Regierung ruft Deutsche aus Irak zurück
20. Dez 2005 10:46, ergänzt 14:18
 |  Staatsminister Gernot Erler
| Foto: dpa |
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Der Bund ruft die letzten Deutschen im Irak auf, das Land zu verlassen. Staatsminister Erler hat allerdings Verständnis dafür, dass die gerade freigelassene Susanne Osthoff bleiben will.
Nach der Freilassung Susanne Osthoffs hat die Bundesregierung an die noch im Irak befindlichen Deutschen appelliert, das Land zu verlassen. Das Risiko von Entführungen sei weiter hoch, sagte der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Gernot Erler.Ähnlich äußerte sich Außenamtssprecher Martin Jäger. Das Leben im Irak spiele sich unter sehr gefährlichen Bedingungen ab, so Jäger. Osthoff hält sich Jäger zufolge noch in Bagdad auf, wird den Irak aber «in allernächster Zukunft» verlassen. Wohin sie reise, bleibe allein ihrer persönlichen Entscheidung überlassen.
Der SPD-Politiker sagte in einem Hörfunkinterview, zwar bestehe im Prinzip weiter das Hilfsgebot Deutschlands für den Irak. Man hoffe aber, dass der Fall der als Geisel genommenen Deutschen doch zu einer Einsicht führe: «nämlich, dass diese Einschätzungen, die da getroffen werden in Form von Reisewarnungen des Auswärtigen Amts, doch zu beachten sind».Deswegen habe das Ministerium noch einmal sehr eindringlich darauf hingewiesen, dass deutsche Staatsangehörige das Land dringend verlassen sollten, so Erler. Schließlich sei das Entführungsrisiko weiter hoch und man müsse befürchten, «dass das ja nicht immer so ausgeht wie im Fall Osthoff».
Sozialversicherungsdenken der Bürger
Verständnis äußerte Erler für die Entscheidung Susanne Osthoffs, zunächst nicht nach Deutschland zurückzukehren und vor Ort zu bleiben. «Dies ist, glaube ich, eine persönliche Entscheidung von ihr, die mit der Familie zusammenhängt», sagte er. Das habe überhaupt keinen politischen Hintergrund. «Das Auswärtige Amt kann hier auch niemanden zwingen, das eine zu tun oder das andere, das liegt in der Hand der Betroffenen», fügte der Staatsminister hinzu. Jürgen Chrobog, einst Staatsminister im Auswärtigen Amt, kritisierte ein «Sozialversicherungsdenken» deutscher Bürger im Ausland. Wer sich in Gefahr begebe, müsse das Risiko kennen, sagte er dem Bayerischen Rundfunk. Viele erwarteten eine Rundumversicherung des Staates, aber Wunder könne der nicht bewirken.
Täglich Tote
Derzeit leben noch etwa 100 Deutsche im Irak. Viele von ihnen haben dort Familie. Zudem arbeiten in Bagdad einige deutsche Diplomaten. Hilfsorganisationen zogen ihre Mitarbeiter weitgehend ab, darunter «Ärzte ohne Grenzen», «Arche Nova» und «Help». Täglich sterben bei Anschlägen im Irak Zivilisten, irakische Sicherheitskräfte oder Soldaten der US-geführten Truppen. Seit dem Sturz des Saddam-Regimes entführten Extremisten weit mehr als 200 Menschen. Dutzende Geiseln wurden ermordet, andere kamen frei - vermutlich nach Zahlung von Lösegeld, was aber offiziell stets bestritten wird. Erst am Sonntagabend war nach 23-tägiger Geiselhaft die entführte Deutsche Archäologin Susanne Osthoff frei gekommen. (nz)