gerechtigkeit bieten, oder wenn die Schuld des Angeklagten derart offensichtlich und sicher ist, dass jedes andere Urteil unmöglich ist. Die Todesstrafe für Saddam Hussein hat die Besonderheit, unter beide Kategorien zu fallen. (...) George W. Bush, der Saddam gestürzt und sich die Verantwortung für einen angekündigten Krieg mit verheerenden Folgen aufgebürdet hat, hofft vielleicht, dass das rechtzeitige Urteil aus Bagdad ihm bei der morgigen Wahl hilft. Aber er unterschätzt (...) die noch mehr destabilisierende Spirale, die Saddam auf dem Schafott auslösen könnte. Und dies würde den schrittweisen Rückzug der amerikanischen Truppen, den Amerika lauthals ankündigt, noch problematischer gestalten. (...) Aber es gibt noch eine kleine, winzige Möglichkeit: Dass nämlich die Vollstreckung des Urteils aufgehoben und im Berufungsverfahren in lebenslange Haft umgewandelt wird - wodurch Saddam als gefallener Diktator und Häftling noch irrelevanter würde als seine Leiche.» «Tages-Anzeiger»: Institutionen im Irak funktionieren nicht «So ist es auch kein Zufall, dass die erste Instanz ihr Verdikt zwei Tage vor den amerikanischen Wahlen publik gemacht hat. Der Prozess gegen den Tyrannen vom Tigris hat viele Erwartungen nicht erfüllt, die die amerikanischen und irakischen Architekten dieses Sondergerichtes damit verknüpft haben. (...) Das Verfahren hat zudem die Anforderungen nicht erfüllt, die an einen fairen und unparteiischen Prozess zu stellen sind. Überschattet von mehreren Morden war es vielmehr das Spiegelbild eines Landes, in dem keine Institution wirklich funktioniert. Es hat das Vertrauen der Iraker und Irakerinnen in die Justiz nicht gestärkt und damit die tiefe Kluft im Land nicht kleiner gemacht.» «Gazeta Wyborcza»: Saddam verdient Höchststrafe «Der Irak richtete über den Diktator nach bestem Vermögen. Man kann dem Tribunal Fehler unterstellen, aber den Prozess und seine Rechtskräftigkeit muss man akzeptieren. Selbst wenn nur ein Zehntel der Vorwürfe zutrifft, verdiente Saddam die höchste im irakischen Gesetz vorgesehene Strafe. Das ist der Tod durch den Strang. Und wieder - werden europäische Standards angewendet - lässt sich dieses Urteil verurteilen. Die Verteidiger der Menschenrechte schreiben bereits Petitionen, um den Verurteilten zu retten. Es ist leicht, die Todesstrafe prinzipiell abzulehnen, wenn man in einem ruhigen und relativ rechtsstaatlichen Land in Europa im 21. Jahrhundert vor dem Fernseher sitzt. Leider ist Bagdad eine andere Welt und eine völlig andere Epoche.» «Der Standard»: Versöhnung im Irak ist gescheitert «Die Verfahren gegen Saddam Hussein und seine Mittäter waren auch als Teil des Versöhnungsprozesses der Iraker in der Post-Saddam-Ära gedacht: Ein Land sollte die Verantwortlichen für das, was ihm über Jahrzehnte widerfahren ist, zur Rechenschaft ziehen, als Schlussstrich und Neubeginn - eine Einigung auf eine gemeinsame Sicht der Vergangenheit und ein gemeinsames Projekt für die Zukunft. Das ist gescheitert; genauso wie der verfassunggebende Prozess hat auch das Saddam-Tribunal die Iraker nur weiter gespalten. Der Irak befindet sich heute in einem Bürgerkrieg. Saddam Hussein inmitten dieses Bürgerkriegs hinzurichten, mag zwar die Rachegelüste eines Teils (des größeren) der irakischen Gesellschaft umso mehr befriedigen, die Reaktionen darauf wären aber ebenso umso heftiger. Für die irakischen