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US-Studie: Mehr als 650.000 Tote im Irak

11. Okt 2006 15:56, ergänzt 19:47
Iraker inspizieren ein Autowrack nach einer Bombenexplosion am Mittwoch
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Seit Beginn des Irakkriegs sind in dem Land hunderttausende Menschen durch Anschläge und Kämpfe gestorben. Das ist das Ergebnis einer amerikanischen Studie. Sowohl die USA als auch Irak stritten die Zahlen ab.

Durch die Folgen des Krieges von 2003 im Irak sind nach einer regierungsunabhängigen Untersuchung fast 655.000 Menschen ums Leben gekommen, rund zweieinhalb Prozent der irakischen Bevölkerung. Die Studie amerikanischer und irakischer Ärzte wurde am Mittwoch vom britischen Medizin-Journal «The Lancet» online veröffentlicht. Sie untermauere eine vor zwei Jahren erschienene Einschätzung derselben Ärztegruppe, wonach es bis zum damaligen Zeitpunkt rund 100.000 zusätzliche Todesfälle seit Kriegsbeginn gegeben habe. Seitdem habe sich die Situation dramatisch entwickelt. Der US-Forscher Gilbert Burnham sprach vom bislang «tödlichsten internationalen Konflikt des 21. Jahrhunderts».

Mehr in der Netzeitung:
Die Wissenschaftler um Gilbert Burnham von der Johns-Hopkins- Universität in Baltimore (US-Bundesstaat Maryland) hatten für die jetzt veröffentlichte Untersuchung 1849 Haushalte mit knapp 13.000 Menschen an 47 zufällig ausgewählten Orten im Irak besucht. Dort fragten sie nach Todesfällen zwischen Januar 2002 und Juni 2006, mit dem Ergebnis, dass rund 87 Prozent der 629 Registrierten nach Kriegsausbruch ums Leben gekommen waren. Das entspricht mehr als einer Verdoppelung der jährlichen Sterberate seit Beginn der US- Invasion von 55 auf 133 Todesfälle unter 10.000 Menschen.

Einzige unabhängige Untersuchung

Hochgerechnet kommen die Forscher auf landesweit 392.979 bis 942.636 zusätzliche Todesfälle im Irak durch Kriegsfolgen mit einem Mittelwert von 654.965 Toten - jene rund 2,5 Prozent der Bevölkerung. Das Fachblatt verwies auf die solide Methodik der Untersuchung. Alle vier Gutachter hätten die Veröffentlichung empfohlen, heißt es in einem redaktionellen Kommentar des ältesten Medizinjournals der Welt. Eine Gutachterin habe unterstrichen, dass diese Analyse «möglicherweise die einzige nicht regierungsfinanzierte wissenschaftliche Untersuchung sei, die eine Abschätzung der Zahl irakischer Todesfälle seit der US-Invasion liefere».

Mehr im Internet:
Mehrere Experten sagten der Zeitung, dass sie die Erhebungsmethode für tragfähig hielten. «Dies ist die beste Schätzung zur Sterblichkeit, die wir haben», betonte der Epidemiologe Ronald Waldman von der Columbia-Universität in New York.

Für 92 Prozent der registrierten Todesfälle seien Sterbeurkunden ausgestellt worden, schreiben die Wissenschaftler in ihrer Studie. Demnach waren mit 55 Prozent die meisten zusätzlichen Todesfälle gewaltsam. Demzufolge waren 31 Prozent der registrierten Toten aus der Zeit nach der Invasion durch Schüsse ums Leben gekommen, jeweils sieben Prozent durch Luftangriffe und Autobomben und acht Prozent durch andere Explosionen. Dabei unterscheidet die Studie nicht, ob es sich bei den Toten um Zivilisten oder Soldaten handelt. Die Autoren der betonen die völkerrechtliche Bedeutung ihrer Ergebnisse.

Bush zweifelt

US-Präsident George W. Bush bestritt die Zahlen jedoch. Er halte die Untersuchung nicht für glaubwürdig, sagte er in Washington. In der Vergangenheit hatte er mehrfach von 30.000 Toten gesprochen. Auf Nachfrage von Journalisten sagte er am Mittwoch, er bleibe dabei, dass «viele unschuldige Menschen» getötet worden seien.

Angesichts der schweren Gewalt im Irak rief Bush zugleich zum «Durchhalten» auf. Anderenfalls drohe das Land zu einem «Terroristenstaat» zu werden - und der könne beliebig den Ölhahn zudrehen: «Das dürfen wir nicht zulassen», betonte er.

Laut dem irakischen Gesundheitsministerium starben allein im September im Irak 2700 Menschen an Gewalt. Das waren 400 mehr als im August, dem Start einer US-irakischen Offensive zur Eindämmung der Gewalt. Die irakische Regierung erklärte allerdings zu der in «Lancet» veröffentlichten Studie, darin seien alle Regeln der Genauigkeit und der Forschung missachtet worden. Die Zahlen seien «völlig überzogen» und «von der Wahrheit weit entfernt». (nz)

 
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