08. Dez 2005 07:44
Das Auswärtige Amt rät Deutschen, auf keinen Fall in den Irak zu reisen. Der Journalist Michael Clasen tut es dennoch. Die Netzeitung sprach mit ihm über Taxi fahren, verdrängte Risiken und beunruhigend stille Geiselnehmer.
Vier Mal ist Michael Clasen bereits seit dem Sturz Saddam Husseins im Irak gewesen. «Zum Glück ist nie etwas passiert» sagt er. Er wolle sich von Terroristen nicht einschüchtern lassen, betont er kurz vor seiner fünften Reise in das Land, in dem kürzlich zum ersten Mal auch eine Deutsche entführt wurde.Er kennt Susanne Osthoff. Sie habe die Risiken im Irak zu sehr verdrängt, meint der Reporter für die «Neue Osnabrücker Zeitung». Dennoch müsse nun alles dafür getan werden, um sie freizubekommen. Es deute einiges darauf hin, dass das gelingen könnte.
Netzeitung: Für westliche Ausländer generell, besonders aber auch für Journalisten gilt seit langem eine Reisewarnung für den Irak. Seit der Entführung der deutschen Archäologin Susanne Osthoff rät das Auswärtige Amt noch deutlicher als zuvor von einem Aufenthalt in diesem unruhigen Land ab. Am heutigen Donnerstag fliegen Sie in den Irak. Warum hören Sie nicht auf die Warnungen?
Michael Clasen: Am 15. Dezember sind dort Parlamentswahlen. Ich möchte darüber berichten und mit Menschen sprechen, die diese Schritte hin zu einer demokratischen Gesellschaft miterleben und mit prägen. Ich war bereits vier Mal seit dem Sturz Saddam Husseins im Irak; jedes Mal habe ich die bestehenden Reisewarnungen missachtet. Zum Glück ist nie etwas passiert.
Netzeitung: Die Entführung von Susanne Osthoff hat gezeigt, dass sogar Menschen, die viel Erfahrung mit der Situation im Irak haben und um die Gefahren wissen, nicht sicher sind. Was macht Sie so mutig?
Clasen: Meine Entscheidung, wieder in den Irak zu reisen, ist eine grundsätzliche. Ich weigere mich, mich von Terroristen einschüchtern zu lassen. Denn Verunsicherung ist genau deren Ziel. Man kann im Irak etwas in Bewegung bringen, wenn man Kontakt zur Regierung und zu lokalen Führern herstellt. Das, was sie zu sagen haben, möchte ich Menschen außerhalb des Irak berichten. Ich sichere mich dabei so gut wie möglich ab und gehe kein Risiko ein.
Netzeitung: Was bedeutet das konkret für Ihren Arbeitsalltag im Irak?
Clasen: Meinen Freunden im Irak kann ich vertrauen. Wo immer ich hingehe, begleiten mich andere, oft sind sie bewaffnet. Ich fahre nur im Konvoi. Und längere Strecken fliege ich, statt ein Taxi zu wählen. Das ist einfach zu gefährlich.
Netzeitung: Susanne Osthoff wurde während einer Reise mit dem Taxi entführt…
Clasen: Sie war zuvor mehrfach gewarnt worden, dass genau dies passieren könnte. Susanne Osthoff war sich der Risiken im Irak bewusst, hat sie aber oft verdrängt. Ich habe sie im Oktober 2005 kennen gelernt. Wir sind dann zusammen im Flugzeug von Arbil nach Bagdad gereist. Sie kam mir sehr engagiert, aber auch sehr wagemutig vor.
Als sie mir erzählte, dass sie in Mossul ein altes Haus saniert, glaubte ich zuerst, das sei ein Scherz. Mossul ist brandgefährlich. Im Mai hatte die Al-Qaeda-Gruppe im Irak ernste Pläne, Osthoff zu entführen und hätte die auch fast in die Tat umgesetzt. Der US-Geheimdienst konnte Osthoff in einer dramatischen Rettungsaktion von Mossul nach Bagdad in Sicherheit bringen. Danach verließ sie den Irak, kehrte aber bald wieder zurück. Netzeitung: Wieso hat sich die deutsche Archäologin so offensichtlichen Gefahren ausgesetzt?
Clasen Sie hat während ihrer Jahre im Irak so viele extrem schwierige Situationen gemeistert, dass sie deshalb das Risikobewusstsein etwas verloren hat, denke ich. Susanne Osthoffs Liebe zu dem Land ist extrem. Vielleicht hat sie trotz aller Hinweise auf Gefahren diese nicht wahrhaben wollen. Das spielt aber letztlich keine Rolle. Jetzt muss alles getan werden, damit sie wieder freikommt.
Netzeitung: Die «Neue Osnabrücker Zeitung» hat den Appell der Mutter von Susanne Osthoff, ihre Tochter am Leben zu lassen, über die irakische Regierung an die Medien des Landes weitergeleitet. Was erhoffen Sie sich davon?
Clasen: Es deutet einiges darauf hin, dass die Geiselnehmer von Osthoff eine kriminelle Gruppierung sind, der es nur um Geld geht. Geiseln werden im Irak wie Vieh gehandelt. Seit Saddams Sturz sind schon mehr als 1000 Menschen entführt und viele gegen Lösegeld wieder freigelassen worden. Die meisten von ihnen waren Einheimische.
Die große öffentliche Aufmerksamkeit für Susanne Osthoff könnte die Entführer dazu bewegen, sie wieder freizugeben, ohne ihr etwas anzutun – allerdings zu einem vermutlich sehr hohen Preis. Beunruhigend ist einzig, dass nach mehr als zehn Tagen noch immer nichts von den Geiselnehmern zu hören ist. Die Deutschen werden so schnell wie möglich mitpokern müssen. Netzeitung: Es lohnt sich also für Geiselnehmer im Irak, Ausländer zu entführen.
Clasen: Jeder Ausländer, der da rumläuft, ist Millionen wert.
Mit Michael Clasen sprach Domenika Ahlrichs