Entscheidungsträger sollte sich ganz einfach die Frage stellen, ob das das Land noch aushält.» «De Volkskrant»: Symbol für gespaltenen Irak «Der Prozess verlief bei weitem nicht einwandfrei und da er im Irak stattfand, war die Chance groß, dass die umstrittene Todesstrafe ausgesprochen würde. Im Nachhinein kann gesagt werden, dass das Urteil überzeugender gewesen wäre, hätte Saddam sich vor einem internationalen Gericht verantworten müssen. Damals ist zu Gunsten eines nationalen Verfahrens entschieden worden mit dem Argument, dass die Iraker selbst verantwortlich sein sollen für die notwendige Abrechnung mit der Vergangenheit. Aber angesichts des schwachen irakischen Rechtssystems konnte der Prozess nur mit starker ausländischer Hilfe geführt werden, namentlich mit amerikanischer. Angesichts der brüchigen Sicherheit und der zunehmenden Konfrontation ist das Verfahren gegen Saddam viel mehr ein Symbol für den gespaltenen als für den wiedergeborenen Irak geworden.» «Rzeczpospolita«: Todesstrafe ist richtig «Saddam Hussein war einer der blutigsten Diktatoren der modernen Welt. Daran besteht wohl kein Zweifel. Viele Experten und Politiker im Westen stören sich jedoch an dem Urteil, das gestern gefallen ist - der Todesstrafe. Das ist falsch. Eine andere Strafe wäre für die Iraker unverständlich. Nicht nur für die Opfer des Saddam-Regimes, sondern auch für jene, die mitverantwortlich für die Verbrechen sind. Denn man muss daran erinnern, dass die Strafe für einen Diktator, der Völkermord am eigenen Volk beging und seine Landsleute viele Jahre lang quälte, gleichzeitig eine Abrechnung mit dem verbrecherischen System ist.» «La Repubblica»: Trophäe eines unglücklichen Kriegs «Für George W. Bush ist der irakische Tyrann die einzige Trophäe eines unglücklichen Krieges, die er vorweisen kann. Und die Todesstrafe für den Auftraggeber und Ausführer so vieler Massaker durch das Sondertribunal in Bagdad war schon im Vorfeld sicher. Das Tribunal ist dabei zwar Ausdruck der irakischen Justiz, aber sicherlich nicht frei von jener Supermacht, die den Tyrannen gestürzt hat und bewacht. (...) Auch wer - wie unser Land - aus Prinzip gegen die Todesstrafe ist, hätte es sonderbar, ja überraschend gefunden, wenn das Urteil weniger drastisch ausgefallen wäre, in einem Land, wo das Blut - von meist Unschuldigen - täglich pünktlicher fließt als das Trinkwasser und wo man im Gefängnis sicherer ist, als auf der Straße.» «Telegraaf»: Preis für Saddam-Urteil zu hoch «Saddam hat Jahrzehnte lang Tod und Verderben gesät. Hunderttausende wurden Opfer dieses Verbrechers, der kein einziges Mittel scheute, wie Folter und Vertreibung. Hussein gehört in die Reihe der machtlüsternsten Diktatoren der jüngsten Geschichte. Dass der Ex-Präsident abgesetzt ist und verurteilt durch ein irakisches Gericht nach einem transparenten und öffentlichen Verfahren, und dass er nun für seine abscheulichen Taten bestraft wird, ist eine historische Tatsache. (...) Es war eines der wichtigsten Ziele des Eingreifens im Irak durch die internationale Gemeinschaft unter Leitung der Amerikaner und der Briten, den Verbrecher Saddam Hussein zu ergreifen und vor Gericht zu stellen. Dieses Ziel ist endlich erreicht. Der Preis, der dafür gezahlt werden musste und noch muss - Tausende Soldaten fielen, unter ihnen fast 2800 aus den Vereinigten Staaten -, ist jedoch zu hoch.» (nz)

«Independent»: Gerechte Strafe für Saddam
«Man muss um Saddam Hussein keine einzige Träne vergießen. Ohne jeden Zweifel ist er des Massenmordes schuldig. Wenn irgendein gestürzter Staatschef die Todesstrafe verdient, dann er. Selbst die entschiedensten Kritiker der Invasion und der Besetzung des Iraks müssen zugeben, dass die irakische Justiz das Recht hatte, ihm den Prozess zu machen - auch wenn ein internationales Gericht den Fall vermutlich besser geregelt hätte.

Und, was das letztliche Urteil betrifft: Alles andere als ein Schuldspruch wäre eine Beleidigung gegenüber den unzähligen getöteten Kurden, Schiiten und anderen gewesen.»

«Nepszava»: Rechtsstaatliche Leistung
«Mag sein, dass das Niveau des Prozesses nicht an westliche Maßstäbe herankam. Doch unter den Verhältnissen dieses in den Bürgerkrieg schlitternden Landes stellt er eine herausragende rechtsstaatliche Leistung dar, auf die das irakische Volk stolz sein kann. Natürlich ist es kein Zufall, dass das Urteil gegen Saddam unmittelbar vor den US-Kongresswahlen gefällt wurde.

Es wäre nicht der erste Mal in der demokratischen Welt, dass ein an sich herausragendes Ereignis auf zynische Weise von der Tagespolitik in Beschlag genommen würde. Das Ereignis selbst bleibt aber deshalb immer noch ein herausragendes.»

«La Croix»: Urteil stellt Eintracht im Irak nicht wieder her
«Während die Amerikaner davor stehen, ihrem Präsidenten George W. Bush mit dem Wahlzettel zu sagen, was sie von seiner Politik halten, reicht die Nachricht aus Bagdad vom Todesurteil gegen Saddam Hussein nicht aus, das Vertrauen nun wieder herzustellen. Im Irak hoffen die Behörden zwar, das Urteil werde die 'schwarze Periode' beenden, weil der Prozess trotz aller Einschränkungen und Grenzen eine sinnvolle Auseinandersetzung mit der Vergangenheit gebracht habe.

Aber nicht alle Kapitel der letzten 30 Jahre sind damit abgeschlossen. Und der Tod eines Menschen, auch eines tausendfach kriminellen, wird Einheit und Eintracht eines zerrissenen Landes nicht wieder herstellen. Im Gegenteil, er läuft Gefahr, nur zusätzliches Öl ins Feuer zu gießen.»

«The Times»: Lebenslänglich wäre besser als Hinrichtung
«Und was passiert, wenn alle juristischen Instanzen beendet sind? Das ist ein Thema, das vor allem die Iraker und nicht die Außenstehenden betrifft. Die Todesstrafe ist in ganz Westeuropa abgeschafft. Falls sie vollstreckt wird, würde dies verständlicherweise Abscheu auslösen - selbst wenn die betroffene Person Saddam ist.

Dagegen hat der Gedanke, Saddam bis zum Ende seiner Tage im Gefängnis zu behalten, viel für sich - eine Person, die sich einem Volk so aufgezwängt hat. Dies wäre ein besseres Signal für einen neuen Irak als eine Hinrichtung.»

«Basler Zeitung»: UN-Tribunal wäre angemessen gewesen
«Es sind die grundsätzlichen Umstände, die das Verfahren gegen Saddam kritikwürdig erscheinen lassen. Völkerrechtlich war es nicht sauber, Saddam Hals über Kopf vor ein irakisches 'Sondertribunal' zu stellen und dabei Elemente des irakischen mit westlichem Strafrecht zusammenzuschustern. Ein UN-Tribunal wäre die angemessene Lösung gewesen. Auch wenn es Jahre gedauert hätte bis zum Urteilsspruch. Aber das wollten weder die USA noch die neue irakische Regierung. Washington wollte ein rasches Urteil, es wollte Saddam am Strang hängen sehen, um seine Invasion zu rechtfertigen. ´

Die meisten Iraker - und vor allem die politischen Führer - wollen dies auch. Jedenfalls, soweit sie Schiiten oder Kurden sind. Bei den Sunniten könnte dies anders sein. Das Urteil gegen Saddam wird daher die Gewalt im Irak voraussichtlich weiter anheizen.»

«Le Figaro»: Prozess bringt keine Versöhnung
«Der Prozess hat nicht dazu beigetragen, die Iraker zu versöhnen, weil das Verfahren sich zu keinem Zeitpunkt von seiner »Erbsünde« hat befreien können, von den Besatzern (und damit teilweise auch für sie) organisiert worden zu sein. Um den Augenschein von Unparteilichkeit zu wahren, hätte das Weiße Haus mit dem Urteilspruch, der nur den Republikanern helfen kann, bis nach den US-Kongresswahlen warten können. (...).

Es ist schade, dass das Urteil den Eindruck vermitteln kann, eine unter Vorwand unternommene Intervention nachträglich zu legitimieren. Das Urteil hätte vor allem doch der Gründungsakt eines irakischen Rechtsstaates nach 24 Jahren der Diktatur werden sollen.»

«Corriere della Sera»: Bush sieht Urteil als Wahlhilfe
«Todesstrafen werden in nur zwei Fällen mit Sicherheit ausgesprochen: Wenn die Urteile von Prozessen vorbereitet werden, die keine Garantien für Gerechtigkeit bieten, oder wenn die Schuld des Angeklagten derart offensichtlich und sicher ist, dass jedes andere Urteil unmöglich ist. Die Todesstrafe für Saddam Hussein hat die Besonderheit, unter beide Kategorien zu fallen. (...)

George W. Bush, der Saddam gestürzt und sich die Verantwortung für einen angekündigten Krieg mit verheerenden Folgen aufgebürdet hat, hofft vielleicht, dass das rechtzeitige Urteil aus Bagdad ihm bei der morgigen Wahl hilft. Aber er unterschätzt (...) die noch mehr destabilisierende Spirale, die Saddam auf dem Schafott auslösen könnte. Und dies würde den schrittweisen Rückzug der amerikanischen Truppen, den Amerika lauthals ankündigt, noch problematischer gestalten. (...)

Aber es gibt noch eine kleine, winzige Möglichkeit: Dass nämlich die Vollstreckung des Urteils aufgehoben und im Berufungsverfahren in lebenslange Haft umgewandelt wird - wodurch Saddam als gefallener Diktator und Häftling noch irrelevanter würde als seine Leiche.»

«Tages-Anzeiger»: Institutionen im Irak funktionieren nicht
«So ist es auch kein Zufall, dass die erste Instanz ihr Verdikt zwei Tage vor den amerikanischen Wahlen publik gemacht hat. Der Prozess gegen den Tyrannen vom Tigris hat viele Erwartungen nicht erfüllt, die die amerikanischen und irakischen Architekten dieses Sondergerichtes damit verknüpft haben. (...)

Das Verfahren hat zudem die Anforderungen nicht erfüllt, die an einen fairen und unparteiischen Prozess zu stellen sind. Überschattet von mehreren Morden war es vielmehr das Spiegelbild eines Landes, in dem keine Institution wirklich funktioniert. Es hat das Vertrauen der Iraker und Irakerinnen in die Justiz nicht gestärkt und damit die tiefe Kluft im Land nicht kleiner gemacht.»

«Gazeta Wyborcza»: Saddam verdient Höchststrafe
«Der Irak richtete über den Diktator nach bestem Vermögen. Man kann dem Tribunal Fehler unterstellen, aber den Prozess und seine Rechtskräftigkeit muss man akzeptieren. Selbst wenn nur ein Zehntel der Vorwürfe zutrifft, verdiente Saddam die höchste im irakischen Gesetz vorgesehene Strafe. Das ist der Tod durch den Strang.

Und wieder - werden europäische Standards angewendet - lässt sich dieses Urteil verurteilen. Die Verteidiger der Menschenrechte schreiben bereits Petitionen, um den Verurteilten zu retten. Es ist leicht, die Todesstrafe prinzipiell abzulehnen, wenn man in einem ruhigen und relativ rechtsstaatlichen Land in Europa im 21. Jahrhundert vor dem Fernseher sitzt. Leider ist Bagdad eine andere Welt und eine völlig andere Epoche.»

«Der Standard»: Versöhnung im Irak ist gescheitert
«Die Verfahren gegen Saddam Hussein und seine Mittäter waren auch als Teil des Versöhnungsprozesses der Iraker in der Post-Saddam-Ära gedacht: Ein Land sollte die Verantwortlichen für das, was ihm über Jahrzehnte widerfahren ist, zur Rechenschaft ziehen, als Schlussstrich und Neubeginn - eine Einigung auf eine gemeinsame Sicht der Vergangenheit und ein gemeinsames Projekt für die Zukunft. Das ist gescheitert; genauso wie der verfassunggebende Prozess hat auch das Saddam-Tribunal die Iraker nur weiter gespalten.

Der Irak befindet sich heute in einem Bürgerkrieg. Saddam Hussein inmitten dieses Bürgerkriegs hinzurichten, mag zwar die Rachegelüste eines Teils (des größeren) der irakischen Gesellschaft umso mehr befriedigen, die Reaktionen darauf wären aber ebenso umso heftiger. Für die irakischen Entscheidungsträger sollte sich ganz einfach die Frage stellen, ob das das Land noch aushält.»

«De Volkskrant»: Symbol für gespaltenen Irak
«Der Prozess verlief bei weitem nicht einwandfrei und da er im Irak stattfand, war die Chance groß, dass die umstrittene Todesstrafe ausgesprochen würde. Im Nachhinein kann gesagt werden, dass das Urteil überzeugender gewesen wäre, hätte Saddam sich vor einem internationalen Gericht verantworten müssen. Damals ist zu Gunsten eines nationalen Verfahrens entschieden worden mit dem Argument, dass die Iraker selbst verantwortlich sein sollen für die notwendige Abrechnung mit der Vergangenheit.

Aber angesichts des schwachen irakischen Rechtssystems konnte der Prozess nur mit starker ausländischer Hilfe geführt werden, namentlich mit amerikanischer. Angesichts der brüchigen Sicherheit und der zunehmenden Konfrontation ist das Verfahren gegen Saddam viel mehr ein Symbol für den gespaltenen als für den wiedergeborenen Irak geworden.»

«Rzeczpospolita«: Todesstrafe ist richtig
«Saddam Hussein war einer der blutigsten Diktatoren der modernen Welt. Daran besteht wohl kein Zweifel. Viele Experten und Politiker im Westen stören sich jedoch an dem Urteil, das gestern gefallen ist - der Todesstrafe.

Das ist falsch. Eine andere Strafe wäre für die Iraker unverständlich. Nicht nur für die Opfer des Saddam-Regimes, sondern auch für jene, die mitverantwortlich für die Verbrechen sind. Denn man muss daran erinnern, dass die Strafe für einen Diktator, der Völkermord am eigenen Volk beging und seine Landsleute viele Jahre lang quälte, gleichzeitig eine Abrechnung mit dem verbrecherischen System ist.»

«La Repubblica»: Trophäe eines unglücklichen Kriegs
«Für George W. Bush ist der irakische Tyrann die einzige Trophäe eines unglücklichen Krieges, die er vorweisen kann. Und die Todesstrafe für den Auftraggeber und Ausführer so vieler Massaker durch das Sondertribunal in Bagdad war schon im Vorfeld sicher. Das Tribunal ist dabei zwar Ausdruck der irakischen Justiz, aber sicherlich nicht frei von jener Supermacht, die den Tyrannen gestürzt hat und bewacht. (...)

Auch wer - wie unser Land - aus Prinzip gegen die Todesstrafe ist, hätte es sonderbar, ja überraschend gefunden, wenn das Urteil weniger drastisch ausgefallen wäre, in einem Land, wo das Blut - von meist Unschuldigen - täglich pünktlicher fließt als das Trinkwasser und wo man im Gefängnis sicherer ist, als auf der Straße.»

«Telegraaf»: Preis für Saddam-Urteil zu hoch
«Saddam hat Jahrzehnte lang Tod und Verderben gesät. Hunderttausende wurden Opfer dieses Verbrechers, der kein einziges Mittel scheute, wie Folter und Vertreibung. Hussein gehört in die Reihe der machtlüsternsten Diktatoren der jüngsten Geschichte. Dass der Ex-Präsident abgesetzt ist und verurteilt durch ein irakisches Gericht nach einem transparenten und öffentlichen Verfahren, und dass er nun für seine abscheulichen Taten bestraft wird, ist eine historische Tatsache. (...)

Es war eines der wichtigsten Ziele des Eingreifens im Irak durch die internationale Gemeinschaft unter Leitung der Amerikaner und der Briten, den Verbrecher Saddam Hussein zu ergreifen und vor Gericht zu stellen. Dieses Ziel ist endlich erreicht. Der Preis, der dafür gezahlt werden musste und noch muss - Tausende Soldaten fielen, unter ihnen fast 2800 aus den Vereinigten Staaten -, ist jedoch zu hoch.» (nz)